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Digitalisierte Kindheit – wie früh ist eigentlich zu früh?

Wie sich digitale Medien auf unsere Kinder auswirken

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Im Bett schnell die Nachrichten des Tages in einer App lesen, am Frühstückstisch auf dem Tablet die ersten Mails beantworten und am Abend auf dem Sofa bei Facebook oder WhatsApp noch schnell ein paar soziale Kontakte pflegen – so oder so ähnlich sieht unser Alltag in der digitalen Gesellschaft aus. Immer dabei und mittendrin – zumindest, wenn man welche hat – unsere Kinder.

Ganz gleich ob Smartphone, Tablet, Computer oder Spielkonsole – Kinder kommen heutzutage immer früher direkt oder indirekt mit digitalen Medien in Kontakt. Doch ist der frühe Umgang mit digitalen Medien schädlich für Kinder? Oder eröffnet er neue Chancen im Bildungsbereich? Oder sollte gar das Prinzip gelten: je früher, desto besser, um in der Zukunft bestehen zu können?

Klare und eindeutige Antworten gibt es bisher kaum. „Die Technologien und ihre extreme Verbreitung sind noch relativ neu. Es fehlt uns an Langzeitstudien, um klare wissenschaftlich belastbare Aussagen zu treffen. Wir können deshalb noch nicht eindeutig sagen, welche Wirkungen die verstärkte Nutzung digitaler Medien auf Kinder hat”, sagt Professor Christian Montag, Leiter der Abteilung Molekulare Psychologie an der Universität Ulm.

Zwar geben Studien wie die BLIKK-Studie Hinweise darauf, dass ein Zusammenhang zwischen Entwicklungsrückständen und einem hohen Medienkonsum besteht, einen kausalen Zusammenhang können sie jedoch nicht feststellen. „Wir können zwar sagen, dass Kinder mit hohem Medienkonsum häufig Konzentrationsstörungen haben und zappelig sind. Wir können aber nicht sagen, ob Eltern ihre Kinder vor den Fernseher oder das Tablet setzen, weil sie zappelig sind oder ob die Kinder zappelig werden, weil sie zu viel Zeit vor dem Medium verbringen”, sagt Dr. Uwe Büsching, Kinder- und Jugendarzt und Vorstandsmitglied des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), einer der Mitwirkenden an der BLIKK-Studie. Diese erhielt im vergangenen Frühjahr eine große mediale Aufmerksamkeit, im Detail veröffentlicht ist die Studie allerdings bis heute nicht. Auch deshalb fordert Büsching ebenso wie Christian Montag weitere Studien, um den Zusammenhang eindeutiger belegen zu können.

„Diese Geräte haben bei Kleinkindern nichts verloren.

Prof. Dr. Christian Montag,  Universität Ulm

Trotz der nicht eindeutigen Studienlage hat Christian Montag eine klare Position, wenn es um die Nutzung digitaler Medien im Kleinkindalter, also bei Kindern zwischen drei und fünf Jahren, geht: „Meines Erachtens haben diese Geräte bei Kleinkindern nichts verloren. Kleinkinder haben Grundbedürfnisse, die durch eine Interaktion mit einem Bildschirm nicht befriedigt werden”, sagt Montag. „Sie brauchen soziale Interaktionen, Fürsorge und Aufmerksamkeit von den Eltern und müssen die Welt entdecken, um sich zu entwickeln.” Auch Büsching teilt diese Ansicht: „Kleinkinder sind einfach noch nicht soweit, Medienkompetenz zu erlernen. Sie brauchen für ihre Entwicklung andere Reize, als sie durch Medien bekommen. Gerade weil wir oft noch keine eindeutigen wissenschaftlichen Antworten auf die großen Fragen zu diesem Thema haben, sollten wir unsere Kinder eher schützen, als sie zu früh digitalen Medien auszusetzen”.

Ebenso kritisch sieht Montag die permanente Nutzung digitaler Medien durch Eltern, da sie durch ihr Verhalten ein Vorbild für ihre Kinder werden und es darüber hinaus eben nicht möglich sei, sich mit seinem Kind und dem Smartphone parallel zu beschäftigen: „Die geteilte Aufmerksamkeit verhindert, dass die Bedürfnisse des Kindes nach Nähe und Fürsorge befriedigt werden”.

„Es ist schlicht und einfach unrealistisch so zu tun, als könne man Medien aus dem Leben der Kinder raushalten.”

Dr. Astrid Carolus, Universität Würzburg

Doch nicht alle Experten sind der Meinung, dass digitale Medien im Leben von Kleinkindern nichts zu suchen haben. Benjamin Wockenfuß, Suchttherapeut und Social Media Manager ist Leiter des Projekts DigiKids der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen (HLS) e.V. in Kooperation mit der Techniker Krankenkasse, sagt: „Ich glaube die Frage, ob Kinder Medien nutzen sollten, stellt sich gar nicht mehr. Sie gehören inzwischen fest zur Lebensrealität dazu. Deshalb müssen wir vor allem den richtigen Umgang mit digitalen Medien finden und fördern. Zu früh ist es aus meiner Sicht nie. Der Rest ist eine Frage der adäquaten Begleitung durch uns Erwachsene.” Das Projekt DigiKids setzt deshalb in den Kindergärten an und schult bereits dort den Umgang mit Tablet, Smartphone und Co.

Von einer Angstmacherei, die seines Erachtens in manchen Medien und von einigen Experten öffentlich betrieben wird, hält er wenig: „Solange es keine klare Studienlage gibt, sollten wir Chancen und Risiken beschreiben und entsprechende Handlungskompetenzen ableiten. Wir wollen auf keinen Fall verhindern, dass Kinder rausgehen und haptische Erlebnisse haben. Diese kann kein Medium ersetzen, aber die digitalen Medien gehen definitiv nicht mehr weg. Deshalb müssen wir sie sinnvoll nutzen, in den Alltag einbinden und den Umgang mit ihnen schulen.” Aus seiner Sicht böten sich gerade im Bildungsbereich auch Chancen durch die digitalen Medien – vor allem, wenn man sie mit analogen Erlebnissen verknüpfen würde.

Eine ähnliche Position vertritt die Medienpsychologin Dr. Astrid Carolus von der Universität Würzburg: „Es ist aus meiner Sicht schlicht und einfach unrealistisch so zu tun, als könne man Medien aus dem Leben der Kinder raushalten. Wir müssen uns stattdessen als Gesellschaft damit befassen, wie man den Kindern eine sinnvolle Nutzung dieser Medien beibringt und wie man Medien und den Umgang mit diesen in die Ausbildung integriert. Dabei muss man sowohl Risiken als auch Chancen begreifen und aufzeigen.” In Verboten von Smartphones in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen sieht sie daher nicht die Lösung für die Herausforderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt.

„Wir wissen zu wenig über die Wirkung digitaler Medien auf Kinder. Das sehe ich als Gefahr.”

Dr. Uwe Büsching,  Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte

Obwohl sie klar gegen die Nutzung bei Kleinkindern sind, wollen auch Christian Montag und Uwe Büsching digitale Medien nicht per se verteufeln. Vielmehr geht es den beiden – und da sind sie sich mit Wockenfuß und Carolus einig – um den richtigen Umgang mit den digitalen Medien. Dabei spielen die Eltern eine entscheidende Rolle. „Rund 80 Prozent der Eltern wissen gar nicht, welche Art von Medien ihre Kinder nutzen. Das ist problematisch, weil sie eine Fürsorgepflicht haben”, sagt Büsching, der sich aus diesem Grund für die Medienkompetenzinitiative „Schau hin!” engagiert. Deren Ziel ist es, Eltern beim Umgang mit dem Medienkonsum ihrer Kinder zu unterstützen. Kern des Ganzen ist eine „aktive und aufmerksame Begleitung” der Eltern, heißt es auf der Homepage der Initiative, die sehr konkrete Empfehlungen gibt. Medien dürften vor allem eins nicht werden: Ein digitaler Babysitter, der soziale Interaktion ersetzt.

„Natürlich muss man Kinder irgendwann an Medien heranführen, aber wichtig ist, dass man sich gemeinsam mit den Medien und den Inhalten beschäftigt. Eltern sollten immer wieder hinterfragen: Was braucht mein Kind eigentlich?”, sagt Montag. Auch Bildungseinrichtungen müssten sich diese Frage stellen, bevor digitale Medien im Unterricht eingesetzt werden: „Studien haben gezeigt, dass digitale Medien ablenken, selbst wenn sie nicht aktiv genutzt werden, sondern beispielsweise nur auf dem Tisch liegen. Sprich, wenn ich Medien zum Lernen einsetze, dann muss ich eine Umgebung schaffen, in der die Ablenkungsmöglichkeiten durch die anderen Funktionen des Mediums ausgeschaltet sind.”

„Wir sollten die Chancen und Risiken genau abwägen“, sagt Astrid Carolus. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht reflexartig alles verurteilen, was ‘neu’ ist. Veränderungen sind aus psychologischer Sicht immer herausfordernd und oft mit Ängsten verbunden. Sich ihnen nicht zu stellen, birgt allerdings die Gefahr, hinter den Entwicklungen herzulaufen und am Ende nicht vorbereitet zu sein.”

Uwe Büsching fordert auch deshalb einen stärkeren politischen Fokus auf das Thema Medienkonsum von Kindern und dessen Auswirkungen zu legen, was bisher zu wenig geschieht. Auch deshalb engagiert er sich in der Stiftung Kind und Jugend des Berufsverbandes der Kinder und Jugendärzte, die Studien fördern will: „Digitale Medien sind die Realität. Wir wissen zu wenig über die Wirkung auf Kinder und müssen dringend mehr darüber herausfinden. Bisher fehlt hierfür aber vor allem das Interesse der Politik, die das Geld nicht dafür ausgibt herauszufinden, was die Medien für unsere Kinder bedeuten, sondern dafür, Digitalisierung in allen Bereichen zu fördern. Das sehe ich als Gefahr.”

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