Foto: Sebastian Wiedling/UFZ

„Das Problem liegt in unserem Umgang mit der Natur insgesamt.“

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Josef Settele

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Als Ausgangspunkt der Covid19-Pandemie gilt der Wildtiermarkt in Wuhan. Was wissen wir konkret über die Entstehung des Erregers und die Verbreitung in den frühen Anfängen?

Soweit man es derzeit weiß, entwickelte sich das Virus auf dem Wildtiermarkt ausgehend von Fledermäusen und eventuell anderen Tieren. Es wird immer wieder das Pangolin (Chinesisches Schuppentier) als möglicher Zwischenwirt erwähnt, auch wenn das noch nicht vollends geklärt ist. Eine Übertragung über das Pangolin wäre besonders bizarr, weil diese Tierart sehr selten und vom Aussterben bedroht ist. Aber diese Tiere werden – auch wenn sie unter strengem Artenschutz stehen – trotzdem auf den Wildtiermärkten in China angeboten. Über die konkrete Übertragung weiß man aber insgesamt noch zu wenig. Allerdings wissen wir schon sehr lange, dass Wildtiermärkte ein enormes Risiko für die Ausbreitung von neuartigen Infektionskrankheiten darstellen.

Über Fledermausarten hört man immer wieder und auch im Zusammenhang mit CoViD-19, dass sie mögliche Virenüberträger sind. Warum?

Bei Fledermäusen ist bekannt, dass sie viele Viren beinhalten und eine ideale Brutstätte für Krankheiten sind, weil sie Kolonien bilden und einen speziellen Stoffwechsel haben. Aber grundsätzlich gibt es eher wenig direkte Interaktionen zwischen Fledermäusen und Menschen und es ist meines Wissens überhaupt noch keine direkte Übertragung dokumentiert worden. Deshalb geht man eher davon aus, dass bei der Übertragung von SARS-Co-V-2 ein Zwischenwirt eine Rolle spielte.

„Das Problem liegt weniger in der konkreten Tierart, sondern in unserem Umgang mit der Natur insgesamt.“

Ließen sich zum Schutze der Gesundheit nicht theoretisch problematische Fledermausarten ausrotten, um präventiv die Entstehung von Infektionskrankheiten zu verhindern?

Das Problem liegt weniger in der konkreten Tierart, sondern in unserem Umgang mit der Natur insgesamt. Im Umkehrschluss zu argumentieren, dass man eine bestimmte Spezies ausrotten sollte, um die Entstehung von Infektionskrankheiten zu verhindern ist nicht zielführend. Denn zum einen ist es nicht so trivial Arten vorsätzlich auszurotten, dafür muss man die Art sehr gut kennen und oftmals ist schon gar nicht bekannt, woher ein Erreger tatsächlich stammt. Und selbst dann ist eine Ausrottung kaum möglich. In der Geschichte wurden Tierarten viel öfter unabsichtlich ausgerottet, zum Beispiel wegen einer zu starken Jagd der Art.

Vorausgesetzt es wäre möglich eine Tierart vorsätzlich auszurotten, wäre es denn überhaupt sinnvoll?

Nein, denn es ist häufig nicht eine bestimmte Art, die die Erreger in sich trägt, sondern eine Gruppe von Arten, die eine Rolle spielen. Und schließlich ist es – wenn es überhaupt gelingt – gar nicht erstrebenswert eine Art aus dem ökologischen System zu entfernen. Denn eine andere Art würde dann die ökologische Nische besetzen und die Ausbreitung solcher Generalisten-Arten erhöht sogar noch die Wahrscheinlichkeit von problematischen Erregern.

Pauschal Wildtierhandel zu verurteilen ist nicht zielführend.“

Gleichzeitig wird von verschiedenen Seiten der Ruf nach Verboten für Wildtiermärkten laut. Was verspricht man sich davon und ist es tatsächlich zielführend, um die Entstehung weiterer Zoonosen einzudämmen?

Solche Märkte sind sicher ein Ort, an dem es zu sehr vielen Übertragungen kommt. Daher wäre es wichtig, wenn es uns gelänge die Übertragungen einzudämmen. Die Einsicht ist momentan auch da und es ließe sich sicherlich rechtlich auch regeln. Es bleiben aber die Fragen, wie gut sich ein Verbot tatsächlich auch umsetzen lässt und wie stark lokale Märkte wirklich von dem Handel mit Wildtieren geprägt sind. Denn es ist auch eine Frage der regionalen Ernährung. Man darf ja nicht vergessen, dass es auch in Deutschland Vergleichbares gibt und Wild gegessen wird. Nur unterliegt das hier strengen Kontrollen. Pauschal Wildtierhandel zu verurteilen ist also an dieser Stelle nicht zielführend. Insgesamt ist vor allem die Gesundheitskontrolle der Wildtiermärkte ganz entscheidend, um die Risiken von Übertragungen zu minimieren.

Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Zerstörung natürlicher Lebensräume und der Entstehung von neuen Infektionskrankheiten beim Menschen?

Dort, wo artenreiche Systeme existieren, leben mehr Tierarten die als Spezialisten zu betrachten sind als solche, die wir Generalisten nennen. Das heißt auch dass es insgesamt deutlich mehr Tierarten und damit gleichzeitig von jeder Tierart weniger Individuen gibt. Das macht es nicht so leicht für ein Virus sich auszubreiten, weil dieses sich nicht so gut innerhalb einer Wirtsspezies übertragen kann. Im Ergebnis können wir also sagen: Je geringer die Artenvielfalt, desto höher die Wahrscheinlichkeit der Übertragung neuer Infektionskrankheiten.

„Insgesamt brauchen wir einen verantwortlichen Wandel hin zu einer sozial nachhaltigen Wirtschaft, begleitet von entsprechenden Governance-Maßnahmen.“

Die Ausbreitung der Viren reguliert sich also schon allein dadurch, dass viele Arten nebeneinander existieren?

Im Grunde genommen ja. Ähnliches kennen wir beispielsweise auch aus der Landwirtschaft. In einem artenarmen System, können sich Schädlinge sehr einfach ausbreiten, weil die entsprechenden Gegenspieler fehlen. Demgegenüber gibt es in einem System, das vielfältiger ist, mehr Gegenspieler, die sich auf den Schädling stürzen und machen diese insgesamt widerstandsfähiger. Bei Infektionskrankheiten ist es vergleichbar: Denn in einem artenreichen System hat man eine ganze Reihe an potentiellen Wirten, die aber längst nicht alle geeignet sind, den Erreger auch weiterzugeben, so dass die Ausbreitung insgesamt erschwert wird. 

Was wären dringend erforderliche Maßnahmen zum Schutz der Biodiversität?

Im vergangenen Jahr haben wir im Weltbiodiversitätsrat (IPBES) das “Global Assessment” verabschiedet – also einen umfangreichen Zustandsbericht, der auch mögliche Maßnahmen aufführt, die Optionen zum Schutz der Biodiversität darstellen. Ganz zentral ist dabei der Umgang mit der Landnutzung und die direkte Zerstörung der Lebensräumen und Artenvielfalt, wozu insbesondere die Abholzung und der illegale Wildtierhandel beitragen. Aber auch Klimawandel und Umweltverschmutzung – Stichwort Plastik in den Meeren – spielen dabei bereits heute eine wichtige Rolle als Verursacher des Rückgangs der Biodiversität. Am wichtigsten jedoch sind dann die sogenannten indirekten Treiber, wie soziale und wirtschaftliche Aspekte, die letztlich den eben genannten direkten Treiber, also Landnutzung, Klimawandel etc., zugrundeliegen. Insgesamt brauchen wir also einen verantwortlichen Wandel hin zu einer sozial nachhaltigen Wirtschaft, begleitet von entsprechenden Governance-Maßnahmen, um die Biodiversität deutlich besser schützen zu können – einen transformativen Wandel, wie wir ihn im globalen Assessment genannt und definiert haben.

Denken Sie, dass nach den Erfahrungen aus der aktuellen Pandemie dem Schutz der Biodiversität in Zukunft mehr Bedeutung zukommt?

Ich habe schon den Eindruck, dass das Bewusstsein über die Zusammenhänge wächst – und zwar auf ganz verschiedenen Ebenen. Das erlebe ich auch in den verschiedensten Diskussionen. Auch auf dem World Economic Forum in Davos wurde dieses Jahr das Thema breit diskutiert und insgesamt gibt es in der Wirtschaft ein stärkeres Umdenken. Dazu kommt natürlich jetzt noch die Aufmerksamkeit aufgrund der Corona-Pandemie. Wir müssen einfach das Risiko der Ausbreitung solcher neuartigen Infektionskrankheiten insgesamt minimieren, denn allzu oft können wir uns sowas nicht mehr leisten; und das gelingt nur, wenn wir im Umgang mit Natur – und letztlich der Art und Weise wie wir wirtschaften – umsteuern.

 

Zur Person

Der Ökologe und Agrarwissenschaftler Prof. Dr. Josef Settele leitet am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ die Arbeitsgruppe „Tierökologie und sozial-ökologische Systeme“ und ist Koordinator zahlreicher internationaler Biodiversitäts-Projekte. Zudem ist er Co-Vorsitzender des Globalen Assessment des Weltbiodiversitätsrates IPBES.

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