Foto: Stephanie Lessmann/Standort 38 Alle Rechte bei der Technischen Universität Braunschweig

„Wir haben es hier nicht mit einer strukturellen Krise zu tun.“

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Christian Leßmann

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Wie schlimm trifft die Corona-Pandemie die deutsche Wirtschaft bereits jetzt?

Wir sehen jetzt schon deutliche Folgen in verschiedenen Bereichen. Die Zahlen im Bereich der Kurzarbeit sind beispielsweise explodiert. Das sind derzeit über eine Millionen Menschen von über 40 Millionen Beschäftigten in Deutschland. Das ist natürlich sehr viel und eine unmittelbare Folge. Dieser Wert wird in Kürze höher sein als bei der letzten Finanzkrise. Für die Wirtschaft ist daher vor allem die Frage kritisch, wie lange der Zustand anhält. Denn schon jetzt ist die Situation teilweise dramatisch, wobei das Ausmaß natürlich stark vom Gewerbe abhängt, über das man spricht. Da gibt es große Unterschiede. Industrieproduktion beispielsweise kann im Prinzip nachgeholt werden. Im Dienstleistungssektor geht das aber nicht. Da sind die Einbrüche jetzt schon abzusehen.

„Wir brauchen die richtige Balance zwischen Offenheit und Geschlossenheit und Deutschland steht da eigentlich gut dar. Die aktuelle Situation trifft uns aber deshalb gerade besonders stark.“

In einem Statement des ifo Instituts heißt es, dass Deutschland „als offene Volkswirtschaft, die intensiv in die globalen Wertschöpfungsketten eingebunden ist, stärker als andere Länder von den wirtschaftlichen Auswirkungen des Coronavirus gefährdet” ist. Was genau bedeutet das?

Deutschland hat ein Bruttoinlandsprodukt von etwa 3,5 Billionen Euro. Der Außenbeitrag von Deutschland, also der Saldo aus Importen und Exporten, liegt bei zirka 200 Milliarden Euro. Wir exportieren für rund 1.6 Billionen und importieren für etwa 1.4 Billionen. Addiert man diese Beträge, so kommt man auf 3 Billionen Euro. In Relation zum Bruttoinlandsprodukt ist dies ein sehr großer Wert. Dabei handelt es sich allerdings nicht nur um Waren, die hier in Deutschland vollständig hergestellt werden, sondern vor allem auch um Produkte, die basierend auf eingeführten Rohstoffen und Vorprodukten in Deutschland veredelt werden und dann in den Export gehen. Wir sind also sowohl von Importen als auch von Exporten abhängig. Und für den Fall, dass Wertschöpfungsketten zusammenbrechen, fehlt ein wichtiger Beitrag unserer sehr offenen Ökonomie. Da sind geschlossene Ökonomien sicherlich weniger von betroffen, als die deutsche Wirtschaft. Das darf aber im Umkehrschluss nicht heißen, dass man deshalb nun die Handelsoffenheit reduziert.

Weshalb nicht? 

Die Handelsoffenheit ist die Grundlage unseres Wohlstands. Wir brauchen die richtige Balance zwischen Offenheit und Geschlossenheit und Deutschland steht da eigentlich gut dar. Die aktuelle Situation trifft uns aber deshalb gerade besonders stark. Es gibt aber auch Länder, bei denen es noch schlimmer ist, wie beispielsweise Singapur, dessen Wirtschaft fast komplett auf Handel basiert.

„Wir haben es hier nicht mit einer strukturellen Krise zu tun. Die aktuelle Situation hingegen ähnelt eher der Lage bei einer Naturkatastrophe, wo plötzlich nichts mehr produziert werden kann.“

Trotz der angespannten Lage hat die Bundesregierung sehr schnell ein umfangreiches Maßnahmenpaket verabschieden können. Sind wir also insgesamt doch gut gegen Krisen gerüstet?

Das hängt stark von der Art der Krise ab. Die aktuelle Lage ist etwas Besonderes und ziemlich einzigartiges zumindest in der näheren Vergangenheit. Wenn wir in unseren Modellen Krisenszenarien simulieren, handelt es sich dabei meistens um das Szenario eines Nachfrageschocks. Wenn wir uns beispielsweise die Pandemie als Epidemie, die es nur in China gibt vorstellen, dann wären Teile unserer Außenhandelsverpflichtungen mit China unter Druck geraten und in diesem Zuge wäre ein Nachfrageschock entstanden. In der aktuellen Situation gibt es sowohl einen Angebots- als auch einen Nachfrageschock. Das ist ziemlich einmalig und neu. Deshalb sind die Prognosen für die Wachstumsraten auch so negativ und man erwartet mehr als nur eine kleine Delle.

Inwiefern unterscheidet sich die aktuelle Situation noch von früheren Wirtschafts- und Finanzkrisen?

Wir haben es hier nicht mit einer strukturellen Krise zu tun. Denn das ist keine Krise, die auf einem Problem in unserem Wirtschaftssystem beruht. Das ist ein großer Unterschied, beispielsweise im Vergleich zum Platzen einer Immobilienblase. Die aktuelle Situation hingegen ähnelt eher der Lage bei einer Naturkatastrophe, wo plötzlich nichts mehr produziert werden kann. Nach einem ersten Schock erholt sich die Wirtschaft davon relativ gut. Im Gegensatz zu einer Naturkatastrophe geht aktuell jedoch der Kapitalstock nicht kaputt. Das ist ein riesiger Vorteil.

Was bedeutet das genau?

Bei einer Naturkatastrophe werden Straßen, Brücken, Fabriken oder andere wirtschaftliche Infrastrukturen zerstört. Dieses Phänomen haben wir bei Corona nicht. Wir können im Prinzip nach der Krise sofort wieder weitermachen. Deshalb störe ich mich auch an der Kriegsrhetorik, die vielfach in den Medien benutzt wird, um die Situation zu beschreiben. Dabei ist die Situation, eben weil kein Kapitalstock kaputt geht, wirtschaftlich vollkommen anderes. Wir brauchen also keinen Wiederaufbau im Sinne eines Nachkriegsszenarios. Ich persönlich glaube sogar, dass der Umbruch nach der Wiedervereinigung größer und belastender für die Gesellschaft und die Wirtschaft war, als die Auswirkungen aus der aktuellen Krise. Denn das waren gigantische strukturelle Umbrüche und die haben wir derzeit so einfach nicht.

Ich möchte die Probleme, die für einzelne Sektoren und Menschen entstehen nicht herunterspielen, aber sie sind gesamtgesellschaftlich eher kurzfristiger Natur und die Hilfspakete werden dazu beitragen, dass es selbst bei einem schrittweisen Ausstieg ein relativ kurzfristiger Schaden sein wird.

„Ich glaube in einer Phase von zwei bis vier Wochen, in der wir uns aktuell befinden, brauchen wir uns keine großen Sorgen zu machen.“

Wie beurteilen Sie die Maßnahmen, die von der Regierung ergriffen wurden?

Es gibt ja sehr unterschiedliche Maßnahmen und diese sind unterschiedlich zu bewerten. Das Kurzarbeitergeld beispielsweise ist das, was Ökonomen einen automatischen Stabilisator nennen. Das ist ein Instrument, was es auch außerhalb der aktuellen Krise gibt, um kurzfristige Probleme von Firmen zu überbrücken. Ein solches Instrument dämpft Rezessionen und es ist gut, dass es da ist und wir jetzt auf es zurückgreifen können.

Die Wirksamkeit anderer Instrumente, wie Subventionen und Kreditvergaben, hängt stark von der Branche ab. Wenn ich in einer Branche mit guten Ertragswerten unterwegs bin, dann sollte man mit Bürgschaften und günstigen Krediten in der Lage sein, diese Situation auszuhalten. Das gilt vor allem für Unternehmen, die stark vom Handel abhängig sind. Im Dienstleistungssektor hingegen halte ich diese Instrumente eher für schwach. Da werden viele Unternehmen nicht in der Lage sein nur mit Krediten zu überleben, weil sie diese auch in besseren Zeiten nicht zurückzahlen können. Hier wären Pauschalsubventionszahlungen sinnvoll, die es ja teilweise – und in einigen Ländern – auch gibt.

Wie lange ist die deutsche Wirtschaft – mit allen Hilfspaketen die es derzeit gibt – in der Lage einen Lockdown des derzeitigen Ausmaßes auszuhalten?

Das ist natürlich hoch spekulativ und es gibt keinen ganz klaren Punkt an dem es kippt. Ich glaube in einer Phase von zwei bis vier Wochen, in der wir uns aktuell befinden, brauchen wir uns keine großen Sorgen zu machen. Da gibt es Verteilungsprobleme, aber wir werden auf die Gesamtwirtschaft gesehen so eine Situation durchstehen und uns von den Einschnitten erholen. Bei Zeiträumen zwischen einem Monat und drei Monaten wird es dann schon heftiger. Da gibt es Berechnungen vom Ifo Institut, die einen Einbruch der Wirtschaftsleistung von 20 Prozent vorhersagen und das wäre schwierig zu kompensieren. Alle Zeiträume, die darüber hinausgehen sind unrealistisch, weil unser System sie nicht durchhalten würde.

„Ein Resultat der Krise wird es sein, dass wir die Politik der Schwarzen Null und unseren Sozialstaat künftig stärker zu schätzen wissen werden.“

Ein weiterer Faktor ist, dass bestimmte Produkte – wie beispielsweise Schutzmasken – derzeit stärker gebraucht werden als normalerweise. Ist es vorstellbar, dass die Regierung anordnet, dass solche Dinge verstärkt hergestellt werden müssen?

Wir haben derzeit keine Notstandssituation und befinden uns nicht im Krieg. Insofern ist eine Anordnung aktuell aus meiner Sicht nicht möglich und auch nicht sinnvoll. Was man tun kann und was ja auch bereits getan wird, ist Anreize zu setzen für die Umrüstung der Produktion. Das funktioniert auch in einer Friedensökonomie, vor allem weil derzeit noch alles mit Geld steuerbar ist. Dass wir das Geld dazu haben, liegt auch daran, dass wir sparsam gewirtschaftet haben und die schwarze Null gehalten haben. Deshalb können wir jetzt auf unsere Reserven setzen, um uns aus der Krise zu führen. Ein Resultat der Krise wird es sein, dass wir die Politik der Schwarzen Null und unseren Sozialstaat künftig stärker zu schätzen wissen werden. Gerade im internationalen Vergleich kommt unser System derzeit sehr gut weg. Bei uns tut es zwar hier und da weh, aber niemand fällt bei uns ins Nichts.

Eine interdisziplinäre Expertenkommission hat kürzlich einen Plan vorgestellt, wie es nach dem Lockdown schrittweise zurück in die Normalität gehen könnte. Wie stehen Sie zu solchen Plänen?

Dafür ist es wichtig, dass wir einen Konsens zwischen den Ökonomen und den Medizinern finden. Die einen haben ja die Gesundheit der Wirtschaft im Blick und die anderen die Gesundheit des Menschen. Auch wenn wir es nicht möchten, gibt es da einen gewissen Zielkonflikt. Deshalb ist es wichtig hier jetzt in einer interdisziplinären Kommission Vorschläge zu entwickeln. Der Weg der schrittweisen Rückkehr ist sicherlich der Weg, der derzeit am sinnvollsten ist.

 

Zur Person

Prof. Dr. Christian Leßmann leitet das Institut für Volkswirtschaftslehre an der Technischen Universität Braunschweig. Zudem ist er Forschungsprofessor am ifo Institut – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e.V.

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