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„Der Fokus liegt auf der Gesundheit – daran hat sich nichts geändert”

Ein Gespräch mit Dr. Christine Dahlke

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Vom Ausbruch der Corona-Pandemie bis zur Zulassung der ersten Impfstoffe verging nur knapp ein Jahr. Wie konnten die Corona-Impfstoffe im Vergleich zu anderen Impfstoffen so schnell entwickelt und zugelassen werden?

Das ist eine sehr komplexe Frage. Es sind eine Vielzahl an Gründen, die dazu führten, dass Impfstoffentwicklung und -zulassung so schnell sein konnten. Mit Rückblick auf den Ebola-Ausbruch in Westafrika wurde deutlich, dass Vakzintechnologien nicht schnell genug sind. Deshalb hat die Weltgesundheitsorganisation gefordert, dass Impfstoffentwicklung und -technologie gefördert werden müssen, um besser auf Epidemien vorbereitet zu sein. Das ist ein wesentlicher Grund, warum es jetzt so schnell gehen konnte. Außerdem gibt es Forschung an Coronaviren schon seit 20 Jahren und hier hatte man sehr viel Grundlagenforschung bereits betrieben. Man wusste zum Beispiel, dass das Oberflächenprotein, das Spikeprotein, ein wichtiges Target für die Impfstoffe und ein optimales Antigen für die Impfstoffentwicklung ist. Weiterhin sind sehr viel neue Technologien zum Einsatz gekommen, die es beispielsweise möglich machten, dass innerhalb weniger Wochen die Erbinformation von SARS-CoV-2 veröffentlicht wurde. Impfstoffentwickler*innen konnten darauf aufbauen und schon im Januar 2020 mit ihrem Impfstoffdesign beginnen. 

Normalerweise ist die Finanzierung der Impfstoffentwicklung eine große Hürde. Die Produktion von Impfstoffen ist sehr teuer und birgt gerade am Anfang hohe finanzielle Risiken.“

Gab es weitere Hürden, die bei der Entwicklung der Corona-Impfstoffe aus dem Weg geräumt wurden?

Ja, durchaus. Normalerweise ist die Finanzierung der Impfstoffentwicklung eine große Hürde. Die Produktion von Impfstoffen ist sehr teuer und birgt gerade am Anfang hohe finanzielle Risiken. Deshalb werden üblicherweise die Impfstoffdosen für die verschiedenen klinischen Studien sequenziell produziert. Durch die finanzielle Förderung der Corona-Impfstoff-Entwicklung konnte man die Impfstoffdosen für die Phase-2-Studie nun beispielsweise schon herstellen, während man die Phase-1-Studie gestartet hat – das hat die Entwicklung natürlich beschleunigt. Zudem haben sich Behörden wie das Paul-Ehrlich-Institut aufgrund der Pandemie-Situation sehr auf die Impfstoffe fokussiert und Studien erhielten schnell eine Genehmigung. So konnten Studien beschleunigt durchgeführt werden und man konnte schnell Wirksamkeitsdaten generieren. Als letzten Punkt möchte ich noch das Rolling-Review-Verfahren der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA nennen: Die vorläufigen Daten der Impfstoffhersteller wurden schon geprüft, während die Studien noch nicht final abgeschlossen waren.

Kritiker*innen sagen, die Zeiteinsparung bei der Impfstoffentwicklung und -zulassung sei nur auf Kosten der Sicherheit der Impfstoffe möglich gewesen. Was entgegnen Sie solchen Kritiker*innen? 

Denen entgegne ich, dass das nicht stimmt. Es gibt ja Regularien und Gremien, die die Sicherheit der Studien sicherstellen und diese wurden nicht verändert. Zum Beispiel gibt es regelmäßige Treffen unabhängiger Expert*innen, die sich die Sicherheitsdaten ansehen und entscheiden, ob diese ausreicht, um die Studien fortzuführen. Das war auch bei allen Studien zu Corona-Impfstoffen so. Außerdem galten auch die sogenannten Stopping Rules. Das bedeutet, dass eine Studie pausiert oder gestoppt wird, wenn auffällige Nebenwirkungen auftreten und das war beispielsweise bei Studien von AstraZeneca und Janssen der Fall. Der Fokus von Studien liegt hier wirklich auf der Gesundheit und daran hat sich nichts geändert. 

„Bisher wurden nur wenige schwere Nebenwirkungen beobachtet, die auch nicht immer mit der Impfung im Zusammenhang standen.

Es gibt noch keine Langzeitdaten zur Wirkung der Corona-Impfstoffe. Einige Menschen sind besorgt, dass die Impfstoffe noch unbekannte Nebenwirkungen haben könnten. Ist diese Sorge begründet?

Wie bei jeder Impfung, können auch nach der Corona-Schutzimpfung Nebenwirkungen auftreten. Nebenwirkungen treten häufig kurz nach der Impfung auf und halten wenige Tage an. In der Vergangenheit wurden bei Impfstoffen Nebenwirkungen bis zu acht Wochen nach einer Impfung beobachtet. Natürlich wurde bei den Studien zu den zugelassenen Corona-Impfstoffen auf Nebenwirkungen geachtet und es mussten Daten über einen Zeitraum von mindestens acht Wochen nach der Impfung vorgelegt werden. Zudem werden auch noch weiterhin Daten gesammelt und die Proband*innen bis zu zwei Jahren nach Impfung beobachtet.

Häufige Reaktionen waren an der Einstichstelle zu beobachten. Als Allgemeinsymptome haben Geimpfte am häufigsten von Abgeschlagenheit, sowie Kopfschmerzen und Fieber berichtet. Bisher wurden nur wenige schwere Nebenwirkungen beobachtet, die auch nicht immer mit der Impfung im Zusammenhang standen. Bis jetzt wurden ja mehrere Millionen Menschen geimpft. Auffallend waren jetzt einige, wenige allergische Reaktionen, die seit Einführung der Impfung in England und den USA beobachtet wurden. Diese Überempfindlichkeitsreaktionen traten kurz nach der Impfung auf und mussten ärztlich behandelt werden. Solche Zwischenfälle können, wie auch bei anderen Impfungen, auftreten. Genaue Daten zur Häufigkeit solcher Reaktionen nach der Corona-Schutzimpfung sind aktuell noch nicht verfügbar. Unerwartete, schwerwiegende Nebenwirkungen wurden bisher nicht beobachtet.

Sind denn alle möglichen Nebenwirkungen bereits bekannt?

Man kann bisher noch nicht einschätzen, ob sehr, sehr seltene Nebenwirkungen noch auftreten können. Es wird immer ein Restrisiko geben. Sehr seltene Nebenwirkungen wird man erst sehen, wenn mehr Menschen geimpft sind. Bisher sieht es aber danach aus, dass die Impfstoffe sehr sicher sind. Wichtig ist an dieser Stelle, auch zu betonen, dass an den Studien zu den Corona-Impfstoffen mehr Proband*innen teilnahmen, als dies normalerweise verlangt wird. Das spricht auch dafür, dass es bezüglich der Nebenwirkungen bisher wirklich sehr gut aussieht, da in einer großen Anzahl von Probanden*innen keine schwerwiegenden Nebenwirkungen beobachtet wurden. 

Die Mutationen müssen gut beobachtet und analysiert werden, aber bisher sehe ich keinen Grund zur Panik.“

Wirken die Corona-Impfstoffe auch gegen Corona-Mutationen? 

Die Mutationen, die zurzeit auftreten, sind von einer Impfung abgedeckt, sodass man den Impfstoff nicht anpassen muss. Selbst wenn eine Mutation einen Einfluss auf die Wirksamkeit der Impfung hat, ist es nicht so, dass dann der komplette Schutz wegfällt, sondern er wird dann vielleicht reduziert und liegt nicht mehr wie aktuell bei 95%, sondern bei vielleicht 80% Effektivität. Es ist kein Schlüssel-Schloss-Prinzip, bei dem eine kleine Veränderung im Protein dazu führt, dass das ganze System nicht mehr funktioniert. Die Mutationen müssen dennoch gut beobachtet und analysiert werden, aber bisher sehe ich keinen Grund zur Panik. 

Gibt es Fragen zu den nun in der EU zugelassenen Impfstoffen, die noch zu klären sind? 

Ja, es gibt noch einige offene Fragen. Zum einen die Frage, ob die Impfung auch gegen eine Infektion schützt – das wird aktuell in Studien geprüft. Bisher wissen wir nur, dass die Impfung gegen eine Erkrankung schützt. Darüber hinaus ist noch unklar, ob Geimpfte, falls sie infiziert sind, das Virus auch weitergeben können. Des Weiteren wissen wir noch nicht, wie lange die Impfung wirkt und ob sie nach einer bestimmten Zeit aufgefrischt werden muss. Es ist auch noch zu klären, wie der Impfstoff bei bestimmten Gruppen, wie beispielsweise immunsupprimierten Patient*innen, Schwangeren oder kleinen Kindern, wirkt. Schließlich stellt sich noch die Frage, wie sinnvoll die Impfung für Personen ist, die bereits infiziert waren. Vielleicht reicht bei diesen Personen bereits eine Impfdosis – statt der empfohlenen zwei Dosen – aus, um Antikörper und T-Zellen hervorzurufen und so vor der Krankheit zu schützen. 

Kann man schon abschätzen, wann es Antworten auf diese offenen Fragen geben könnte?

Die Analysen laufen aktuell. Ich kann mir vorstellen, dass es in den nächsten Wochen zum Beispiel Antworten darauf gibt, ob die Impfung gegen eine Infektion schützt und ob Geimpfte das Coronavirus übertragen können. Wie lange der Schutz durch die Covid-19-Impfung anhält, wird man vermutlich erst in einem Jahr wissen. Soweit ich weiß laufen aktuell bereits Studien mit bestimmten Gruppen, beispielsweise Schwangeren, dazu könnte es also auch bis Ende des Jahres Ergebnisse geben. Ich denke, dieses Jahr wird ein Jahr voller Informationen, neuer Daten und neuem Wissen werden.

Zur Person

Dr. Christine Dahlke forscht in der Abteilung Klinische Infektionsimmunologie der I. Medizinischen Klinik und Poliklinik des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Ihr Schwerpunkt liegt auf Impfstoffen gegen Emerging Infections.

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