„Digital ist cool, analog erst recht!“

Ein Gespräch mit Benjamin Wockenfuß

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Wir würden gerne erfahren, was Sie persönlich über Digitalisierte Kindheit denken und wie Ihnen die-debatte.org gefällt. Nehmen Sie hier an unserer 5-minütigen, anonymen Umfrage teil. Die Antworten werden von der Abteilung für Kommunikations- und Medienwissenschaften der TU Braunschweig in einem begleitenden Forschungsprojekt ausgewertet.

Sie leiten das Projekt DigiKids, was hat es damit auf sich?

In dem Projekt wollen wir ganz klassische Präventionsarbeit betreiben, aber nicht mit erhobenem Zeigefinger, da wir glauben, dass es bei dem sehr speziellen Thema digitale Medien in der Kindheit einen motivierenden und integrierenden Ansatz braucht. Die Zielgruppen müssen die Möglichkeit haben, eine eigene Haltung zu entwickeln. Wir dozieren also nicht darüber, wie es gehen sollte und wie es nicht gehen sollte. Wir versuchen interaktiv mit der Zielgruppe eine digitale Haltung auszuprägen. Dabei geht es genauso sehr darum, Chancen der Technologie zu vermitteln, wie auch die Risiken. Die Grundaussage hinter unseren Workshops und Formaten ist immer: „Digital ist cool, analog erst recht!“.

Wer ist denn die Zielgruppe dafür?

Wir beginnen mit Kindern ab vier Jahren. Wir arbeiten also vor allem mit Kindern im Kindergarten- und Grundschulalter. Allerdings sind die Kinder nicht unsere einzige Zielgruppe. Wir beziehen natürlich auch die Eltern mit ein und die Erzieherinnen und Erzieher bzw. Lehrerinnen und Lehrern.

„Es ist wichtig, digitale Medien innerhalb des Umfelds zu beobachten, in dem sie eingesetzt werden.”

Wie genau funktionieren die Workshops?

Zunächst einmal gibt es die DigiKids-Kinderwerkstatt. Wir gehen mit Tablets, kleinen Robotern und weiteren digitalen Geräten in eine Kita und lassen die Kinder sich frei mit dem digitalen Medium auseinandersetzen. Dann bearbeiten wir mit den Kindern spielerisch Fragen zur Mediennutzung und zum Einsatz von digitalen Medien in ihrer Umwelt. Es geht darum, die Kinder zu stärken und ihnen zu zeigen, wie man Medien sinnvoll nutzt. In der konkreten Herangehensweise sind wir da natürlich sehr flexibel, je nachdem mit wem wir interagieren.

Dann gibt es die Workshops für Erwachsene, wo wir viel über altersgerechtes Zeitmanagement und altersgerechte Medien sprechen. Und wir sprechen natürlich auch darüber, wie man Grenzen für die Mediennutzung an sein Kind kommunizieren kann. Und dann gibt es Workshops, wo wir die ganze Familie zusammenholen und gemeinsam Strategien entwickeln. Es ist wichtig, digitale Medien innerhalb des Umfelds zu beobachten, in dem sie eingesetzt werden. Das ist häufig bei Studien das Problem, die einen kausalen Zusammenhang zwischen Mediennutzung und Entwicklungsstörungen herstellen. Dort wird vernachlässigt, dass auch viele andere Faktoren eine Rolle spielen und aus einer Korrelation eine Kausalität gemacht, was schlicht und einfach falsch ist.

„Um medienkompetente Kinder zu bekommen, brauchen wir vor allem medienkompetente Eltern.”

Digitale Medien sollten also nicht verboten werden, sondern nur richtig eingesetzt?

Ja genau. Aus unserer Sicht gehören digitale Medien längst zur Lebensrealität der Kinder. Natürlich sollten digitale Medien nicht haptische Erlebnisse ersetzen und natürlich ist es nicht gut, wenn Kinder nur noch in der digitalen Welt leben, aber sie gehören schlicht und einfach dazu und es hilft nichts, ihre Nutzung zu verteufeln.

Das Problem ist nicht die Existenz, sondern viel mehr wie die Konfrontation mit den digitalen Medien innerhalb des Elternhauses und der Kitas stattfindet. Meistens werden die Medien aus unserer Sicht nicht bewusst genug eingesetzt. Es wird also nicht gezielt eine altersgerechte App eingesetzt, sondern das Tablet oder das Smartphone werden dem Kind gegeben, weil die Eltern eine Pause brauchen oder mit etwas anderem beschäftigt sind. An der Stelle möchten wir bei DigiKids zu einem Umdenken einladen. Wir wollen die Erwachsenen dafür sensibilisieren, sich der Mediennutzung innerhalb der Familie, also auch bei sich selbst bewusst zu werden. Um medienkompetente Kinder zu bekommen, brauchen wir vor allem medienkompetente Eltern und die haben wir häufig nicht. Deshalb müssen wir dort ansetzen.

Wie gut sind die Kitas denn in dem Bereich aufgestellt?

Ich erlebe alle Beteiligten mit einer großen Bereitschaft. Die Wissensstände sind natürlich sehr unterschiedlich. Aber es ist auch eine schwierige Aufgabe und ein großer Balanceakt. Wir fordern auf der einen Seite als Gesellschaft ein, überspitzt formuliert, dass unsere Kinder alle programmieren lernen sollen, um den Anforderungen der Zukunft zu genügen, aber auf der anderen Seite wollen Eltern ihre Kinder vor digitalen Welten schützen. Da ist es oft schwierig einen Mittelweg zu finden, sowohl für die Kitas als auch für Eltern. Wir versuchen durch unsere Arbeit auch den Pädagogen zu helfen konzeptionelle Strategien für die digitale Mediennutzung innerhalb der Kitas zu entwickeln.

Zur Person

Benjamin Wockenfuß ist Social Media Manager und Suchttherapeut. Er leitet das Projekt DigiKids der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen (HLS) e.V. und der Techniker Krankenkasse.

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