„Amyloid ist die entscheidende Komponente bei der Entstehung von Alzheimer!”

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Ein Gespräch mit Prof. Dr. Dr. Christian Haass

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Es gibt bisher keine erfolgreichen Behandlungen für die Alzheimer-Krankheit. Wieso nicht?

Das ist eine ganz komplizierte Gehirnerkrankung, und man muss erstmal die Mechanismen verstehen, bevor man überhaupt behandeln kann. Das nächste Problem ist, dass die Krankheit im Gehirn extrem früh angelegt wird. Das kann 20 oder sogar 30 Jahre bevor der Arzt etwas diagnostiziert sein. Das bedeutet, wenn man Medikamentenstudien testet, nimmt man logischerweise Patienten, die schon Alzheimer haben. Bei denen ist aber jegliche Art der Behandlung schon zu spät, weil das Gehirn bereits irreversibel zerstört ist. Man hat also womöglich schon brauchbare Medikamente, nur testet man sie an den falschen Patienten.

Welche Theorien gibt es denn zur Entstehung der Alzheimerkrankheit?

Meine Meinung dazu ist ganz klar: Amyloid ist die entscheidende Komponente bei der Entstehung von Alzheimer. Es gibt eine ganz auffällige Pathologie im Gehirn aller Alzheimerpatienten. Alle Alzheimerpatienten haben Plaques – also Eiweißklumpen im Gehirn. Der wichtigste Bestandteil dieser Klumpen ist ein kleines Eiweiß mit dem Namen Amyloid, das ist giftig und tötet umliegende Nervenzellen.

Es gibt eine Reihe von Gründen, die dafür sprechen, dass es eben dieses Eiweiß ist, das für den Ausbruch der Alzheimer Erkrankung verantwortlich ist. Zum einen liegt das Gen, das dieses Eiweiß kodiert, ausgerechnet auf Chromosom 21. Dem Chromosom, das bei Down-Syndrom-Patienten dreifach statt doppelt vorliegt. Down- Syndrom-Patienten entwickeln ab dem Alter von etwa 55 Jahren Alzheimer, weil sie eine Kopie des Gens zu viel haben und somit zu viel Amyloid produzieren. Das ist aber nur ein Punkt. Ein weiterer sind die selten auftretenden genetischen Fälle von Alzheimer. Da treten Genveränderungen, die zu einem extrem frühen Ausbruch der Erkrankung führen. Sie bilden alle eine veränderte Form von Amyloid, das schneller mit sich selbst verklumpt und so verstärkt Ablagerungen bildet. Dies spricht ganz klar dafür, dass Amyloid unmittelbar mit der Erkrankung zusammenhängt.

Außerdem gibt es eine Genveränderung bei manchen Menschen, die bewirkt, dass weniger Amyloid produziert wird. Und Menschen mit dieser Genveränderung erkranken, auch wenn sie über hundert Jahre alt werden, nicht an Alzheimer. Das zusammen mit den familiär vererbten Fällen ist der schlagende Beweis dafür, dass das Amyloid die Erkrankung hervorruft. Das macht es aber nicht alleine, es gibt eine weitere Ablagerung in den Nervenzellen selber, die Bündel. Diese Bündel töten die Nervenzellen, aber das können sie erst, nachdem das Amyloid entstanden ist. Die Bündel alleine verursachen eine ganz andere Gehirnerkrankung.

„Wir wissen alle – Wissenschaftler die an Amyloid oder an Tau arbeiten – dass beides untrennbar zusammengehört und deshalb arbeiten wir inzwischen eng zusammen.”

Sind diese Bündel die Tau-Fibrillen?

Ja genau, das ist die zweite Pathologie, die man im Gehirn findet. Innerhalb von Nervenzellen bildet dieses Tau auch Ablagerungen. Und diese Tau-Ablagerungen sind es, meiner Meinung nach, die letztendlich die Nervenzellen töten.

Allerdings ist Tau aus meiner Sicht alleine nicht die Ursache der Erkrankung. Es gibt sehr viele Patienten, die nur Tau-Ablagerungen haben. Sie entwickeln aber eine völlig andere Krankheit, nämlich die Frontotemporale Demenz. Es ist auch eine Form von Demenz, auch eine Neurodegeneration, aber hat mit Alzheimer per se erstmal nichts zu tun. Bei Alzheimer ist der Unterschied, dass das Amyloid dazukommt. Das heißt, beide scheinen irgendwie in Zusammenhang zu stehen. Und es sieht so aus, als ob das Amyloid ganz früh die Bündel-Bildung innerhalb der Nervenzellen anwirft, diese sich dann aber alleine weiter vermehren. Das heißt, sie brauchen einmal einen Trigger von außen, und dieser Trigger ist das Amyloid.

Meinen Sie, sobald der Trigger ausgelöst wird, kann man nicht mehr behandeln?

Genau, es ist zu spät. Zumindest nicht mit einem auf Amyloid-basierenden Medikament. Vielleicht wäre es mit einem auf Tau-basierenden Medikament machbar. Aber da ist die Forschung noch relativ in den Kinderschuhen. Ich bin gespannt, ob das funktioniert – halte  dies aber für einen richtigen und notwendigen Ansatz.

Es gibt also keine zwei Lager in der Alzheimerforschung mehr?

Die gab es mal und es wurde auch sehr gerne von der Presse so hingestellt, dass wir uns gegenseitig bekämpfen. Das ist aber nicht mehr so. Wir wissen alle – Wissenschaftler die an Amyloid oder an Tau arbeiten – dass beides untrennbar zusammengehört und deshalb arbeiten wir inzwischen eng zusammen. Amyloid alleine verursacht die Krankheit nicht, aber Tau eben auch nicht. Wenn wir eins von beiden loswerden könnten, hätten wir die Krankheit besiegt.

„Aber die Hoffnung ist da, es geht, meiner Meinung nach, massiv in die richtige Richtung.”

Welche Ansätze in der Medikamentenforschung halten Sie momentan für vielversprechend?

Mein Hauptfokus ist nach wie vor das Amyloid selber. Ich glaube dort liegt der Ursprung der Erkrankung. Deshalb halte ich viel von der Behandlung mit Antikörpern. Da impft man mit Antikörpern gegen das Amyloid selber. Man stellt also Antikörper her, die das Amyloid neutralisieren und Fresszellen zur Verfügung stellen, die das Amyloid dann abbauen. Dieser Ansatz funktioniert auch im Menschen. Man kann sehr erfolgreich die Plaque-Bildung reduzieren.

Das Problem ist, dass man bisher nicht gleichzeitig zeigen konnte, dass es auch zu einer Stabilisierung des Gedächtnisses führt. Was natürlich entscheidend ist. Aus meiner Sicht ist der Grund, dass in all den Studien Patienten genommen worden sind, die schon Demenz hatten. Das heißt, man ist da schlicht und einfach zu spät. Es gab letztes Jahr allerdings eine sehr interessante Studie, in die Patienten aufgenommen wurden, die so gut wie keine Gedächtnislücken hatten oder nur sehr geringe. Bei diesen Patienten hat man erstmalig eine Stabilisierung des Gedächtnisses gesehen, und zwar in Abhängigkeit von der Menge der Antikörper, die man gibt. Also je mehr Antikörper, umso besser stabilisierte sich das Gehirn. Allerdings war die Zahl der Patienten in dieser Studie zu niedrig um wirklich sichere Aussagen bezüglich des Gedächtnisschwundes machen zu können.  Daher laufen jetzt weitere Studien mit erheblich größeren Patientenzahlen und man muss sehen, ob das hoffnungsvolle Ergebnis tatsächlich reproduzierbar ist.

Sind wir auf dem Weg, Alzheimer zu heilen? Wie sieht es  für Menschen aus, die heute Mitte 30 sind?

Ich würde zumindest sagen, dass für Leute in diesem Alter Hoffnung besteht. Ich würde mich hüten zu sagen, ab wann irgendwas auf dem Markt oder in der Klinik ist. Aber die Hoffnung ist da, es geht, meiner Meinung nach, massiv in die richtige Richtung. Ich bin da schon relativ optimistisch. Für Leute in meinem Alter ist es aber sicherlich eher zu spät.

Zur Person

Prof. Dr. Dr Christian Haass ist Institutsleiter am Adolf-Butenandt-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München und Standortsprecher des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in München.

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