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Zwischen Konkurrenz und gegenseitiger Abhängigkeit

Über die Zielkonflikte von Landwirtschaft und Biodiversität

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„Maßnahmen zur Bekämpfung einer Krise dürfen eine andere Krise nicht verschärfen, nur dann ist die Maßnahme effizient und hilft wirklich“, sagte Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir im September diesen Jahres. Anlass war die Bekanntgabe, dass im Jahr 2023 auf Flächen Weizen, Sonnenblumen und Hülsenfrüchte angebaut werden dürfen, die eigentlich als Brachflächen der Artenvielfalt dienen sollen.

Das ist das Ergebnis eines monatelangen Abwägens zwischen Ernährungssicherung und dem Schutz von Biodiversität – und ist beispielhaft für die Zielkonflikte, die die Forschung und die Politik zunehmend ausbalancieren müssen. Denn auf landwirtschaftlich genutzten Flächen sinkt in der Regel die Biodiversität. Gleichzeitig müssen mehr Nahrungsmittel angebaut werden, um die Welternährung zu sichern: „Um künftig neun Milliarden Menschen zu ernähren, den sich verändernden Ernährungsgewohnheiten gerecht zu werden und den wachsenden Bedarf an Agrarrohstoffen, etwa für Energie, zu decken, müsste sich unsere landwirtschaftliche Produktion verdoppeln.“ Das sagt Dr. Florian Zabel. Er ist Geograph an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und erforscht die Zielkonflikte rund um diese sogenannte Flächenkonkurrenz.

Landwirtschaft als Treiber des Artensterbens

Doch die Landwirtschaft ist der zentrale Treiber für den Verlust von biologischer Vielfalt. Der wichtigste Faktor dabei ist die Umwandlung von Wäldern und Grünland in landwirtschaftliche Flächen, wie eine jüngst veröffentlichte internationale Studie zeigt. Auch die Art der Landwirtschaft spielt eine Rolle: Die Intensivierung der Landwirtschaft auf einer Fläche mit einer Ertragssteigerung um 21 Prozent sorgt für einen zusätzlichen Artenverlust von neun Prozent, so eine Studie des Helmholtz Zentrums für Umweltforschung.

„Wir haben in Deutschland sehr gute Böden und ein sehr gutes Klima für Landwirtschaft. Es wäre falsch, diese Fläche nicht zu nutzen. Gleichzeitig ist es zentral, Biodiversität überall dort zu erhalten, wo es möglich ist.“

Dr. Livia Rasche, Geoökologin am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit der Universität Hamburg

Trotzdem sei die Lage, was die Brachflächen in Deutschland angehe, sehr komplex, sagt Dr. Livia Rasche: „Wir haben in Deutschland sehr gute Böden und ein sehr gutes Klima für Landwirtschaft. Es wäre falsch, diese Fläche nicht zu nutzen. Gleichzeitig ist es zentral, Biodiversität überall dort zu erhalten, wo es möglich ist.“ Die Geoökologin beschäftigt sich am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit der Universität Hamburg mit den Wechselwirkungen zwischen Landwirtschaft, Klima und Biodiversität. Ihr ist es wichtig genau zu betrachten, welche Flächen für Landwirtschaft genutzt werden.

Ernährungssicherung braucht eine gesunde Biodiversität

Der Weltbiodiversitätsrat weist in seinem Bericht von 2019 auf eine andere Seite des Problems hin: So sei die landwirtschaftliche Produktivität auf 23 Prozent der Flächen durch eine schlechtere Bodenqualität weltweit gesunken. Die Verluste von Bestäubern sorge bereits jetzt für weltweite Ernteausfälle im Wert von etwa 235 bis 577 Milliarden US-Dollar jährlich. „Biodiversität ist für die Landwirtschaft absolut notwendig“, betont Florian Zabel. Dabei sei auch die genetische Vielfalt unter den Nutzpflanzen selbst wichtig, denn die bringe eine Vielfalt an Eigenschaften mit sich, die etwa notwendig seien, um Sorten zu züchten, die an den Klimawandel angepasst sind. Livia Rasche nennt vor allem die Bodenorganismen als Beispiel. Die sorgten nicht nur für fruchtbarere Böden, sondern könnten die Pflanzen auch vor Krankheiten schützen. Viele Zusammenhänge seien aber auch noch nicht klar, sagt sie: „Die Netze sind so komplex, wir können nicht abschätzen, was passiert, wenn darin immer mehr Lücken entstehen.“

„Es ist maßgebend, welche Flächen geschützt werden, wie die lokale Bevölkerung mit einbezogen wird und unter welchen Bedingungen der Schutz entstehen soll.“

Dr. Florian Zabel, Geograph an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Den Schutz dieses komplexen Netzes möchte der Weltbiodiversitätsrat mit seinem sogenannten 30×30-Ziel verbessern: Bis zum Jahr 2030 sollen 30 Prozent der Wasser- und Landmasse auf der Erde unter Naturschutz stehen. Doch eine im Februar 2022 erschienene Studie kommt zu dem Schluss, dass dieses Ziel die Ernährungssicherung in weiten Teilen der Welt gefährden würde. Die Ökologin Prof. Dr. Lisa Biber-Freudenberger kritisiert in einer Einordnung für das Science Media Center, dass in der Studie davon ausgegangen wird, dass auf den geschützten Flächen keine menschliche Aktivität mehr stattfindet. Florian Zabel hält das für ein entscheidendes Kriterium für eine sinnvolle Umsetzung des 30×30-Ziels: „Es ist maßgebend, welche Flächen geschützt werden, wie die lokale Bevölkerung mit einbezogen wird und unter welchen Bedingungen der Schutz entstehen soll.“ Die Ernährung der Weltbevölkerung sei außerdem – zumindest theoretisch – auch auf der Hälfte der heutigen Nutzfläche möglich, so berechneten er und weitere Forschende. Es komme bei dem 30×30-Ziel also vor allem auf die Details in der Umsetzung an.

„Es ist in den meisten Fällen besser, wenig Fläche intensiv zu nutzen, als mehr Fläche extensiv.“

Dr. Livia Rasche, Geoökologin am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit der Universität Hamburg

Bekannte Werkzeuge nutzen

Die Zielkonflikte in der Ernährungssicherung und im Schutz von Biodiversität sind zahlreich. Doch wie kann beides gelingen? Die beiden Wissenschaftler*innen sind sich einig: Das Ziel muss sein, möglichst hohe Erträge pro Fläche zu gewinnen, bei gleichzeitig minimalen Umweltauswirkungen. Rasche: „Es ist in den meisten Fällen besser, wenig Fläche intensiv zu nutzen, als mehr Fläche extensiv.“ Extensive Landwirtschaft umfasst auch den Ökolandbau. Auf Flächen, die ökologisch bewirtschaftet werden, gibt es zwar eine höhere Artenvielfalt, doch gleichzeitig ist der Ertrag pro Fläche geringer. „Das dient auf lokaler Ebene dem Artenschutz, doch es könnte global dazu führen, dass wir mehr importieren müssen und dadurch etwa Ökosysteme in den Tropen zerstört werden“, merkt Zabel an. Trotzdem hält er viele Elemente aus dem Ökolandbau für sinnvoll, die er mit technischen Mitteln kombinieren würde. „Der Grabenkampf zwischen Ökologie- und Technologiebefürworter*innen bringt uns hier nicht weiter. Eine nachhaltige Intensivierung der Landwirtschaft kann durch verschiedene Methoden erreicht werden und wir brauchen das Beste aus verschiedenen Systemen.“

Dafür wünschen sich die beiden Forschenden auch eine differenzierte Debatte zur Risikobewertung der sogenannten grünen Gentechnik, auch mit der Genschere Crispr CAS. Das Erzeugen neuer Sorten mit dieser Technik ist in der EU seit 2018 verboten. Laut Livia Rasche bietet sie aber ein „enormes Anpassungspotential“. So sei es etwa möglich, die Erträge pro Fläche zu steigern und schnell an neue, ans Klima angepasste Sorten zu gelangen. Eine Studie der LMU München, an der auch Florian Zabel beteiligt war, kam zu dem Ergebnis, dass in Zukunft aufgrund der raschen Klimaveränderungen auf bis zu 40 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen neue Sorten benötigt werden.

Ohne Umstellung der Ernährung geht es nicht

Beide Wissenschaftler*innen betonen, dass diese Konzepte wahrscheinlich nur ausreichen werden, wenn wir unseren Umgang mit Lebensmitteln ändern. „Wir müssen weniger Lebensmitteln wegschmeißen, und zwar nicht nur individuell, sondern vor allem entlang der Wertschöpfungsketten“, sagt Florian Zabel. In Deutschland entstehen jedes Jahr bis zu 10 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle, die von Forschenden als vermeidbar eingestuft werden. Der zweite wichtige Punkt ist der Konsum tierischer Produkte. „80 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche wird entweder für den Anbau von Tierfutter genutzt oder als Weideland“, so Zabel. „Hier haben wir den größten Hebel!“

Livia Rasche plädiert dafür, gerade in den westlichen Ländern tatsächlich nur so viele Kalorien zu essen, wie wir benötigen. Der durchschnittliche Kalorienverbrauch pro Kopf lag in Europa im Jahr 2019 bei knapp 3500 Kalorien – die Planetary Health Diet sieht dagegen nur einen durchschnittlichen pro Kopf Konsum von 2500 Kalorien vor. Für diese umweltverträgliche Ernährung müsste in Deutschland der Konsum von Fleisch und Zucker halbiert und der von Gemüse und Hülsenfrüchten verdoppelt werden. Rasche hat in einer Studie untersucht, welche Ernährung am besten für den Erhalt von Biodiversität ist und fasst zusammen: „Was für unseren Körper gesund ist, ist auch für den Planeten gut.“

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