„Die Diskussion über Bienensterben ist hanebüchen“

Foto: privat

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Daniel Dietrich

1 Kommentare
  • 2

„Bienen sterben vor allem, wenn Insektizide falsch oder in zu hohen Konzentrationen eingesetzt werden.“

Pestizide können laut aktuellen Studien Probleme für die Gesundheit von Bienen darstellen oder sogar zu deren Tod führen. Um welche Substanzen handelt es sich genau?

Bei Pflanzenschutzmitteln müssen wir zwischen sogenannten Fungiziden, Herbiziden und Insektiziden unterscheiden. Herbizide wirken gegen andere Pflanzen, Fungizide gegen Pilze und Insektizide gegen Insekten. Insektiziden verhindern im Prinzip Insektenfraß. Es gibt solche, die tatsächlich auch einen akuten Bienentod verursachen. Sie werden aber nur sehr begrenzt – wenn überhaupt noch – eingesetzt. Bienen sterben also vor allem, wenn die Insektizide falsch oder in zu hohen Konzentrationen eingesetzt werden, also sich die Landwirte nicht an die Instruktionen halten. Gerade ist die Diskussion über die Neonicotinoide (eine Gruppe von Insektiziden, Anm. d. Red.) wieder hochgekommen.

Wie wirken diese Neonicotinoide auf die Bienen?

Wir sehen in diesem Zusammenhang keine akute Toxizität, wenn das Insektizid normal eingesetzt wird. Da kommt die Frage auf: Wie kann ein Insektizid Bienen oder andere Insekten beeinflussen, wenn es nicht sofort zum Tode führt? Es kann sein, dass es unterschwellig zu einer verminderten Brutfolge kommt, die Volksstärke also kleiner wird. Es kann auch dazu führen, dass die Honigbienen oder auch die Wildbienen oder Hummeln nicht mehr so schnell ins Nest zurück finden, das heißt die Orientierung nicht mehr optimal ist. Oder dass der Pollen, der eingetragen wird, mit einer gewissen Menge kontaminiert ist, die unter Umständen – ich sage nicht, dass das der Fall ist – zu Schädigungen führen kann, welche sich nachher in der Volksstärke äußern. Eine Schwächung eines Volkes kann aber auch zustande kommen,  wenn es beispielsweise durch Varroa-Milben massiv befallen ist.

„Wichtig ist ein intensives Umgehen mit den Bienen direkt am Standort.“

Warum ist es wichtig, dass die Volksstärke der Bienen nicht kleiner wird?

Kurz gesagt: für das Überwintern. Wenn das Volk zu schwach ist oder zu wenig Nachfolge dagewesen ist, verstirbt es im Winter, auch wenn es noch genug Honig hätte, um sich durchzufüttern. Die Bienen müssen sich gegenseitig warm halten, das machen sie, indem sie zum einen Honig konsumieren und zum anderen durch Reiben der Flügel Wärme erzeugen. Wenn sie geschwächt sind, können sie das vielleicht nicht mehr tun.

Sollte die Landwirtschaft nun den Einsatz von Insektiziden verringern, um die Bienen zu schützen?

Wenn Sie ein Volk eines guten Imkers mitten in ein Feld hinein stellen, das beispielsweise mit den Neonicotinoiden behandelt worden ist, werden Sie keine Probleme haben. Das Volk wird stark sein, es wird auch überwintern. Wichtig ist ein intensives Umgehen mit den Bienen direkt am Standort. Ich bin selbst auch Imker und nutze Mittel, um möglichst den Varroa-Befall zu reduzieren. Es kommt auch darauf an, wie stark das Volk ist, wie gut die Königin, ob die Bienen genügend Futter oder Alternativfutter haben und so weiter und so fort. Und da wären wir beim nächsten Thema: Was heißt eigentlich „genügend Futter“? Das kann beispielsweise ein Rapsfeld sein. Das Rapsfeld blüht und die Bienen bringen Honig ein wie verrückt. Der Imker nimmt einen großen Teil davon weg. Und dann müssen die Bienen im Verlauf der Zeit Alternativen haben, also alternative Blüten. Aber es ist nicht mehr viel da, weil das Feld eine Monokultur ist.

„Das ist ein sozialer Aspekt, das ist ein gesellschaftlicher Aspekt und da müssen wir umdenken.“

Ist das Problem also die Art und Weise, wie die Landwirtschaft ihre Felder bestellt?

Das Problem ist der Verbraucher, der möglichst billige Lebensmittel haben möchte. Weil wir möglichst günstige Nahrungsmittel haben möchten, muss sich die Landwirtschaft dementsprechend strecken. Damit Landwirte Profit machen und davon leben können, müssen sie eine sehr große Fläche bestellen. Und das fördert zwangsläufig große Monokulturen. Heute werden 95% der landwirtschaftlichen Anbaufläche mit Monokulturen abgedeckt. Die Auswirkungen betreffen nicht nur die Bienen, sie betreffen alle anderen Insekten und auch die Singvögel.

Um das zu ändern, müsste man ganz anders vorgehen. Man müsste kleinere Flächen anlegen und diese durch Wildflächen oder Freiwuchsflächen zerteilen. Aber nicht durch Streifen, denn was nützt es, wenn man zehn Hektar Mais hat und darum herum einen Meter Streifen? Das bedeutet aber, dass der Landwirt  eine kleinere Fläche oder mehrere kleine Flächen bearbeiten muss. Entsprechend muss er mehr aufwenden, das heißt er muss auch mehr verdienen und davon leben können.

Inwieweit findet in Deutschland eine gesamtheitliche und ausgewogene Diskussion über das Bienensterben und dessen Hintergründe statt?

Die ganze Diskussion über Bienensterben, muss ich ehrlich sagen, ist hanebüchen. Politisch ist das toll, man kann über Bienensterben diskutieren und wenn man etwas dagegen macht, dann hat man was Gutes getan. Aber die eigentliche Ursache, die diskutiert man gar nicht. Da können wir genauso gut über Glyphosat diskutieren. Glyphosat ist ein Herbizid, das ja eingesetzt wird, um möglichst einen hohen Ertrag zu erzielen. Aber der hohe Ertrag wird ja nur erzielt, weil er erzielt werden muss, damit die tiefen Preise gehalten werden können. Es ist nicht der böse Landwirt, der nichts Besseres weiß als das zu tun. Das ist ein sozialer Aspekt, das ist ein gesellschaftlicher Aspekt und da müssen wir umdenken.

Zur Person

Prof Dr. Daniel Dietrich ist Professor für Ökotoxikologie an der Universität Konstanz. Er beschäftigt sich mit der Wirkung von Toxinen auf Mensch und Umwelt. Zu den Bienen verbindet ihn auch eine persönliche Leidenschaft – er ist selbst Hobbyimker.

Foto: privat

Debattiere mit!

Deine Emailadresse wird nicht veröffentlicht.

1 Kommentare

  • Hans-J. Bidmon

    28.07.2017, 16:23 Uhr

    Was sagen sie dazu das immer mehr Studien zeigen, dass nicht das einzelen Insektizid bzw. Pestizid Bienen schädigt sondern die Mischung mehrer im Jahreszyklus eingesetzter Substanzen, wobei ja in früheren Studien selten solche Kombinationswirkungen untersucht wurden.

    Zum zweiten habe ich den Verdacht, dass wirklich zuviel eingesetzt wird denn es häufen sich die Studien die mittlerweile solche Rückstände in Meerestieren finden auch im Mittelmeer an den Küsten der Mitgliedsstaaten der EU. Wenn man dabei bedenkt, dass hier ein gewaltiger Verdünnungsfaktor dazu kommt ehe solche in der Landwirtschaft eingesetzten Substanzen über Flüsse das küstennahe Meereszonen erreichen fragt man sich schon wie es dazu kommt insbesondere wenn die Untersuchungen zeigen, dass man pro Tier bis zu mehr als 30 Substanzen nachgewiesen hat. Müsste man da nicht davon ausgehen, dass die Tiere die vor Ort wo gesprüht wird und wo die Tiere in Feldnähe nach Regen am Pfützenrand trinken wesentlich höhere Konzentrationen erwarten müsste? Sie mögen Recht haben, dass es ein gesellschaftliches Problem ist aber nichtsdestotrotz sollte man wie beim Feinstaub oder NO2 – Belastung anfangen umzudenken. Wem nützt es wenn man ihn vor NO2 schützt ihn anderweitig aber mit anderen Umweltproblemen belastet. Selbst Rapshonig weist schon Rückstände auf die sich akkumulieren können.

    0