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„Cancel Culture“: Kampfbegriff, Problem, Phantasma?

Versuch einer wissenschaftlichen Einordnung

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Im deutschsprachigen Raum findet seit dem Sommer 2020 eine breite gesellschaftliche Debatte über den Begriff ‚Cancel Culture‘ statt. Auslöser dafür waren unter anderem die Fälle um Dieter Nuhr und Lisa Eckhart: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hatte ein Audio-Statement Nuhrs nach öffentlicher Kritik an der Auswahl des Satirikers als Botschafter für die Kampagne „Für das Wissen entscheiden” zunächst von ihrer Website entfernt, es später wieder online gestellt und sich bei Nuhr entschuldigt. Die Kabarettistin Lisa Eckhart war aufgrund angeblicher Drohungen aus der autonomen Szene vom Literaturfestival „Harbour Front” zunächst aus- und dann wieder eingeladen worden. 

In beiden Fällen folgte auf die Kritik an den Künstler*innen sofort Gegenkritik, die den Umgang mit ihnen bemängelte. Der Vorwurf lautete Zensur, Einschränkung der Meinungsfreiheit oder eben ‚Cancel Culture‘. Seitdem hört und liest man den Begriff immer wieder in Metadebatten über den Zustand der Debattenkultur. Zuletzt bezog sich auch das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit in der Presseerklärung zu seiner Gründung auf ‚Cancel Culture‘: ‚Cancel Culture‘ und ‚Political Correctness‘ hätten die freie und kontroverse Debatte auch von Außenseiterpositionen vielerorts an den Universitäten zum Verschwinden gebracht. 

„Begrifflich ist ‚Cancel Culture‘ gar nicht so klar gefasst. Der Begriff wird momentan für ganz unterschiedliche Fälle benutzt.”

Prof. Dr. Christian Bermes, Universität Koblenz-Landau.

Wörtlich lässt sich ‚Cancel Culture‘ als Kultur des Absagens, Rückgängigmachens oder Streichens übersetzen. Allerdings gibt es keine einheitliche Definition: „Begrifflich ist ‚Cancel Culture‘ gar nicht so klar gefasst. Der Begriff wird momentan für ganz unterschiedliche Fälle benutzt”, sagt Prof. Dr. Christian Bermes vom Institut für Philosophie der Universität Koblenz-Landau. Er führt aus, „dass es sich bei ‚Cancel Culture‘ im engeren Sinne um Bestrebungen handelt, öffentliche Bühnen zu reglementieren.” Diese Reglementierung finde dabei nicht durch die Verantwortlichen statt, sondern durch diejenigen, die Druck auf Veranstalter*innen ausübten, die Bühne nicht für diese oder jene Veranstaltung zu öffnen.

Häufig wird der Begriff jedoch nicht zur bloßen Beschreibung eines Phänomens verwendet, sondern impliziert eine Wertung: „Der rechtskonservative Begriff ‚Cancel Culture‘ kritisiert, dass Praxen des ‚Cancelns‘ – wie zum Beispiel Ausgeladenwerden, Rausgeschmissenwerden oder das Absagen von Veranstaltungen – beim Aktivismus für soziale Gerechtigkeit zunehmen würden und dass das ein Problem für die Meinungsfreiheit sei”, sagt Dr. Karsten Schubert, geschäftsführender Assistent an der Professur für Politische Theorie, Philosophie und Ideengeschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Dabei ist umstritten, ob es so etwas wie eine ‚Cancel Culture‘ überhaupt gibt. „Mit dem Begriff ‚Cancel Culture‘ wird vor allem die Auffassung beschrieben, dass es eine Art machtvolle Bewegung gebe, die bestimmte Vorstellungen von einer politisch angeblich korrekten Kunst und Kultur hat und die diese Vorstellungen in der Gesellschaft durchsetzen will. Diese machtvolle Bewegung gibt es aber nicht”, sagt Prof. Dr. Andrea Geier, Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Geschlechterforschung an der Universität Trier.

Dr. Karsten Schubert stimmt Geier teilweise zu: „In der Art wie sie als Einschränkung der Meinungsfreiheit skandalisiert wird, gibt es ‚Cancel Culture‘ nicht, denn bei Kunst- und Meinungsfreiheit handelt es sich um Abwehrrechte gegen den Staat. Was es hingegen gibt, ist ‚Cancel Culture‘ als eine Protestform zur Änderung eingefahrener Machtmechanismen und zur Neuregelung von Diskursen.” 

„‚Cancel Culture‘ hat ‚Political Correctness‘ als Kampfbegriff im Feld um Meinungs-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit abgelöst. Dabei funktioniert ‚Cancel Culture‘ als Kampfbegriff so gut, weil damit ein Bedrohungsszenario etabliert wird.“

Prof. Dr. Andrea Geier, Universität Trier

Dennoch wird ‚Cancel Culture‘ im öffentlichen Diskurs immer wieder mit einer Einschränkung der Meinungsfreiheit und Verengung von Diskursräumen in Verbindung gebracht. „‚Cancel Culture‘ hat ‚Political Correctness‘ als Kampfbegriff im Feld um Meinungs-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit abgelöst. Dabei funktioniert ‚Cancel Culture‘ als Kampfbegriff so gut, weil damit ein Bedrohungsszenario etabliert wird. Es wird impliziert, dass den Betroffenen tatsächliche Folgen drohen. So wird Kritik, die häufig aus ethischer Perspektive vorgetragen wird, diffamiert und als Angriff geframed”, sagt Prof. Dr. Andrea Geier. 

Allerdings werde bei der Argumentation, ‚Cancel Culture‘ trage zu einer Verengung von Diskursräumen bei, übersehen, dass diese Räume auch früher bereits strukturiert waren.  „Wissenschaft, Kunst und Medien waren nie freie Räume. In diesen Räumen war das Sprechen und Handeln immer schon geregelt, es sind sozusagen vermachtete Sprachräume, die mit Privilegien für die einen und Ausschlüssen für die anderen einhergehen. Minderheiten sind dadurch von vornherein ‚gecancelt‘“, so Schubert. Er betont, dass es zum Aufbrechen solcher ungerechter Strukturen nötig sei, dass die heute Privilegierten Macht, Einfluss und Airtime abgeben. „Das Raffinierte am Kampfbegriff ‚Cancel Culture‘ ist, dass es damit gelingt, das konservative Anliegen der Verteidigung der eigenen ungerechten Privilegien als Einsatz für die Freiheit aller und die Demokratie darzustellen.“ Im Gegensatz zu Geier betont Schubert also, dass ‚Cancel Culture‘ durchaus einige privilegierte Menschen einschränke, dass dies aber notwendig mit dem Einsatz für gerechtere Strukturen einhergehe.

Vor allen Dingen durch Social Media gibt es eine größere Teilnehmer*innenschaft an öffentlichen Debatten, dadurch hat quasi eine Demokratisierung der Debatte stattgefunden.“

Dr. Karsten Schubert, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Aus seiner Sicht ist ‚Cancel Culture‘ als Protestform aufgrund von Änderungen in der Struktur der Öffentlichkeit möglich geworden: Vor allen Dingen durch Social Media gibt es eine größere Teilnehmer*innenschaft an öffentlichen Debatten, dadurch hat quasi eine Demokratisierung der Debatte stattgefunden. Gleichzeitig gibt es Bubbles und algorithmische Aufschaufelungen – all diese Phänomene ändern die Dynamiken des Diskurses.”

Für eine Bedrohung der Meinungsfreiheit halten die drei Expert*innen ‚Cancel Culture‘ nicht. Prof. Dr. Christian Bermes sieht in ‚Cancel Culture‘ aber eine Gefahr für die Meinungsbildung. ‚Cancel Culture‘, so legt er dar, sei in diesem Sinne ein „Culture Cancelling“, wodurch die Vielfalt unterschiedlicher Formen der Meinungsbildung gefährdet werde. Liberale Demokratien setzten auf eine „aufgeklärte Offenheit“, in jeweils verschiedenen Debatten mit anderen Positionen umzugehen, und nicht immer eine definitive Entscheidung für alle Debatten zu suchen: „Wir haben in unserer westlichen Kultur und speziell hier in Deutschland kein Problem mit der Meinungsfreiheit im juristischen Sinn. Das Problem der ‚Cancel Culture‘ scheint mir eher ein profundes Problem der Meinungsbildung zu sein. Meinungsfreiheit setzt freie Meinungsbildung voraus. Und dafür müssen sich Meinungen der Debatte stellen und andere Positionen auch zulassen.”

Schubert hingehen sieht die Einschränkung der Meinungsbildung nicht durch ‚Cancel Culture‘, sondern im Status quo, weil meist nur hegemoniale Perspektiven Gehör fänden. „‚Cancel Culture‘ macht die Debatte pluraler und trägt deshalb zur Demokratisierung bei“, so Schubert.

Auch Geier sieht die Gefahr für die Debattenkultur nicht etwa in der ‚Cancel Culture‘, sondern in dem Diskurs über sie: „Es wird so getan, als gäbe es eine ernsthafte Bedrohung eines wirklich wichtigen Gutes – der Meinungs-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit –, obwohl diese Bedrohung so nicht existiert. Dieses Bedrohungsszenario der ‚Cancel Culture‘ ist wirklich ein Phantasma. Dass ein falscher Alarmismus so viel Aufmerksamkeit bekommt, ist selbst hochbedrohlich, weil er Platz wegnimmt. Den bräuchten wir, um die wirklich ernsthaften Bedrohungen zu diskutieren, die es ja auch gibt.” 

 

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