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Präventiver Gesundheitsschutz durch Umweltschutz?

Über den Ursprung des SARS-CoV-2-Virus und die Hintergründe

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Weltweit wird derzeit mit unterschiedlichen Maßnahmen versucht, die Ausbreitung des Corona-Virus abzuschwächen und die Gesundheitssysteme vor dem Zusammenbruch zu bewahren.Gleichzeitig arbeiten Wissenschaftler mit Hochdruck daran, mehr über das Virus, seine Entstehung und die Übertragung herauszufinden – auch um die Gefahren einer zweiten Infektionswelle besser einschätzen zu können.

Zwar konnte die Genomsequenz des Virus bereits im Januar 2020 erfolgreich entschlüsselt werden, aber viele Fragen sind noch nicht beantwortet. So auch die Frage danach, wie das Virus auf den Menschen gelangte. „Es gibt eine Vielzahl von Viren, die ursprünglich aus dem Tierreich stammen und auf den Menschen übergegangen sind und Infektionskrankheiten verursachen“, sagt die Biologin Dr. Sandra Junglen vom Institut für Virologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Zu diesen sogenannten Zoonosen zählen auch bekannte Viruserkrankungen wie Ebola, HIV, die Vogelgrippe oder Tollwut. Insgesamt stammen rund 70 Prozent der weltweit bekannten Viren ursprünglich aus dem Tierreich.

„Bei Fledermäusen ist bekannt, dass sie viele Viren beinhalten und eine ideale Brutstätte für Krankheiten sind.“

Prof. Dr. Josef Settele, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung

Im Falle des SARS-CoV-2 herrscht in der Wissenschaft weitgehend Einigkeit darüber, dass das Virus zuerst in Fledermäusen auftrat. „Es gibt verschiedenste Studien, die gezeigt haben, dass verwandte Viren in Fledermäusen gefunden wurden. Daher ist es sehr naheliegend, dass das aktuelle Virus von Fledermäusen ausgehend den Weg zum Menschen gefunden hat“, sagt Junglen. Auch der Ökologe Prof. Dr. Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung hält diese Theorie für plausibel. „Bei Fledermäusen ist bekannt, dass sie viele Viren beinhalten und eine ideale Brutstätte für Krankheiten sind, weil sie Kolonien bilden und einen speziellen Stoffwechsel haben.“

Gleichzeitig sind die direkten Interaktionen zwischen Menschen und Fledermäusen sehr gering, eine direkte Übertragung wäre Settele zufolge eher überraschend. Wahrscheinlicher ist es daher, dass das Virus erst über einen Zwischenwirt auf den Menschen übertragen wurde. Im Verdacht stehen dabei Schleichkatzen und Marderhunde als mögliche Zwischenweirte, aber auch ausgerechnet das extrem seltene Pangolin (Chinesisches Schuppentier). „Eine Übertragung über das Pangolin wäre besonders bizarr, weil diese Tierart sehr selten und vom Aussterben bedroht ist”, sagt Settele. „Aber, auch wenn sie unter strengem Artenschutz stehen, werden sie auf Wildtiermärkten in China angeboten und hier könnte der Ursprung liegen.“

Schließlich gilt ein eben solcher Markt in der Region Wuhan als Ursprungsort der Pandemie. Dort wurde der erste Fall von Covid-19 dokumentiert und von dort – so die vorherrschende Meinung – breitete sich das Virus rund um den Globus aus. „Es wird vermutet, dass diese Märkte für das Auftreten von neuartigen Infektionskrankheiten beim Menschen eine große Rolle spielen, weil dort verschiedenste Wildtiere und Nutztiere auf engsten Raum anzufinden sind”, sagt Junglen. Als Reaktion auf die ersten Fälle wurde der Wildtiermarkt in Wuhan und weitere Märkte in China geschlossen – eine Maßnahme, die auch von beiden Experten befürwortet wird.

„Die Biodiversität spielt eine wichtige und regulatorische Rolle und beeinflusst das Vorkommen, die Prävalenz und Ausbreitung von Infektionskrankheiten.”

Dr. Sandra Junglen, Charité – Universitätsmedizin Berlin

Doch nicht allein die Wildtiermärkte, sondern grundsätzlich der Umgang des Menschen mit der Natur steht in einem engen Zusammenhang mit der Entstehung von Erregern wie in der jetzigen Pandemie. „Die Biodiversität spielt eine wichtige und regulatorische Rolle und beeinflusst das Vorkommen, die Prävalenz und Ausbreitung von Infektionskrankheiten”, so Junglen. Schließlich trägt jede einzelne Tierart eigene Erreger in sich. In einem Ökosystem mit sehr vielen Tierarten, gibt es nur eine recht geringe Zahl von Individuen, daher können sich die artspezifischen Viren nicht so gut ausbreiten. Insgesamt ist dadurch das Ökosystem ausbalanciert und auch das Vorkommen der Erreger ist dadurch im Gleichgewicht. In einem Ökosystem mit relativ wenig Tierarten hingegen, ist die Zahl der Individuen einer Art größer und damit auch die Übertragungsdichte höher. „Im Ergebnis können wir sagen: Je geringer die Artenvielfalt, desto höher die Wahrscheinlichkeit der Übertragung neuer Infektionskrankheiten”, sagt Settele.

Grund für den zuletzt verzeichneten starken Rückgang der Biodiversität ist vor allem der Mensch mit seinen direkten und indirekten Effekten auf die schützenswerte Natur. Und nicht nur die geringe Biodiversität allein, sondern auch die Veränderung von Ökosystemen birgt Gefahren für die Entstehung neuartiger Erreger. Denn verändert sich ein Ökosystem, sterben zunächst sogenannte Spezialisten-Tierarten aus, Tierarten, die nur eine sehr kleine ökologische Nische haben. Anpassungsfähigere Arten können dafür deren Nische besetzen und profitieren davon und mit ihnen auch die Erreger. „Nicht nur die Generalisten unter den Tieren sind anpassungsfähiger, sondern wohl auch die Viren, die sie in sich tragen“, sagt Sandra Junglen.

Die Biologin nennt noch einen weiteren Grund, weshalb dadurch leichter neuartige Infektionskrankheiten entstehen: „Die Veränderung eines Ökosystems beschleunigt die Evolutionsgeschwindigkeit der überlebenden Arten, um sich an die geänderten Bedingungen anzupassen. Und diese Anpassung geschieht natürlich immer auch durch Mutation. So kann es sein, dass auch Varianten von Erregern dabei sind, die auf andere Arten überwechseln können.“

„Insgesamt brauchen wir einen verantwortlichen Wandel hin zu einer sozial nachhaltigen Wirtschaft, um die Biodiversität deutlich besser schützen zu können.“

Prof. Dr. Josef Settele, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung

Als Konsequenz der Covid19-Pandemie erhoffen sich beide Experten einen stärkeren Schutz der Biodiversität. Denn erst letztes Jahr hatte der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) unter dem Co-Vorsitz von Josef Settele einen Zustandsbericht zur Biodiversität veröffentlicht – und der Welt ein miserables Zeugnis ausgestellt. Aufgelistet werden eine Reihe an Bedrohungen der Biodiversität, unter ihnen die Abholzung des Regenwalds, der illegale Wildtierhandel, Klimawandel und Plastikmüll im Meer. „Da muss langfristig ein Umdenken stattfinden, denn die einzelnen Ökosysteme sind letztlich wichtig für unsere Gesundheit“, sagt Junglen. Und Settele ergänzt: „Insgesamt brauchen wir einen verantwortlichen Wandel hin zu einer sozial nachhaltigen Wirtschaft, um die Biodiversität deutlich besser schützen zu können“.

Diesen Wandel und ein stärkeres Bewusstsein über die Zusammenhänge von der Entstehung von Krankheiten und der Zerstörung der Natur erhoffen sich beide Experten infolge der Corona-Pandemie. Settele sagt: „Wir müssen einfach das Risiko der Ausbreitung solcher neuartigen Infektionskrankheiten minimieren, denn allzu oft können wir uns sowas nicht mehr leisten”.

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