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„Wir sind bereits in der Phase, in der mit Folgeschäden zu rechnen ist.“

Ein Gespräch mit Dr. Donya Gilan

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Die aktuelle Lage ist auch durch Angst gekennzeichnet. Wie entsteht diese?

Wir befinden uns derzeit in einer Ausnahmesituation, die für viele Menschen epochal ist. Das sorgt für eine enorme Unsicherheit in der Bevölkerung. In unserem Kulturkreis haben wir eine Art Vollkaskomentalität entwickelt. Derzeit befinden wir uns aber in einer Situation, in der wir tägliche neue Informationen und vor allem keine endgültigen und abschließenden Informationen erhalten. Dadurch wird unser Sicherheitsgefühl gestört und wir versuchen durch Kompensationsmechanismen Kontrolle über die Situation zu erlangen. Wir können schwierig Unsicherheiten aushalten und das wird uns aktuell mehr denn je deutlich. Daneben gibt es aber viele Menschen, die von realen Gefahren betroffen sind, weil ihre Existenzen auf dem Spiel stehen.

Was sind solche Kompensationsmechanismen?

Verhaltensweisen um unangenehmen Empfindungen, wie innere Unruhe, Angst, Ungewissheit und Unkontrolliertheit auszubalancieren. Dazu zählen etwa übermäßige Vorratseinkäufe, die Bagatellisierung der aktuellen Lage oder übermäßiger Konsum von Alkohol oder anderen Substanzen.

„Die Ausprägung von Angst ist multifaktoriell bedingt – also ist von vielen verschiedenen Einflussfaktoren abhängig.“

Gibt es Unterschiede, wie Menschen in verschiedenen Ländern mit Stress und Krisen umgehen?

In unserem Kulturkreis, im Hier und Jetzt sind wir nicht von Hunger, Krieg, Verfolgung oder Flucht betroffen. Unsere Krisen waren in den letzten Jahren eher individueller Art. Länder, die noch keine so stark individualistischen Hochleistungsgesellschaften sind, haben eher mit Krisen zu tun, die das Kollektiv betreffen. Diese Erfahrungen können helfen, schneller Bewältigungsmechanismen zu entwickeln und zu einer kollektiven Selbstwirksamkeit beitragen, die genau durch die Umstände der Pandemie untergraben wird.

Viele Menschen reagieren wie oben beschrieben auf die Krise, andere nehmen sie gleichgültig hin. Wie ist dies zu erklären?

Eine gleichgültige Haltung stellt auch eine Anpassungsstrategie dar, um negative Emotionen von sich fern zu halten. Solche Vermeidungsstrategien wirken aber nicht lang. Eine radikale annehmende Haltung wäre hier hilfreicher. Eine weitere Reaktion ist die Flucht in Verschwörungstheorien, die einfache Lösungen bieten, weil man die generalisierte Angst auf ein bestimmtes Thema projizieren kann. Verschwörungserzählungen bieten diese Möglichkeit. Sie bieten Struktur und einfache Lösungen für komplexe Sachverhalte.

Wovon hängt es ab, wie ängstlich jemand auf eine Krise reagiert?

Die Ausprägung von Angst ist multifaktoriell bedingt – also ist von vielen verschiedenen Einflussfaktoren abhängig. Genetische Disposition spielt eine Rolle, Lernerfahrungen, die man in bedrohlichen Situationen gewonnen hat, aber auch der Kontext bestimmt das Ausmaß von Angst. In der gegenwärtigen Lage wird das Ausmaß von Angst etwa davon beeinflusst, wie viel soziale Unterstützung man erfährt (Halt und Geborgenheit), welche Informationen man erhält (Fake News vs. wissenschaftlich fundierte Informationen) oder wie stark man persönlich von der Krise betroffen ist. Deshalb ist die Regulation von Emotionen derzeit besonders wichtig. Viele Menschen haben keinen ausreichenden Zugang  zu ihren Emotionen und gehen eher verkopft durchs Leben.

„Wie die Folgen der Pandemie aussehen, hängt von verschiedenen Faktoren ab.“

Wie kann das gelingen, vor allem auch, wenn einer der Regulationshelfer, den wir normalerweise nutzen, physische Nähe ist?

Soziale Nähe kann jetzt durch Telefonate, Chats oder das Versenden von Mails oder Briefen erfahren werden. Körperlich auf Distanz zu gehen, heißt eben nicht, auf Nähe zu verzichten. Es gibt einen Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit.

Können Autoritäten Unterstützung in diesem Bereich geben?

In Krisenzeiten ist die Motivation der Menschen größer, sich Autoritäten unterzuordnen. Derzeit erleben wir einen Regelkonformismus. Das ist etwas Anderes als unreflektierte Subordination oder Untertänigkeit. Es besteht aber die Gefahr, dass Verschwörungsszenarien einige Menschen beeinflussen.

Der Krisenkommunikation kommt natürlich eine große Bedeutung zu. Ebenso wichtig ist es, wie beispielsweise Politikerinnen und Politiker sich selbst verhalten und mit der Krise umgehen. Das hat sicherlich einen Effekt. Sprache begründet bekanntermaßen das Bewusstsein.

Befürchten Sie, dass langfristige psychologische Schäden bleiben könnten? 

Wie die Folgen der Pandemie aussehen, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Externe Aspekte wären etwa die Zeitdauer der Krise, die Krisenkommunikation politischer Akteure, die sozialen und wirtschaftlichen Schäden. Internale Faktoren betreffen die individuelle Verwundbarkeit, bestehende Vorbelastungen oder Erkrankungen und das Ausmaß, wie stark man von Belastungen betroffen ist. Zentral ist auch die Rolle von Bewältigungsmechanismen und Ressourcen. Insgesamt wird von einer Zunahme an psychischen Störungen und signifikanten Verhaltensänderungen ausgegangen.

„Jetzt gibt es schon eine Bewusstseinsveränderung sowohl auf sozialer, politischer und gesellschaftlicher Ebene.“

Wenn eine solche Phase noch lange anhält, welche anderen Gefahren drohen im psychologischen Bereich?

Neben den oben beschriebenen psychologischen Folgen, sind es besonders Stresssituationen, die gehäuft auftreten können. Innerfamiliäre oder häusliche Gewalt, Konflikte im Eheleben oder eine starke Belastung der Eltern-Kind-Beziehung sind hier mögliche Gefahren.

Ab welchen Zeitraum sprechen wir tatsächlich von einer langanhaltenden Lage?

Wir sind bereits in der Phase, in der mit Folgeschäden zu rechnen ist. Hinzu kommt, dass unser Zeitempfinden sich verändert hat, da die Struktur unseres Alltags eine andere ist. Es gibt aber keinen klaren Cut-Off, der für alle gilt, da es sehr individuell ist und jeder unterschiedlich lang mit einer solchen Ausnahmesituation umgehen kann.

Hilft es mehr zu arbeiten?

Arbeit ist immer eine Art Beschäftigungstherapie und per se natürlich auch eine gute und wichtige Säule im Leben. Allerdings ist es problematisch, wenn man sich jetzt nur noch in die Arbeit stürzt und keine weiteren Lebenssäulen kultiviert.

Glauben Sie denn, dass es nach der Krise eine gesellschaftliche Veränderung geben wird?

Je länger der Prozess anhält, desto mehr Veränderungen wird es geben. Jetzt gibt es schon eine Bewusstseinsveränderung sowohl auf sozialer, politischer und gesellschaftlicher Ebene. Ob diese auch strukturelle Veränderungen nach sich ziehen wird, bleibt abzuwarten. Ich glaube aber, dass in dieser Krise durchaus auch Potenzial zum Positiven liegt, vorausgesetzt den Opfern der Krise wird schnellstmöglich und adäquat Hilfeleistungen geboten.

 

Zur Person

Die Psychologin Dr. Donya Gilan leitet den Bereich ‘Resilienz und Gesellschaft’ am Leibniz-Institut für Resilienzforschung.

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