Wettlauf gegen das Vergessen

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Alzheimerforschung – komplizierter als gedacht

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Eine Verabredung mit Bekannten zu versäumen oder die Brille zu verlegen ist ärgerlich, kommt aber wohl bei jedem mal vor. Für Menschen, bei denen Alzheimer – die häufigste Form von Demenz – diagnostiziert wurde, sind solche Symptome jedoch erst der Anfang. Mit fortschreitender Krankheit schreitet auch der Gedächtnisverlust der Patienten fort und sie werden zum Pflegefall. Das große Problem: Es gibt bis heute keine Möglichkeit, Alzheimer zu heilen oder aufzuhalten.

Schätzungsweise 1,2 Millionen Menschen sind in Deutschland von Alzheimer betroffen, jedes Jahr kommen rund 200.000 neue Patienten hinzu. Grund für die steigende Zahl ist die alternde Gesellschaft, denn nur in seltenen Fällen erkranken Menschen unter 60 Jahren.

 

In den vergangenen 30 Jahren wurde intensiv an der Erkrankung geforscht. Das hat zwar zum Verständnis der Ursachen und der Symptome beigetragen, trotz aller Bemühungen gibt es jedoch bis heute keine Therapiemöglichkeit. „Während die Medikamentenentwicklung in allen anderen Krankheitsgebieten wie zum Beispiel Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen zur Senkung der Sterbezahlen geführt hat, steigen die Zahlen der Betroffenen bei Alzheimer“, sagt Prof. Dr. Hans-Ulrich Demuth, Leiter der Abteilung Molekulare Wirkstoffbiochemie und Therapieentwicklung am Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI). „Dadurch kommt es natürlich zu einer gesellschaftlichen Belastung, zu einer Belastung der Familien beziehungsweise der Pflegeinstitutionen, sodass die Gesellschaft gezwungen ist darauf zu reagieren.“ Diese Belastung und der Mangel an Lösungen sind die Gründe, warum die EU beispielsweise allein zwischen 2007 und 2013 200 Millionen Euro in die Alzheimerforschung gesteckt hat.

Infobox: Ist Alzheimer vererbbar?

Weniger als zwei Prozent der Erkrankungen sind erblich bedingt. Die „Familiäre Alzheimer-Erkrankung”, bei der Symptome bereits im Alter von 30 bis 60 Jahren auftreten, ist somit sehr selten. Die meisten Erkrankten leiden am sogenannten „Sporadischen Alzheimer”. Dabei spielen genetische Faktoren nur eine untergeordnete Rolle, der größte Risikofaktor ist das Alter.

Die Alzheimerforschung gilt als besonders schwierig, weil die Krankheit durch viele Komponenten bedingt wird und damit sehr komplex ist. Mittlerweile sind sich viele Experten einig, dass Eiweißverklumpungen im Gehirn, die aus dem Molekül Beta-Amyloid bestehen, Alzheimer verursachen. „Dieses Amyloid ist ein kleines Eiweiß. Es wird nicht direkt von einem Gen gemacht, sondern aus einem ganz großen Eiweiß. Man muss es sich vorstellen wie eine große Papprolle, aus der ein kleines Stückchen herausgeschnitten wird. Diese Stückchen verkleben mit sich selbst und formen dann die Eiweißklumpen, oder Plaques wie wir sie nennen, im Gehirn von Alzheimerpatienten“, erklärt Prof. Dr. Dr. Christian Haass vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) am Standort München. Amyloid produzieren wir alle ständig, auch wenn wir noch vollkommen gesund sind. Aber die ständige Produktion von Amyloid ist die Ursache für das extrem hohe Risiko zu erkranken, da mit zunehmendem Alter Amyloid nicht mehr vom Gehirn abtransportiert und zerstört wird.

Eine weitere Besonderheit im Gehirn von Alzheimerpatienten sind die Tau-Fibrillen. Das sind unauflösliche, in sich gedrehte Fasern, die vorwiegend aus einem Protein namens Tau bestehen. Auch das Tau-Protein kommt in jedem Gehirn vor, jedoch ist es bei Erkrankten so verändert, dass es aus Sicht von Christian Haass zum Absterben der Nervenzellen führt. Dass das Tau-Protein alleine für Alzheimer verantwortlich ist, glaubt er jedoch nicht: „Es gibt sehr viele Demenzpatienten, die nur Tau-Ablagerungen haben. Sie haben allerdings eine völlig andere Krankheit, die sogenannte Frontotemporale Demenz. Bei Alzheimer ist der Unterschied, dass das Amyloid dazu kommt.” Eine Ansicht, die auch Demuth vertritt: „Um die heute allgemein anerkannte Formel auf den Punkt zu bringen: das Beta-Amyloid ist der Initiator und Tau ist der Exekutor.“

„Wir müssen beginnen unkonventionell zu denken und in mehrere Richtungen forschen”

(Prof. Dr. Christian Behl)

Auch wenn viele Experten diese Meinung vertreten, bleibt ein Problem: „Bisher konnte noch kein Alzheimerpatient durch die Wegnahme des Amyloids geheilt werden, es fehlt ein endgültiger Beweis”, sagt Dr. Christian Behl, Professor am Fachbereich Medizin der Universität Mainz. Erst Ende vergangenen Jahres scheiterte die Zulassungsstudie eines vielversprechenden Antikörpers gegen Beta-Amyloid, da er über längere Zeit hinweg keine Wirksamkeit zeigte. Kein Grund zur Verunsicherung seien diese Ergebnisse hingegen laut Christian Haass: „Bei jedem klinischen Versuch kann es Rückschläge geben. Man muss bedenken, dass das Medikamente sind, die wahrscheinlich über 20, 30 oder gar 50 Jahre ins Gehirn gelangen müssen ohne Schaden zu verursachen. Man muss sich daher auf viele Rückschläge gefasst machen. Das heißt aber nicht, dass die ganze Forschung falsch war.“ Bei der letzten gescheiterten Studie sei es ein Problem gewesen, dass die Behandlung zu spät begonnen hatte und die Schäden im Gehirn der Patienten bereits zu groß waren. Ein anderer Antikörper namens Aducanumab wird momentan auf seine Wirksamkeit getestet. Erste, vielversprechende Ergebnisse aus einer vorangegangenen Studie zeigen, dass der Antikörper das Fortschreiten der Krankheit in einer kleinen Gruppe von Alzheimerpatienten in einem frühen Stadium verlangsamen konnte. Die Ergebnisse werden 2020 erwartet, der endgültige Beweis steht damit noch aus.

„Natürlich wäre auch ich glücklich, wenn die entwickelten Antikörper wirken würden und die Theorie sich am Ende bewahrheitet, aber wir sollten uns darauf nicht verlassen und offen für andere Ansätze bleiben. Wir müssen beginnen unkonventionell zu denken und in mehrere Richtungen forschen”, sagt Behl. Welcher Ansatz tatsächlich zu einer erfolgreichen Therapie führen kann, wird sich jedoch erst zeigen können, sobald ein erstes Medikament auch in klinischen Studien eindeutige Wirksamkeit beweist. Und eines ist ziemlich sicher: Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

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