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Aus der Corona-Krise für den Klimaschutz lernen

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie aus?

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Der stärkste wirtschaftliche Einbruch seit Gründung der Bundesrepublik, 2,4 Millionen Beschäftigte in Deutschland in Kurzarbeit, ganze Branchen vor dem Ruin und der Staat muss Milliarden Euro an Hilfsgeldern auszahlen: Die Corona-Pandemie bedeutet für Mensch, Gesellschaft und Wirtschaft eine Katastrophe. Für das Klima jedoch könnte die Krise zu einer positiven Veränderung führen – zumindest auf den ersten Blick. Denn leere Straßen, heruntergefahrene Produktion und ein drastisch reduzierter Flugverkehr sorgen für deutlich verminderte Stickstoffdioxid-Konzentrationen in Europa. So sanken beispielsweise die Emissionen um rund 30 Prozent in Deutschland, in Ballungsräumen wie Mailand und Paris sogar um 50 Prozent. Das zeigen Satellitendaten der Europäischen Weltraumorganisation ESA.

Für Deutschland rechnet die Denkfabrik Agora Energiewende damit, dass das deutsche Klimaziel für 2020 – die Reduktion der Emissionen um mindestens 40 Prozent im Vergleich zu 1990 – dieses Jahr erreicht bzw. sogar übererfüllt wird. Das galt noch bis vor Kurzem als vollkommen utopisch. Als Grund nennt Agora Energiewende in einer Analyse den „Corona-Effekt”.

Kurzfristige Umwelteffekte

Eine Entwarnung für den Klimaschutz bedeutet das für die Autoren allerdings nicht. Denn Klimaexperten erwarten, dass die aktuell zu beobachtenden Emissionsrückgänge nicht von Dauer sind: „Die Umwelteffekte sind jetzt erstmal kurzfristig positiv, aber es kommt entscheidend darauf an, was als Reaktion auf die Krise mit der Wirtschaft passiert“, sagt Prof. Dr. Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Fehler aus der Finanzkrise 2009, als mit klimaschädlichen Maßnahmen wie der sogenannten Abwrackprämie versucht wurde, den Konsum anzukurbeln, dürften sich nicht wiederholen.

„Natürlich gibt es nun Stimmen, die aufgrund der wirtschaftlichen Krise fordern, den Klimaschutz herunterzufahren. Das ist aber genau das Falsche.”

Dr. Kira Vinke, Potsdamer Institut für Klimaforschung

Auch die Politikwissenschaftlerin Dr. Kira Vinke vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) sieht darin eine Gefahr: „Natürlich gibt es nun Stimmen, die aufgrund der wirtschaftlichen Krise fordern, den Klimaschutz herunterzufahren. Das ist aber genau das Falsche.” Das Ziel müsse sein, in Europa Wirtschaftshilfen ganz gezielt an den Klimaschutz zu koppeln, so Kemfert: „Glücklicherweise passiert das bereits in einer Reihe von Staaten. Dennoch sollte Deutschland im Rahmen der EU-Ratspräsidentschaft darauf drängen, dass der Green Deal gestärkt und verbindlich gemacht wird.“

Eine Mehrheit der Bürger würde eine solche Politik gutheißen. Das deutet eine aktuelle Umfrage des Marktforschungsunternehmens Ipsos an: 57 Prozent der Deutschen und 65 Prozent der Befragten weltweit sprachen sich dafür aus, Klimaschutz bei Wirtschaftsmaßnahmen in Folge der Coronakrise mitzudenken. „Wir müssen jetzt als Gesellschaft eine nachhaltige Klimapolitik einfordern”, sagt Politikwissenschaftlerin Vinke.

„Heute stärken ja die Jungen die Alten durch konsequentes Social Distancing. Morgen stärken dann hoffentlich die Alten die Jungen durch konsequenten Klimaschutz.“

Prof. Dr. Claudia Kemfert, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW)

Ein neuer Generationenvertrag

Doch das ist schwierig. Die aktuelle Ausnahmesituation, Kontaktbeschränkungen und Versammlungsverbote beeinträchtigen den zivilgesellschaftlichen Protest gegen klimaschädliche Politik. So sind seit Beginn der Coronakrise die Stimmen aus der Klimabewegung unter Federführung von Fridays for Future, leiser geworden. Im Herbst 2019 hatten sich ihr in globalen Klimastreiks hunderttausende Menschen weltweit angeschlossen. „Die Art von Mobilisierung, die wir im letzten Herbst gesehen haben, lässt sich jetzt schwer wiederholen”, sagt die sozialwissenschaftliche Klimaforscherin Prof. Dr. Anita Engels von der Universität Hamburg. „Dennoch sieht man, dass sich jetzt andere Protestformen durchsetzen – natürlich in geringerer Größenordnung und mit weniger Sichtbarkeit”. Online-Proteste wie der Netzstreik fürs Klima am 24. April sind damit gemeint oder andere Formen von physischem Protest wie beispielsweise das Halten von Protestschildern in der Supermarktschlange.

Gleichzeitig können die derzeit nötigen Verhaltensänderungen auch als Chance für jeden Einzelnen begriffen werden. „Wir sehen momentan, dass Verzicht nicht so negativ ist, wie es uns immer suggeriert wird. Und stellen fest, dass wir den fünften To go-Becher gar nicht brauchen oder dass Fahrradfahren auch gut für die Gesundheit ist,“ so Claudia Kemfert vom DIW. „Ich glaube, dass sich dadurch ein Umdenken ergeben kann.” Nach der Corona-Krise hält die Wirtschaftswissenschaftlerin daher eine Neudefinition der gesellschaftlichen Werte für angebracht, die den Klimaschutz in den Mittelpunkt stellen. Nur das führe zu Systemresilienz in der Klimakrise, so Kemfert. Wichtig sei auch, den aktuell großen gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland auf die Klimafrage zu übertragen und in einem neuen Generationenvertrag festzuhalten: „Heute stärken ja die Jungen die Alten durch konsequentes Social Distancing. Morgen stärken dann hoffentlich die Alten die Jungen durch konsequenten Klimaschutz.“

„Die Coronakrise zeigt sich durch ihre unmittelbare Schrecklichkeit, da sie letztlich jeden treffen kann. Die Klimakrise wird immer noch eher als langfristige und allmähliche Verschiebung verstanden.“

Prof. Dr. Anita Engels, Universität Hamburg

Der Unterschied: Die Corona-Krise ist konkret, die Klimakatastrophe bleibt abstrakt

Anita Engels hingegen ist skeptisch, dass die aktuelle Krisenerfahrung in der deutschen Gesellschaft zu Verhaltensänderungen beim Klimaschutz führen wird: „Es gibt einen ganz wichtigen Unterschied für das eigene Handeln in beiden Krisen: Die Coronakrise zeigt sich durch ihre unmittelbare Schrecklichkeit, da sie letztlich jeden treffen kann. Die Klimakrise wird immer noch eher als langfristige und allmähliche Verschiebung verstanden. Das Risiko, an den Folgen der Krise zu sterben, wird viel weniger unmittelbar wahrgenommen. Es wird auch nicht für Deutschland, sondern eher für andere Regionen der Welt erwartet.” Die Soziologin hält die Klimakrise nach wie vor für zu abstrakt, um von den Menschen in Deutschland tatsächlich als reale Bedrohung verstanden zu werden.

In anderen Regionen dieser Welt ist die Klimakrise dagegen jetzt schon lebensbedrohend. „Staaten wie Vanuatu und Fidji sind deutlich von der Klimakrise betroffen. Diese müssen nun doppelten Katastrophenschutz leisten: gegenüber der Pandemie und gegenüber der Klimakrise”, sagt Kira Vinke vom PIK. „Gleichzeitig verdeutlicht die Corona-Pandemie auch, dass globale Risiken nicht vor Ländergrenzen Halt machen.“

Die Klimakrise als globales Risiko

Wichtig sei es daher, die Klimakrise als solch globales Risiko anzuerkennen, so Vinke. Dabei helfen könnte das Bild, mit dem die Maßnahmen in der Corona-Pandemie momentan gebetsmühlenartig erklärt werden: Flatten the curve. Diese Metapher erscheint Soziologin Engels verständlicher, um die Menschen für die Klimakrise zu sensibilisieren: „In der Kommunikation zum Klimawandel wird oft das Bild der Emissionskurve mit einem abrupten Knick nach unten verwendet. Dieses Bild scheint nicht zu funktionieren. Insofern wäre „Flatten the curve“ vielleicht auch hier eine Möglichkeit die Kommunikation zu optimieren und mehr zu erreichen.”

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