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Social Distancing: Was soziale Isolation mit uns macht

Maßnahmen und ihre Folgen

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Home-Office statt Büro, Küchentisch statt Kneipe und Sofa-Hüpfburg statt Spielplatz für die Kinder: Die Vorgaben zu Kontaktbeschränkungen und sozialer Isolation im Zuge der Corona-Pandemie verändern unseren Alltag teilweise drastisch. Schließlich sind soziale Kontakte für uns Menschen besonders wichtig. „Es ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis mit Menschen in Kontakt zu sein“, sagt Prof. Dr. Isabella Heuser, Direktorin der Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité Berlin. „Wenn wir die emotionale Zuwendung und soziale Interaktionen als Individuum nicht haben, wirkt das auf den Körper als ausgesprochen großer Stress. Und wenn Stress über einen längeren Zeitraum anhält, schädigt er die Organe, vor allem unsere Gefäße wegen der freigesetzten Stresshormone.“

Diejenigen, die alleine leben oder nur über wenige Kontakte außerhalb des Arbeitsumfeldes verfügen, könnten von den Maßnahmen besonders stark betroffen sein. Heuser sorgt sich daher besonders um ältere Menschen: „Diese Bevölkerungsgruppe erfährt eine tatsächliche Isolation. Das ist besonders problematisch, weil viele von ihnen ohnehin ein Gefühl des Verlassenseins empfinden und einsam sind.“

„Es ist nicht so, dass die zur Zeit angeordneten Isolationen oder realen Sorgen und Probleme durch die Virusinfektion in großer Zahl zu Depressionen führen.“

Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Goethe-Universität Frankfurt

Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Psychiater an der Goethe-Universität Frankfurt und Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, sorgt sich in dieser Zeit insbesondere um Menschen mit psychischen Problemen. „Es ist nicht so, dass die zur Zeit angeordneten Isolationen oder realen Sorgen und Probleme durch die Virusinfektion in großer Zahl zu Depressionen führen, aber wenn man Depressionen hat, ist es noch viel schwieriger, mit der momentanen krisenhaften Situation umzugehen.“

Im Interview mit Die Debatte rät er Betroffenen vor allem dazu, digitale Hilfsangebote zu nutzen. „Meine große Sorge ist, dass es durch den Rückgang der Versorgungsqualität für Menschen mit Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen zu einer Zunahme der Suizide und Suizidversuche kommt. Auch, weil stationäre und ambulante Behandlungen mit Antidepressiva oder Psychotherapie verschoben oder in der aktuellen Zeit ganz wegfallen“, sagt Hegerl.

Eine Möglichkeit dem vorzubeugen, ist es laut Hegerl zu versuchen, einen festen Tagesablauf beizubehalten. Gerade für depressiv Erkrankte sei in dieser Situation die Versuchung sehr groß, früher ins Bett zu gehen, länger liegen zu bleiben und tagsüber zu schlafen, so der Psychiater. Aber Studien zeigten, dass dies bei Depressionen kontraproduktiv sei. Hegerl: „Wir wissen aus der Forschung, dass bei depressiv Erkrankten durch Schlaf und lange Bettzeiten das Erschöpfungsgefühl meist verstärkt wird. Schlafentzug ist ja zur Überraschung vieler ein bei stationären Behandlungen angebotenes, sehr wirksames antidepressives Behandlungsverfahren.“

„Es ist zu befürchten, dass in Familien, bei denen ohnehin schon ein Konfliktpotential besteht, durch die angeordneten Maßnahmen die Konflikte eskalieren.“

Prof. Dr. Isabella Heuser, Charité Berlin

Besonders ist die Situation auch für Familien, die jetzt plötzlich mehr Zeit miteinander verbringen. Mit dem Potential, mehr gemeinsame Zeit zu haben, um sich auszutauschen, zu spielen oder einfach auch nur einen intensiveren Alltag zu erleben. Hier sieht Isabella Heuser neben den Chancen aber auch Risiken: „Es ist zu befürchten, dass in Familien, bei denen ohnehin schon ein Konfliktpotential besteht, durch die angeordneten Maßnahmen die Konflikte eskalieren und es zu heftigen Auseinandersetzungen bis hin zu häuslicher Gewalt kommen könnte”. Sie rät daher dringend davon ab, bereits schwelende Konflikte jetzt lösen zu wollen.

Insgesamt sehen sowohl Hegerl als auch Heuser aber für jeden Einzelnen Chancen in der neuen Situation. „Vielleicht haben Sie Zeit, darüber nachzudenken, was wirklich wichtig in Ihrem Leben ist oder in Ruhe eine Beethoven-Sonate anzuhören oder ein Buch zur Hand zu nehmen, welches Sie schon immer mal lesen wollten”, sagt Hegerl. Denn wir alle werden durch die Maßnahmen dazu gezwungen unser Freizeitverhalten neu zu überdenken.

Überhaupt hoffen beide Experten, dass die Krise langfristig auch positive Effekte für die Gesellschaft haben wird. Denn schon jetzt fällt auf, dass die Gesellschaft in Zeiten der Corona-Epidemie zusammenrückt, Nachbarschaftshilfe organisiert und sich gegenseitig unterstützt. Und auch unser Zusammenleben zwischen den Generationen wird aktuell auf die Probe gestellt. „Es zeigt sich jetzt, wie wir mit den vulnerablen Mitgliedern in unserer Gesellschaft umgehen und wie solidarisch wir als Gemeinschaft sind“ so Heuser.

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