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„Ich sehe in der derzeitigen Situation eine Sternstunde für den Föderalismus”

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Eckhard Nagel

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Wir befinden uns seit etwa einem Monat in einem Krisenmodus. Wie gut hat unser Gesundheitssystem auf die Krise reagiert?

Es ist ohne Frage so, dass es uns gut gelungen ist, uns auf das neuartige Virus und die damit einhergehenden Herausforderungen einzustellen. Das zeigt, dass wir insgesamt eine gute Verteilung der Gesundheitsversorgung innerhalb der Bundesrepublik – über alle Standorte hinweg – haben. Deshalb waren wir in der Lage, flexibel und gut auf die Krise zu reagieren. Das ist allerdings mit dem deutlichen Runterfahren der normalen medizinischen Versorgung erkauft worden. Und deshalb muss man hier differenzieren und sagen: Wir sind nicht in der Lage, eine solche Situation zu bewältigen und gleichzeitig die normale Versorgung am Laufen zu halten. Und dass, obwohl die Situation bei uns nicht so krisenhaft in Erscheinung tritt wie in anderen Ländern. Trotzdem muss man eben auch das Positive sehen: Auf die Krise konnten wir bisher gut und adäquat reagieren. Solange die Situation zeitlich begrenzt bleibt, wird der Schaden für die normale Gesundheitsversorgung gesamtgesellschaftlich nicht zu groß werden. Es ist wichtig, dass wir realistisch bleiben und unser System nicht hochjubeln, sondern hinterher aufrichtig reflektieren, wie es wirklich gelaufen ist und welche Dinge trotz der daraus folgenden Abstriche notwendig waren.

Glauben Sie, dass eine solche ausgewogene Reflexion erfolgt?

Ich hoffe, dass – falls die Katastrophe in Deutschland ausbleibt -, wir nicht in eine zu kritische Nachberichterstattung geraten. Also nicht plötzlich dazu kommen, dass wir hinterfragen, ob es wirklich notwendig war, die Maßnahmen anzuordnen, die ergriffen wurden. Es ist wichtig, dass wir die Probleme Einzelner, die unter der Situation gelitten haben, aufzeigen und  anerkennen, aber nachvollziehbar klarmachen, dass die Prioritätenverschiebungen sinnvoll und notwendig waren. Dabei geht es dann natürlich um die gesamtgesellschaftliche Perspektive, die in der Krise der Situation Einzelner bisweilen entgegen steht.

„Dinge wie Bevorratung oder auch Überschusskapazitäten sind in Krisensituationen wichtig und notwendig und müssen einkalkuliert werden.“

Was zeichnet das derzeit so hochgelobte deutsche Gesundheitssystem aus?

Wir haben hier schon seit dem Beginn der Sozialgesetzgebung eine zentrale Verantwortung des Staates im Sinne eines Sicherstellungsauftrags für die stationäre Krankenversorgung und gleichzeitig einen Sicherstellungsauftrag bei den kassenärztlichen Vereinigungen für die ambulante Versorgung. Diese ist in Deutschland, was die fachärztliche Versorgung betrifft, so intensiv und gut ausgebaut, wie in kaum einem anderen Land. Dieses häufig gescholtene, bisweilen sehr konkurrierende System hat uns in dieser Situation sehr stark geholfen und unterstützt. Wir haben außerdem eine deutlich höhere Anzahl an Intensivbetten pro Kopf als andere Länder. Das wurde in der Vergangenheit auch oft kritisiert und als Überversorgung angesehen, weshalb wir seit einigen Jahren kontinuierlich Betten abbauen. Das hat dem System nicht gut getan und erklärt auch einige Engpässe, die es derzeit gibt. Das gilt auch für andere strukturelle Anpassungen, die in der Regel das Ergebnis finanziellen Herausforderungen geschuldet sind. Es gab vor einiger Zeit eine Studie von Bertelsmann, die ich damals schon scharf kritisiert habe, die einen weiteren umfangreichen Abbau anregte. Da kann man in der aktuellen Situation nur froh sein, dass daraus keine direkten Maßnahmen abgeleitet werden.

Wir kritisieren unser Gesundheitssystem immer wieder aus ökonomischen Gründen. Die aktuelle Krise stellt diese ein wenig auf den Kopf beziehungsweise eröffnet die Diskussion neu. Was lehrt uns die Krise in dieser Hinsicht?

Sie lehrt uns in jedem Fall, dass das sogenannte Lean-Management, das es in vielen globalen und industriellen Kontexten gibt und das auf viele Bereiche ausgedehnt wurde, in seiner Grundvorstellung nicht auf das Gesundheitssystem anzuwenden ist, weil es in der Praxis nicht so funktioniert, wie man es sich theoretisch vorstellt. Dinge wie Bevorratung oder auch Überschusskapazitäten sind in Krisensituationen wichtig und notwendig und müssen einkalkuliert werden. Und das widerspricht dem Grundprinzip des Lean-Managements auch im Bereich der Gesundheitsversorgung. Wir müssen selbstverständlich logistische und technologische Entwicklungen gewinnbringend nutzen, aber wir dürfen nicht einzig und alleine auf sie setzen.

„Um auf eine solche Krise zu reagieren, braucht es neben finanziellen Mitteln aber eben auch eine gute Organisations- und Infrastruktur.“

Gibt es noch andere Dinge, die in Deutschland anders und besser laufen, als in anderen Ländern?

Für eine abschließende Betrachtung ist es sicherlich noch zu früh. Man kann aber natürlich sagen, dass beispielsweise ein chronisch unterfinanziertes Gesundheitssystem, wie das in Spanien, deutlich schlechter für diese Krise aufgestellt war als unseres. Hier gab es bereits eine Mangelversorgung von Patienten bevor die Krise begonnen hat. Das ist die Folge drastischer Sparmaßnahmen nach der Finanzkrise und ist auch in Italien oder Griechenland zu beobachten. In England gibt es ein staatliches System, das eine gute Organisationsstruktur hat, einen gewaltigen logistischen Überbau und eine hervorragende Dokumentation bei der konkreten Umsetzung. Das alles hilft aber # wenig, wenn sowohl das Fachpersonal als auch die Ressourcen nicht zur Verfügung stehen, weil das System nicht ausreichend finanziert ist.

Anders ist die Lage in den USA, dort fließt sehr viel Geld in die Gesundheitsbranche – und zwar fast doppelt so viel, wie in anderen Ländern, bezogen auf das Bruttosozialprodukt. Hier sieht man, dass finanzielle Mittel nicht die Lösung sind, wenn sie falsch verteilt werden und es keine flächendeckende Versorgung gibt. Um auf eine solche Krise zu reagieren, braucht es neben finanziellen Mitteln aber eben auch eine gute Organisations- und Infrastruktur – und wenn eines von beiden fehlt, wird es schwierig.

Wie lange ist denn unser Gesundheitssystem in der Lage, mit der Situation umzugehen?

Wenn man das System betrachtet, zeigt sich, dass wir in der Lage sind, schnell und unkompliziert hochwertige Lösungen zu finden, um mit der Krise umzugehen. Da haben wir einen langen Atem, weil wir über viel Wissen verfügen und auch die technische Ausstattung gut ist. Betrachtet man einzelne Krankenhäuser, dann ist die Situation eine andere – sowohl finanziell, als auch was die Belastung der Mitarbeitenden angeht. Da ist die Belastung sehr hoch. Hier ist das System besonders fragil, sobald wir einen starken Zuwachs an Infizierten haben, weshalb die Maßnahmen wichtig sind.

„Es gibt große regionale Unterschiede, was beispielsweise die Infektionsraten angeht, und die müssen beachtet werden.“

Wieso ist es finanziell schwierig?

Es ist einfach noch unklar, wie die Finanzierung von Corona-Patienten am Ende abläuft im Vergleich zum normalen Krankenhausbetrieb. Außerdem sind auch die notwendigen Ausstattungen für die Krankenversorgung derzeit exorbitant teuer, was die Kostenstruktur für die Krankenhäuser sprengt und nachhaltig verändert.

Derzeit wird viel darüber gesprochen, wie der Ausstieg aus dem Lockdown erfolgen soll. Was halten Sie von den Empfehlungen?

Ich glaube, wir haben uns auch hier verantwortlich aufgestellt und tun gut daran, dass wir die Wissenschaft um Empfehlungen gebeten haben. Ich teile die meisten der Punkte, die im Leopoldina-Papier vorkommen. Was mich allerdings etwas irritiert, ist die Diskussion um die vor allem zeitlich bundeseinheitlichen abzustimmenden Regelungen, die viele haben wollen. Das widerspricht den heutigen Möglichkeiten und der unterschiedlichen Gemengelagen der einzelnen Bundesländer. Es gibt große regionale Unterschiede, was beispielsweise die Infektionsraten angeht, und die müssen beachtet werden. Ich sehe deshalb in der derzeitigen Situation eine Sternstunde des Föderalismus, denn man kann vor Ort eine Situation besser einschätzen als aus der Hauptstadt. Die föderale Organisation der Krankenversorgung unterscheidet uns von anderen Ländern und ich sehe ihn als Vorteil. So sollten ab dieser Woche wieder Kindertagesstätten und Grundschulen geöffnet werden, beispielsweise zuerst in Mecklenburg-Vorpommern (Anm.d.Red.: Dort gibt es vergleichsweise geringe Infektionsraten) Die neuesten wissenschaftlichen Analysen weltweit unterstützen meine Hypothese, dass Kinder unter 10 Jahren die Infektion wenn überhaupt nachweisbar, dann eher leicht überstehen. Quarantäne bringt in diesem Alterssegment nichts. Wir brauchen also regionale Lösungen, und mich erstaunt die entgegengesetzte Berichterstattung zu diesem Thema.

 

Zur Person

Prof. Dr. Dr. med. habil. Dr. phil. Dr. theol. h.c Eckhard Nagel ist geschäftsführender Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der Universität Bayreuth. Von 2008 bis 2016 war er zudem Mitglied im Deutschen Ethikrat.

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