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Fair, aber für wen?

Das Dilemma Gerechtigkeit in der Endlagersuche

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Deutschland sucht ein Atomendlager. Doch nicht nur die Wahl des richtigen Standorts ist komplex, sondern auch der entsprechende Umgang mit dem Atommüll als generationenübergreifende, gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Schließlich sieht das Standortauswahlgesetz vor, ein Endlager zu finden, dass Mensch und Umwelt vor der Strahlung der hochradioaktiven Abfälle für eine Million Jahre bestmöglich schützt – ein schwer vorstellbarer Zeitraum. 

Eine der großen Fragen, die sich bei der Suche stellt, ist die nach der Gerechtigkeit und zwar nicht nur der unmittelbaren, sondern einer generationalen. „Jahrzehntelang haben die Menschen in Deutschland von Atomstrom profitiert – wenn wir das positiv sehen wollen. Nun steigen wir aus der Atomenergie aus. Aber die hochradioaktiven Reststoffe werden an zukünftige Generationen überantwortet, die davon gar nichts hatten. Insofern ist in die Atomenergie eine Ungerechtigkeit eingeschrieben, mit der wir leben müssen”, sagt Dr. Achim Brunnengräber, Leiter eines Teilprojekts des Forschungsverbundes TRANSENS „Transdisziplinäre Forschung zur Entsorgung hochradioaktiver Abfälle in Deutschland” am Forschungszentrum für Umweltpolitik der Freien Universität Berlin. Deshalb gelte es nun, ein Endlager zu finden, das der nächsten Generation wenigstens eine möglichst sichere Lagerung gewährt. 

Bei der Suche nach einem geeigneten Standort gelten strenge Kriterien, die erfüllt werden müssen. Dies insbesondere was die Geologie des potentiellen Endlagers anbelangt. So soll der Wirtstein hitzebeständig, stabil und belastbar sein und zudem möglichst undurchlässig für Wasser oder Gase. Die Gesteine Ton, Salz und Kristallin erfüllen diese Voraussetzungen in unterschiedlicher Weise. Auch im Falle des Voranschreitens des Klimawandels oder von möglichen Eiszeiten gilt es, den Atommüll möglichst sicher zu verwahren. 

Aber auch kurzfristig gesehen ist der Endlagerung Ungerechtigkeit inhärent. „Die Menschen in der Umgebung des Standorts sind diejenigen, die unmittelbar von der Lagerung betroffen sein werden”, sagt Brunnengräber. Schließlich sei der Endlagerbau ein erheblicher Eingriff in die Region. Außerdem werden die Menschen in der Region des Endlagers dem Risiko des Atommülls ausgesetzt sein.

„Kompensation muss im Dialog mit der Bevölkerung entwickelt werden. Kompensation darf keine Gießkanne sein, mit der Geld von oben auf die Bevölkerung gegossen wird.”

Dr. Achim Brunnengräber, Forschungszentrum für Umweltpolitik der Freien Universität Berlin

Deshalb hält Brunnengräber es für sinnvoll, über Kompensationsmaßnahmen nachzudenken: „Ich meine allerdings Kompensation nicht in dem Sinne, dass die Bevölkerung vor Ort gekauft wird – Kompensation muss im Dialog mit der Bevölkerung entwickelt werden. Kompensation darf keine Gießkanne sein, mit der Geld von oben auf die Bevölkerung gegossen wird.” In Frage kämen beispielsweise Steuerentlastungen, Infrastrukturmaßnahmen oder öffentliche Güter (wie z.B. Schulen und Schwimmbäder). Optionen, die diskutiert werden und zumindest einen kleinen Schritt zu mehr Gerechtigkeit bedeuten könnten. 

Gerechtigkeit ist allerdings nicht der einzige Faktor, der bei den Debatten eine Rolle spielt.  Zwar wird immer wieder betont, dass die Auswahl des Standorts auf einem wissenschaftsbasierten Prozess beruhen werde. Ein wissenschaftsbasierter Prozess soll garantieren, dass alle Entscheidungsgrundlagen in der Endlagersuche überprüfbar und nachvollziehbar sind und somit auch eine erhöhte Akzeptanz des Verfahrens und des finalen Standorts ermöglichen. So ist es gesetzlich vorgeschrieben.

Und doch fließen auch jetzt schon politische und gesellschaftliche Interessen in die Debatten ein. „Am Ende wird es eine Mischung aus einer wissenschaftlichen und einer politischen Entscheidung sein”, sagt Brunnengräber. Letztlich wird sich beweisen müssen, dass wissenschaftsbasierte Faktoren gegenüber einer politischen Motivation bei der finalen Entscheidung ausschlaggebend sein müssen. Andernfalls dürfe das Endlager kaum auf Akzeptanz stoßen. Ein Beispiel hierfür benennt der Politikwissenschaftler mit der damaligen Festlegung auf Gorleben als Endlagerstandort: „Das war eine politische Setzung, die nicht auf wissenschaftlichem Kenntnisstand beruhte. In der zukünftigen Standortsuche muss das besser gemacht werden.”

„Wenn der Dialog der Wissenschaft mit der Gesellschaft gut funktioniert, dann steigt natürlich auch das Vertrauen in die Wissenschaft und dann steigt auch das Vertrauen in den Prozess der Standortsuche für ein Endlager.”

Dr. Achim Brunnengräber, Forschungszentrum für Umweltpolitik der Freien Universität Berlin

Vor diesem Hintergrund sieht er die Wissenschaft besonders in der Verantwortung: „Die Wissenschaft  muss ihre Ergebnisse kommunizieren und verteidigen, aber auch Unsicherheiten, die im wissenschaftlichen Bereich bestehen, offenlegen.” Auseinandersetzungen mit divergierenden Expertenmeinungen können dabei laut Brunnengräber helfen, zur bestmöglichen Entscheidung zu kommen: „Wenn der Dialog der Wissenschaft mit der Gesellschaft gut funktioniert, dann steigt natürlich auch das Vertrauen in die Wissenschaft und dann steigt auch das Vertrauen in den Prozess der Standortsuche für ein Endlager.”

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