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„Die Verhaltenspsychologie wird eine wichtige Rolle spielen.”

Ein Gespräch mit Dr. Robert Lepenies

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In der aktuellen Corona-Krise müssen wir unser Verhalten stark ändern, Stichwort Social Distancing. Die meisten Länder setzen dafür auf Verbote, anderen haben lange auf bloße Anreize gesetzt, die als Nudging bezeichnet wurden. Was ist Nudging?

Das Grundprinzip von Nudging ist immer eine Änderung der Entscheidungsarchitektur. Das bedeutet, man ändert die Umstände in denen Entscheidungen getroffen werden, so dass bestimmte Dinge leichter oder einfacher sind. Die psychologischen Grundlagen dafür haben Cass Sunstein und Richard Thaler mit ihrem Buch „Nudge” gelegt, die sich wiederum auf bestimmte Schulen der Psychologie berufen (das sogenannte heuristics-and-biases Forschungsfeld von Daniel Kahneman und Amos Tversky). Nudging basiert zwar auf einem bestimmten psychologischen Grundverständnis, aber dadurch, dass das Konzept jetzt relativ populär ist und häufig angewendet wird, wird es auch vielfach einfach in den Bereichen Marketing und Konsumentenverhalten von öffentlichen Behörden angewendet. Das hat dann in der Praxis nicht mehr so viel mit der Grundpsychologie zu tun, mit der es zunächst gestartet ist.

Rein theoretisch, welche Nudging-Maßnahmen könnten in Zeiten der Corona-Pandemie sinnvoll sein?

Man könnte zum Beispiel ein Desinfektionsspray an den Eingang von jedem Bürogebäude hängen. Das würde dann automatisch dazu führen, dass sich die Leute vor dem Betreten des Gebäudes die Hände besser desinfizieren. Eine andere Möglichkeit wäre Fußstapfen von der Toilette auf dem Weg zum Waschbecken auf den Boden zu kleben. Das wäre dann auch Nudging.

„Das Problem an der Sache ist auch, dass viele Methoden, die wir aus der Sozialpsychologie kennen, eigentlich nur experimenteller Natur sind.“

Können Sie sagen, ob Verbote oder Nudging effektiver zu einer Verhaltensänderung führen?

Ich kenne mich darin aus, wie in verschiedenen Ländern psychologische Erkenntnisse in der Politik aufgegriffen werden. Ich kann nicht viel dazu sagen, wenn es darum geht effektive Methoden aus psychologischer Sicht oder aus unterschiedlichen psychologischen Schulen zu bewerten. Das Problem an der Sache ist auch, dass viele Methoden, die wir aus der Sozialpsychologie kennen, eigentlich nur experimenteller Natur sind, quasi in sterilen Laboren und in einem bestimmten Versuchsaufbau erhoben werden. Die globale Pandemie, die wir jetzt erleben, betrifft nicht nur alle gesellschaftlichen Teile, sondern erschüttert auch unsere institutionelle Ordnung. Die Frage ist jetzt eher, inwieweit solche Einsichten aus dem Labor überhaupt übertragbar sind. Ich habe das Gefühl, dass Vorstudien da nur Hinweise geben können. Was die evidenzbasierte Psychologie nun beitragen kann, ist ein wahnsinnig spannendes Thema. Ich wäre aber sehr vorsichtig, solche Erkenntnisse in einer realen Strategie anzuwenden. Ich habe großen Respekt vor Leuten, die diese Entscheidungen treffen müssen.

Wird Nudging aktuell von Regierungen zur Eindämmung des Corona-Virus genutzt?

Hmm…jein! Wenn man Nudging als das definiert, was Nudge Units machen – das sind Expertengruppen, welche die Politik in verhaltenspsychologischen Themen beraten – da passiert gerade erstaunlich wenig, zumindest in den ersten Wochen bei den Maßnahmen zur Beschränkung sozialer Kontakte und der Kommunikation darüber. Dabei ist die Verhaltenswissenschaft sehr aktiv: Viele Wissenschaftler teilen gerade Literatur über effektiven Unterricht von Kindern oder welche Posteranleitungen zum Händewaschen besonders gut wirken. Im Eilverfahren werden Überblicksartikel erstellt. Diese Art Nudging gibt es schon. Aber ich würde nicht sagen, dass die Regierungsstrategie, die politischen Maßnahmen zur Milderung der Krise, in einem besonderen Maße von Nudge Units oder Nudging beeinflusst werden. Selbst im Vereinigten Königreich, das Land in dem Nudging am meisten verbreitet ist, gibt es kaum einen Einfluss von Nudge Units auf die Regierungsstrategie. Der einzige Hinweis ist die Beteiligung des Behavioral Insights Team im Krisenstab des Vereinigten Königreiches durch eine oder vielleicht mehrere Personen. In Deutschland gibt die sogenannte “wirksam regieren”-Gruppe im Kanzleramt. Die hat schon vor zwei Jahren interessante Experimente zur Krankenhaushygiene gemacht. Aktuell habe ich aber noch nichts von dieser speziellen Gruppe gehört.

„In der neuen Normalität, in ein paar Monaten, wenn neue Infektionswellen wiederkehren. Dann wird die Verhaltenspsychologie eine wichtige Rolle spielen.“

Sind Nudging-Methoden zu diesem Zeitpunkt überhaupt anwendbar?

Ich würde sagen, man kann diese Methoden gerade nicht anwenden, weil Nudging immer sehr kleinteilig ist und sich mit solch strukturellen großen Fragen gar nicht beschäftigen kann. Aktuell stehen wir vor dem ersten Peak und es geht vor allem darum die Stabilität des Gesundheitssystems in dieser ersten Welle zu sichern. Da habe ich das Gefühl, dass das verhaltenswissenschaftliche Fragen zu Recht noch keine wichtige Rolle spielen. Aber in der neuen Normalität, in ein paar Monaten, wenn neue Infektionswellen wiederkehren. Dann wird die Verhaltenspsychologie eine wichtige Rolle spielen. Zum Beispiel das Konzept der Behavioural Fatigue, psychologische Probleme in der Quarantäne, Ungleichheiten, die sich weiter verstärken, auch häusliche Gewalt ist hier ein riesiges Thema. Dass viele soziale Hilfsdienste jetzt nicht aktiv sind, ist ein großes Problem. Aber hier sind alle Sozialwissenschaften gefragt: besonders die Soziologie.

Sie haben gerade schon die Nudge Units in den UK angesprochen. Welche Strategie wurde dort verfolgt und wie wurde sie begründet?

Noch bis letzte Woche haben die UK als eines der letzten Länder in Europa bestimmte Maßnahmen nicht durchgesetzt. Etwa Großveranstaltungen zu verbieten oder die Schulen und Pubs zu schließen. Durch ein Sondergutachten einer Forschungsgruppe vom Imperial College hat man dann aber epidemiologischen Modellannahmen revidiert. Jetzt hat die britische Regierung mit den Maßnahmen nachgezogen. Ihnen wird aber nun vorgeworfen, sie hätten einen Monat verspielt. Ich glaube aber nicht, dass die Nudge Unit daran Schuld war. Die Strategie wurde extrem vorschnell verurteilt – falls es überhaupt eine Strategie war – zum Beispiel von Tony Yates im Guardian. Die Prämisse war, dass es eine Strategie der Herdenimmunisierung und diese maßgeblich von der Nudge Unit beeinflusst wurde. Im Nachhinein gibt es dafür aber keine richtige Evidenz. So wie ich das sehe, basierten die anfänglichen Maßnahmen aber einfach auf unterschiedlichen Modellrechnungen verschiedener Epidemiologen und nicht auf Empfehlungen der Nudge Unit. Das Problem ist allerdings, dass die Debatte in den UK durch die Brexit-Problematik so polarisiert ist, dass viele sich jetzt fragen, welchem Psychologen und welchem Modellierer man nun glauben soll. So hat sich auch in den sozialen Medien ein Narrativ entwickelt: “Das sind doch nur Sozialwissenschaftler – wir brauchen aber richtige Wissenschaftler “ Nun stellt sich auch die Frage, wie diese Krise den Ruf von Verhaltenswissenschaftlern in UK nachträglich schädigen könnte. In Deutschland erleben wir interessanterweise diese Debatte nicht.

„Ähnlich wie bei der Klimakrise wussten wir aber schon früher, dass unsere Gesundheitssysteme nicht resilient genug sind, um das jetzt alles auszuhalten.“

Apropos Social Media: Tragen auch Aktionen in den sozialen Medien wie #wirbleibenzuhause oder #WirvsVirus zu einer Verhaltensänderung bei?

Das ist eine gute Frage! Ich kenne die Antwort nicht, aber man könnte das testen. Ein anderer schöner Hashtag ist #staythefuckhome, eher etwas drastischer. Es gibt Forschungen zu solchen moralischen Appellen und wann sie in anderen Kontexten einen Einfluss haben. Die finden aber – wie bereits erwähnt – meist in Laborexperimenten statt. Und selbst wenn sie großflächig getestet wurden ist die Generalisierbarkeit solcher Erkenntnisse ein konstantes Problem: das wissen die WissenschaftlerInnen aber auch. Man könnte zum Beispiel untersuchen, ob es effektiver ist zu sagen: Das ist gut für dich, weil du gesund bleibst. Oder: Es hilft deiner Umgebung um dich herum. Die Ergebnisse wären natürlich abhängig vom kulturellen Kontext. So gibt es Länder, in denen es relativ effektiver ist, an das soziale oder altruistische Verhalten zu appellieren als an das Individuum. Genau diese Erkenntnisse gibt es hier zusammengetragen von van Bavel et al., viel besser, als ich das jetzt wiedergeben kann.

Bei der Klimakrise ist auch eine Änderung unseres Verhaltens notwendig. Wie unterscheiden sich die beiden Krisen und bedürfen sie unterschiedlicher Strategien?

Die Klimakrise ist gefühlt vermeintlich einfach weiter weg – obwohl das gar nicht wahr ist, denn wir spüren die Auswirkungen der Klimakrise schon jetzt und global. Die Corona-Krise betrifft uns gerade ganz offensichtlich, bei jedem von uns zuhause, am Bildschirm und vermutlich auch im Schlaf – und sie ist das einzige Thema über das wirklich alle auf der ganzen Welt reden. Das ist für die Klimakrise aus unterschiedlichen Gründen nicht der Fall. Gründe dafür sind beispielsweise kurzfristige Profite oder Akteure, die aktiv dagegen arbeiten, dass das Klimathema auf die politische Tagesordnung kommt. Die Aktivitäten der Lobbies für fossile Brennstoffe sind ja gut dokumentiert. Es ist interessant, dass es diese Akteure in der jetzigen Pandemie kaum gibt. Ähnlich wie bei der Klimakrise wussten wir aber schon früher, dass unsere Gesundheitssysteme nicht resilient genug sind, um das jetzt alles auszuhalten. Gesundheitsminister Spahn hat bereits im Oktober 2019 auf dem World Health Summit in seiner Rede gesagt, dass wir nicht bereit sind für eine globale Pandemie. Seit Jahren gibt es Kurse der WHO zu „pandemic preparedness” und Stiftungen wie die Gates Foundation haben sehr ähnliche Fälle mit in science diplomacy-Kursen gelehrt. Es ist also kein Wissensproblem. Corona ist eben kein „unknown unknown” sondern ein „known unknown”. Nun gibt es immer wieder Vorschläge, man sollte die Corona- und Klimakrise nicht nur stärker vergleichen, sondern auch die Dringlichkeit der einen Krise für die Dringlichkeit der anderen „nutzen”. Ich sehe eine Instrumentalisierung der Corona-Krise, besonders wenn sie auf Furcht und anderen Emotionen aufbaut, als ethisch problematisch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass nachhaltige Lösungen daraus erwachsen können, dass man die Furcht der einen Krise auf die andere überträgt. Wir haben ja nicht nur diese zwei, sondern vielfältige, sich überlagernde „Krisen” oder globale Herausforderungen von Biodiversitätsverlusten, globalen Ungleichheiten, Landnutzungfragen und nun auch einer kommenden Wirtschaftskrise. Ich finde wir sollten eher eine andere Perspektive einnehmen und zum Beispiel das Rahmenwerk der Global Nachhaltigkeitsziele (SDGs) der Vereinten Nationen nutzen, um diese Problematiken insgesamt in ihren Wechselwirkungen und Verknüpfungen zu verstehen. Der erste Reflex der Psychologie ist natürlich die Perspektive aufs Individuum, wir sollten den Blick hier aber eindeutig weiten.

 

Zur Person

Dr. Robert Lepenies ist Politikwissenschaftler am Department für Umweltpolitik am Helmholtz Zentrum für Umweltforschung (UFZ) und im Vorstand der Global Young Academy. Er forscht zu Nudging, den Global Nachhaltigkeitszielen und Science-Policy Interfaces.

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