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„Werden hier Wissenschaftsfreiheit und Meinungsfreiheit verwechselt?”

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Andrea Geier

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Über den Zustand der Wissenschaftsfreiheit und den Umgang mit Meinungsfreiheit an Hochschulen haben wir auch mit Prof. Dr. Bernhard Kempen gesprochen.

Derzeit wird unter Wissenschaftler*innen heftig über die Gefährdung von Wissenschafts- und Forschungsfreiheit an deutschen Hochschulen diskutiert. Ist die Wissenschafts- und Forschungsfreiheit aus ihrer Sicht noch gewährleistet?

Da kann ich nur eindeutig ja sagen. Ich finde, es gibt keine allgemeine Gefährdung, kein umfassendes Bedrohungsszenario. Zu sagen, die Wissenschafts- und Forschungsfreiheit sei grundsätzlich gefährdet, ist aus meiner Sicht falscher Alarmismus. 

Anfang Februar hat sich das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit mit ca. 70 Wissenschaftler*innen gegründet, um Forschung und Lehre gegen „ideologische Einschränkungen“ zu verteidigen. Erleben Sie auch diese ideologischen Einschränkungen?

Ich selbst erlebe keine ideologischen Einschränkungen. Was ich erlebe ist – und das begleitet mich schon sehr lange –, dass ich als Wissenschaftlerin in den Gender Studies immer mal wieder ein ziemlich dickes Fell brauche. Das Netzwerk will ja ein freiheitliches Wissenschaftsklima verteidigen und stärken, und ich frage mich angesichts der Beschreibungen, ob meine Forschung damit eigentlich auch gemeint ist.

Als verbeamteter Professorin kann mir nichts passieren, und das trifft ja für die meisten Mitglieder im Netzwerk Wissenschaftsfreiheit ebenfalls zu. Es ist unklar, wer überhaupt Einschränkungen erlebt hat. Deswegen finde ich das alles sehr schwierig nachzuvollziehen. 

Was mich umtreibt, wenn wir über das Wissenschaftsklima sprechen, ist die Frage, was es zum Beispiel mit Studierenden und jungen Wissenschaftler*innen in der Geschlechterforschung oder den Postcolonial Studies macht, wenn sie immer wieder Behauptungen hören müssen, dass gerade aus ihren Feldern angeblich Bedrohungen für die Wissenschaftsfreiheit kommen sollen. Denn gerade Gender Studies und Postcolonial Studies werden in öffentlichen Auseinandersetzungen immer wieder mit „Political Correctness” und in jüngster Zeit auch mit „Cancel Culture” in Verbindung gebracht und als ideologisch diffamiert. „Political Correctness” und „Cancel Culture“ sind übrigens zwei Begriffe, die ich mir in diesem Kontext nicht an den Haaren herbei ziehe: Die stehen in der ersten Presseerklärung des Netzwerks. Das hat mich alarmiert.

„Bei vielen Beschreibungen, die im Manifest des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit eine Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit anzeigen sollen, frage ich mich, ob hier nicht Wissenschaftsfreiheit mit Meinungsfreiheit verwechselt wird.“

Können Sie die Fälle, die vom Netzwerk Wissenschaftsfreiheit als Beispiele für eine Bedrohung von Wissenschaftsfreiheit angeführt werden, nachvollziehen?

Ich finde es ziemlich absurd, dass z.B. die Kritik an der Einladung von Gastredner:innen hier den Anlass bilden sollen, um über die Gefährdung der Wissenschaftsfreiheit zu sprechen – und was dagegen alles nicht in den Blick kommt. Schauen wir doch mal auf politische Akteur:innen: Es gibt zum Beispiel sehr, sehr viele kleine Anfragen der AfD in den Landesparlamenten, wo nach der Förderung der Gender Studies gefragt wird, oder den Antrag auf das Ende der Förderung von Gender Studies im Dezember 2020 im Bundestag. Allein die Vielzahl macht die Orchestrierung und Einseitigkeit deutlich. Diese Anfragen stehen in einem breiten Kontext von Wissenschaftsfeindlichkeit, die sich seit Jahren auf mein Forschungsfeld richtet. Also es gibt durchaus Anzeichen für ein gewisses Bedrohungspotenzial von außen, aber dieses wirkt nicht direkt in die Wissenschaftspolitik und nicht in die Universität zurück. Es gefährdet also nicht die Lehr- und Wissenschaftsfreiheit, aber es macht natürlich etwas mit der Debattenkultur und dem Wissenschaftsklima. 

Bei vielen Beschreibungen, die im Manifest des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit eine Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit anzeigen sollen, frage ich mich, ob hier nicht Wissenschaftsfreiheit mit Meinungsfreiheit verwechselt wird. Ist hier tatsächlich die Freiheit von Forschung und Lehre gefährdet, oder geht es darum, dass man einfach unbehelligt bleiben will in seinen Standpunkten?

Hat es eine Veränderung im Umgang mit Meinungsfreiheit an Hochschulen gegeben?

Eine große Veränderung sehe ich hier nicht. Das Recht auf Meinungsfreiheit wird auch an Universitäten wahrgenommen. Man muss – wie schon immer – ab und zu den Unterschied zwischen Meinungen und wissenschaftlichen Tatsachen erklären, also dass Meinungsfreiheit nicht bedeutet, wissenschaftliche Tatsachen bestreiten zu können. Das ist schon etwas, was mir begegnet, zum Beispiel, wenn es um das Thema Rassismus geht, aber das schränkt weder meine Lehr- noch meine Wissenschaftsfreiheit ein. Das sind einfach Standpunkte, mit denen ich umgehen muss.

„Noch vor einem Jahrzehnt wurde gesagt, die Studierendenschaft sei so unpolitisch und jetzt ist plötzlich Politisierung ein Problem. Diese Wahrnehmung teile ich nicht.“

Erleben Sie eine Politisierung von Studierenden und Lehrenden an den Hochschulen?  

Da muss ich zurückfragen, was meint Politisierung”? Und Politisierung im Vergleich wozu – zu den 68ern oder zur Jahrtausendwende? Ich finde es grundsätzlich sehr begrüßenswert, wenn Studierende sich nicht nur auf das Erreichen von Credit-Points konzentrieren. Wenn sie den Raum der Universität als einen Raum für intellektuelle Auseinandersetzungen wahrnehmen. Das ist ja eigentlich auch das humboldtsche Ideal, eine Persönlichkeitsbildung an der Universität. Wenn Studierende versuchen, das, was sie im Studium lernen, mit gesellschaftspolitischen Problemen in Verbindung zu bringen, dann gehört dazu auch eine Debattenkultur, argumentative Auseinandersetzungen, Haltungen zu entwickeln und sie begründet zu vertreten. Deshalb kann ich mit dem Begriff Politisierung” wenig anfangen. Noch vor einem Jahrzehnt wurde gesagt, die Studierendenschaft sei so unpolitisch und jetzt ist plötzlich Politisierung ein Problem. Diese Wahrnehmung teile ich nicht. 

Was wünschen Sie sich für die Diskussionskultur an deutschen Hochschulen und innerhalb der gesellschaftlichen Debatten? 

Grundsätzlich bin ich gar nicht so unzufrieden mit der Debattenkultur, auch wenn ich an bestimmten Phänomenen immer wieder Kritik äußere. Ich finde, wir haben eine lebendige Debattenkultur: Immer mehr Menschen beteiligen sich und versuchen ihre Stimmen hörbar zu machen. Das ist eine gute Sache in einer pluralistischen Gesellschaft. 

Ich sehe aber die Tendenz, dass Menschen Kritik sofort abwehren oder eben nicht als Kritik ausweisen, sondern dramatisieren und sich mit dem allgemeinen Bedrohungsszenario, man dürfe nichts mehr sagen, gegen Kritik abschotten. Da wünsche ich mir mehr Bereitschaft zur Auseinandersetzung. 

Außerdem wünsche ich mir, dass wir viel genauer sagen, was gemeint ist, wenn wir über Ideologie sprechen. Es gibt sexistische, rassistische und antifeministische Angriffe, es gibt wissenschaftsfeindliche Angriffe gegen ganze Forschungsfelder. All diese Angriffe sind ideologisch motiviert, und darauf müssen wir unsere Aufmerksamkeit richten. Die öffentliche Debatte ist oft problematisch: Beispielsweise wenn Rassismuskritik in gleicher Weise als ideologisch gelten soll wie Rassismus. Darüber sollten wir viel mehr und viel kritischer sprechen, statt Phantomdebatten zu führen.

Zur Person

Prof. Dr. Andrea Geier ist Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Geschlechterforschung an der Universität Trier.

Foto: privat

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