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Toilettenpapier, Nudeln und Co: Hamsterkäufe in Krisenzeiten

Erklärungen aus der Wissenschaft

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Ob Nudeln, Konserven oder Toilettenpapier: Seit sich das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 weltweit ausbreitet, decken sich nicht nur in Deutschland, sondern weltweit viele Menschen mit Vorräten ein. Diese sogenannten Hamsterkäufe sind eine der sichtbarsten und unmittelbarsten Reaktionen, die Menschen auf die Krise zeigen und lassen sich auch anhand von Verkaufszahlen nachvollziehen.

Laut Statistischem Bundesamt (Deststatis) sind die Verkaufszahlen von zweckmäßigen Produkten in der Woche vom 16. bis 22. März 2020 deutlich gestiegen. Die Nachfrage nach Seife hat sich im Vergleich zu den sechs Monate zuvor beispielsweise mehr als vervierfacht (+337%) und auch Toilettenpapier wurde mehr als dreimal (+211%) so häufig gekauft. Hamsterkäufe sind dabei allerdings kein deutsches Phänomen – nur was gehamstert wird, unterscheidet sich laut Medienberichten. So sind in Italien die Weinregale leer, in Frankreich werden Kondome gehamstert und in den Niederlanden bildeten sich Schlangen vor den Coffeeshops kurz vor deren Schließung.

 

 

Wenn man den Aussagen von Experten aus Politik und Lebensmittelhandel vertraut, sind in Deutschland und anderen europäischen Ländern die Sorgen um Versorgungsengpässe allerdings unbegründet. Dass es trotzdem – auch jetzt noch – zu Hamsterkäufen kommt, hat vielmehr psychologische Ursachen. Dahinter steckt das Bedürfnis in unsicheren Zeiten Kontrolle zurückzugewinnen und handlungsfähig zu bleiben. „Wenn ich einkaufen gehe und mich mit Lebensmitteln versorge, dann hat das natürlich einen psychologischen Effekt. Man hat das Gefühl, in der Situation etwas aktiv tun zu können“, erklärt Prof. Dr. Bernhard Streicher, Professor für Sozial- und Persönlichkeitspsychologie an der Universität für Gesundheitswissenschaften in Hall in Tirol. Gerade in der aktuellen Situation, in der wir gezwungen sind zu Hause zu bleiben und nichts zu tun,uns nicht mit anderen treffen können, Rausgehen vermeiden sollen – fühle sich laut Streicher dieser Aktionismus für viele besser an als Hände waschen.

„Wenn Menschen das Gefühl der Kontrolle verlieren, kaufen sie vor allem Dinge, die ihnen dabei helfen sollen, ein Problem zu lösen.“

Prof. Dr. Charlene Chen, Nanyang Business School, Singapur

Prof. Dr. Charlene Chen, Assistenzprofessorin für Marketing und International Business an der Nanyang Business School in Singapur, sieht auch noch einen weiteren Grund für die Massenkäufe: „Wenn Menschen das Gefühl der Kontrolle verlieren, kaufen sie vor allem Dinge, die ihnen dabei helfen sollen, ein Problem zu lösen. Sie kompensieren damit den Kontrollverlust.” So ließen sich zumindest die Käufe von lange haltbaren Lebensmitteln, Konserven und Desinfektionsmitteln oder Seife erklären. Die Anhäufung von Toilettenpapier hingegen nicht.

Diese ist auf ein Prinzip zurückführen, was sich Zero-risk-bias oder auch Nullrisiko-Verzerrung nennt. „Menschen haben eine starke Tendenz, zu versuchen, ein Risiko zu eliminieren, auch wenn es irrational ist, weil die Versorgung gewährleistet ist, das Produkt gar nicht benötigt wird oder es aber sogar unsozial ist, weil es dazu führt, dass andere weniger bekommen“, sagt Bernhard Streicher. Obwohl also bekannt ist, dass Corona keine Durchfallerkrankung ist, häufen die Menschen trotzdem Dinge an, die aus ihrer Sicht überlebenswichtig sind und dazu zählt offensichtlich auch Toilettenpapier.

Die Unsicherheit hat aber auch noch eine andere Folge. „In eine Phase in der wir stark verunsichert sind und keine Blaupause für eine Lösung parat haben, orientieren wir uns häufig am Verhalten anderer und kopieren es. Wir nennen das Herdenmentalität“, sagt Chen. „Beginnen einige Leute aus Angst vor Versorgungsengpässen damit, gewisse Produkte zu horten, schauen sich andere das Verhalten schlichtweg ab.” Sprich: Fehlt in unserem Supermarkt auf Grund falscher Angst einzelner etwa Toilettenpapier oder Pasta, so reagieren wir darauf, indem wir diese Gegenstände für Mangelware halten und ebenfalls verstärkt kaufen, wenn sie vorrätig sind.

„Wenn diese Information über Social Media weitergegeben wird, führt das zu einem veränderten Verhalten, auch wenn es nicht notwendigerweise mit der Realität übereinstimmt“

Prof. Dr. Bernhard Streicher, Universität für Gesundheitswissenschaften in Hall in Tirol

Befeuert wird das Ganze durch die sozialen Medien. Ein Beispiel dafür ist Hongkong, das relativ früh vom neuen Coronavirus betroffen war. Gerüchte im Internet haben dort panische Hamsterkäufe ausgelöst. „In Hongkong gab es eine Prominente, die in den sozialen Medien gepostet hat, dass China einen Großteil des Toilettenpapiers nach Hongkong liefert und es zu Engpässen kommen kann, und deshalb sollten wir uns damit eindecken. Die Nachricht erreichte viel Aufmerksamkeit und die Leute begannen Toilettenpapier zu hamstern“, sagt Chen. Kurz darauf gab es die ersten Covid-19-Fälle in Singapur und das Toilettenpapier verschwand auch dort aus den Supermarktregalen.

In den sozialen Medien kursieren unter Hashtags wie #toiletpapergate Fotos von leeren Supermarktregalen und Menschen, die Einkaufswägen voller Toilettenpapier zur Kasse schieben, oder sich sogar um die letzte Packung prügeln. „Wenn diese Information über Social Media weitergegeben wird, dass Grundnahrungsmittel und Klopapier knapp werden, führt das zu einem veränderten Verhalten, auch wenn es nicht notwendigerweise mit der Realität übereinstimmt“, sagt Streicher. Die Folge können Panikkäufe sein.

Wenn die Regierungen wollen, dass die Panikkäufe aufhören, müssen sie durch entschlossenes Handeln und transparente Kommunikation zeigen, dass sie die Versorgung unter Kontrolle haben, sagt Chen: „Es hilft, der Öffentlichkeit immer und immer wieder zu versichern, dass die Lager voll sind. Supermärkte sollen Bilder ihrer Bestände zeigen und Quoten für häufig nachgefragte Produkte einführen. Es gilt zu zeigen, dass alles in Ordnung ist und wir das haben, was wir brauchen”.

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