Quelle: Privat

„Es war wichtig, schnell und entschlossen zu handeln.“

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Andreas Peichl

0 Kommentare
  • 1+

Wie hart trifft die aktuelle Corona-Pandemie die deutsche Wirtschaft?

Sehr hart. Wie hart genau, lässt sich noch nicht prognostizieren aber dies wird sicherlich der schwerste Einbruch der Wirtschaftsleistung in der Geschichte der Bundesrepublik werden.

Denn fast alle Sektoren sind stark negativ betroffen. Der „soziale Konsum“ (z.B. Restaurants, Kino etc.), Tourismus, Reise sind besonders stark betroffen, ebenso weite Teile des Handels und Servicedienstleister, aber auch die (exportorientierte) Industrie und hier insbesondere die Automobilbranche, die ja besonders wichtig in Deutschland ist.

In einem Statement des ifo Instituts heißt es, dass Deutschland „als offene Volkswirtschaft, die intensiv in die globalen Wertschöpfungsketten eingebunden ist, stärker als andere Länder von den wirtschaftlichen Auswirkungen des Coronavirus gefährdet” ist. Was genau bedeutet das?

Deutschland ist „Exportweltmeister“ und damit besonders von Nachfrage aus dem Ausland nach unseren Wirtschaftsgütern abhängig. Außerdem beziehen wir viele unserer (Vor-)Produkte aus dem Ausland. Diese Lieferketten über Grenzen hinweg sind nun gestört und das bekommen wir in besonderem Ausmaß zu spüren. Als globale Krise ist es aber auch wichtig zu erkennen, dass es nun globale Anstrengungen und auch Solidarität innerhalb der Staatengemeinschaft braucht.

 

„Es werden in den kommenden Jahren noch weitere Maßnahmen und Pakete notwendig sein. Das ist jetzt erst der Anfang.“

Was bedeutet die Krise aus wirtschaftlicher Sicht denn für die Globalisierung?

Das ist schwierig vorherzusagen aber es ist klar, dass es Veränderungen geben wird. Es könnte mehr lokale Produktion geben. Gleichzeitig könnte China (z.B. im Vergleich zu den USA) an weltweitem Einfluss gewinnen und beispielsweise insolvente Unternehmen in Europa übernehmen.

Inwiefern unterscheidet sie die derzeitige Krise von anderen Finanzkrisen?

Im Gegensatz zu bisherigen Wirtschaftskrisen handelt es sich sowohl um einen Angebotsschock (also auf die Firmen) als auch einen Nachfrageschock (auf die Konsumenten) gleichzeitig und dadurch ergibt sich die wesentliche Schwierigkeit im ökonomischen Umgang mit dem Coronavirus, da die üblichen Konjunkturprogramme in dieser Situation nicht bzw. nicht so wie sonst wirken.

Die Bundesregierung hat sofort und sehr schnell finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt, wie ist so etwas überhaupt möglich?

Aufgrund der „schwarzen Null“ ist Deutschland jetzt in der glücklichen Lage, über den notwendigen finanziellen Spielraum zu verfügen, um schnell und entschlossen zu handeln. Allerdings werden in den kommenden Jahren noch weitere Maßnahmen und Pakete notwendig sein, aber es ist noch zu früh, konkrete Maßnahmen zu benennen. Das ist jetzt erst der Anfang. Insgesamt lässt sich aber festhalten: Es war wichtig, schnell und entschlossen zu handeln. Auch um die Finanzmärkte zu beruhigen.

 

„Das entscheidende ist zunächst einmal, dass es eine Rückkehr in Schritten ist und nicht alles sofort überall gleichzeitig gelockert wird.“

Wie lange hält unser System bei allen staatlichen Hilfen einen Lockdown durch?

Aktuelle Szenarien und Prognosen gehen von einer tiefen Rezession aus, die umso gravierendere Auswirkungen haben wird, je länger die jetzt beschlossenen Einschränkungen des öffentlichen Lebens anhalten werden. Wir müssen Mittel und Wege finden, dass wir eine Bekämpfung der Pandemie und eine schrittweise Lockerung der Maßnahmen kombinieren.

Sie gehören zu einer Expertengruppe, die für eine schrittweise Rückkehr nach dem Lockdown plädiert. Was sind die wesentlichen Schritte in diesem Plan?

Das entscheidende ist zunächst einmal, dass es eine Rückkehr in Schritten ist und nicht alles sofort überall gleichzeitig gelockert wird. Diese differenzierten Lockerungen muss man gut vorbereiten und dazu sind umfassende Planungen und Vorbereitungen nötig: Als solche schlagen wir vor: (a) die Verfügbarkeit von Schutzkleidung im Gesundheitswesen und für Bereiche mit Risikogruppen, (b) Planung und Konzeption von Lockerungen, inklusive Maßnahmen, die das Übergreifen auf Risikogruppen verhindern (und eine entsprechende Kommunikationsstrategie), (c) Verbesserung der Datenlage, die erst in die Lage versetzt zu verstehen, wie sich potentielle Lockerungen auf die Fallzahlen schwerer Erkrankter auswirken, und (d) eine bestmögliche Stärkung des Gesundheitssystems.

Danach empfehlen wir den schrittweisen Übergang zu einer am jeweils aktuellen Risiko orientierten Strategie, die eine Lockerung von Beschränkungen im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umfeld mit weiterhin effektiven Gesundheitsschutz verbindet. Der Übergang von den aktuellen Beschränkungen zu einer solchen Risiko-adaptierten Strategie sollte stufenweise gestaltet werden.

 

„Im Mittelpunkt steht insbesondere die erneute rasche Ausbreitung des Erregers weitgehend zu unterbinden.“

Weshalb halten Sie es für sinnvoll Schritt für Schritt zurückzukehren?

Zum einen ist es nicht möglich, den Lockdown durchzuhalten, bis alle Bürgerinnen und Bürger geimpft sind und zum anderen würde eine sofortige Öffnung aller Bereiche die Ansteckungsrisiken massiv erhöhen. Wir werden sicherlich noch lange Zeit auf Großveranstaltungen verzichten müssen.

Welche Ziele stehen bei einer Rückkehr aus dem Lockdown im Mittelpunkt?

Im Mittelpunkt stehen insbesondere die erneute rasche Ausbreitung des Erregers weitgehend zu unterbinden, das Gesundheitssystem zu stärken, Risikogruppen besonders zu schützen, soziale und psychische Auswirkungen der Pandemiebekämpfung so gering wie möglich zu halten, wirtschaftliche Aktivitäten möglich zu machen, ohne unnötige gesundheitliche Risiken einzugehen und Eingriffe in die Grundrechte auf das Nötigste zu beschränken. All das ist wichtig und entsprechend zu beachten.

 

„Es wird wichtig sein, dass wir die Verlierer kompensieren, damit es in der Folge nicht zu Populismus, Nationalismus und Anti-Demokratischen Bewegungen kommen wird.“

Wie schwer ist es die Balance zwischen dem im Bericht formulierten Ziel „Wirtschaftliche Aktivitäten möglich zu machen, ohne unnötige gesundheitliche Risiken einzugehen” zu finden?

Es ist nicht einfach und am Ende kann man nur behutsam und schrittweise vorgehen (und muss ggf. auch mal wieder einen Schritt zurück machen). Deshalb ist es wichtig, möglichst viele Daten zu sammeln, beispielsweise durch eine Ausweitung von Tests und auch die Testung von Zufallsstichproben.

Wovon hängt es ab, ob und wie schnell sich die Wirtschaft nach der Krise erholt?

Letztlich von der Dauer der Krise und davon, wie gut es uns gelingt uns auf die neue Situation anzupassen.

Können wir aus der Krise auch etwas lernen, beispielsweise für die künftige Gestaltung unseres Wirtschaftssystems?

Ja, jede Krise bietet eine Chance. Insbesondere mit Blick auf Digitalisierung, Home Office und Vermeidung unnötiger (Dienst-)Reisen sehe ich viele Chancen in verschiedenen Bereichen. Auch werden neue Geschäftsmodelle entstehen. Aber ein solcher Strukturwandel hat immer Gewinner und Verlierer und es wird wichtig sein, dass wir die Verlierer kompensieren, damit es in der Folge nicht zu Populismus, Nationalismus und Anti-Demokratischen Bewegungen kommen wird.

 

Zur Person

Prof. Dr. Andreas Peichl leitet am ifo Institut das ifo Zentrum für Makroökonomik und Befragungen. Er ist zudem Professor für Volkswirtschaftslehre, insb. Makroökonomie und Finanzwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Debattiere mit!

Deine Emailadresse wird nicht veröffentlicht.

0 Kommentare

Mehr zu dem Thema

  • 0
  • 0
  • 0
  • 0
  • 0
  • 0