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„Drohnen eröffnen spannende Ansätze für die Notfallversorgung”.

Ein Gespräch mit Dr. Mina Baumgarten

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An der Universitätsmedizin Greifswald forschen Sie ganz konkret zu der Nutzung von Drohnen. Wie kam es dazu?

Mecklenburg-Vorpommern steht als absolutes Flächenland mit einer sehr dünnen Besiedlung vor der großen Herausforderung die älter werdende Bevölkerung medizinisch gut versorgen zu können. Als Universitätsklinik arbeiten wir bereits seit längerem an diesem Thema, denn uns ist es wichtig, dass die Menschen im ländlichen Raum die gleichen Chancen haben, gut und gesund zu leben, wie in der Stadt. Drohnen eröffnen uns dabei spannende Ansätze. Dabei verstehen wir die Technologie vor allem als Werkzeug, welches wir in unsere übergeordnete Arbeit der Notfallversorgung im ländlichen Raum einbauen wollen.

Welche Ziele verfolgen Sie dabei konkret?

Unser übergeordnetes Ziel ist es, die langen Wege zu verkürzen. Dafür nutzen wir in unterschiedlichen Projekten verschiedene Ansätze – so haben wir beispielsweise im Projekt Land|Rettung aus der Klinik für Anästhesiologie heraus gemeinsam mit dem Landkreis Vorpommern-Greifswald wesentliche Module wie Laienreanimation und geschulte, Smartphone-alarmierte Ersthelfende, in unser Rettungssystem integriert, um die Zeit zu verkürzen, bis Menschen bei Herz-Kreislauf-Versagen eine lebensrettende Herzdruckmassage bekommen. Damit haben wir bislang sehr gute Erfahrungen gemacht. Wir haben aber weiterhin eine Lücke, was die Ausstattung mit öffentlich zugänglichen automatischen externen Defibrillatoren (AEDs) in unserer Region anbelangt – und da setzt unser Projekt MV|LIFE|DRONE an.

„Was uns antreibt, ist der Wunsch mit allen verfügbaren Ressourcen die Menschen auf dem Land gleichwertig und gut versorgen zu können.“

Können Sie das erläutern?

Es ist in Deutschland an vielen Stellen verpasst worden, Defibrillatoren strategisch sinnvoll, transparent und ständig zugänglich zu platzieren. Insbesondere für unsere Region ist es auch gar nicht umsetzbar, fest installierte Defibrillatoren flächendeckend anzubringen. Wenn Patient oder Helfender nicht zum Defibrillator kommen können, muss dieser eben an den Ort des Notfalls kommen. So entstand die Idee für MV|LIFE|DRONE. Unser Projektansatz ist, dass die Drohne als Transportmittel den Defibrillator unabhängig und schnell dorthin bringen kann, wo er im Notfall benötigt wird. Eingeflossen sind auch Ergebnisse aus Projekten in Großbritannien und Skandinavien lassen. In unserem Projekt haben wir für Mecklenburg-Vorpommern begonnen zu testen, ob es technisch möglich und medizinisch praktikabel ist ein Defibrillator per Drohne zu liefern und dazu eine Machbarkeitsstudie durchgeführt. Das ließe sich sicherlich auch auf andere Methoden der Notfallversorgung ausweiten.

Welche könnten das sein?

Es geht uns nicht per se um den Einsatz von Drohnen im medizinischen Kontext, um beispielsweise wichtige Transportwege neu zu erschließen. Unser Schwerpunkt ist ganz klar die Notfallversorgung und mögliche Verbesserungen, die die Drohnentechnologie hier eröffnet. Denn was uns antreibt, ist der Wunsch mit allen verfügbaren Ressourcen die Menschen auf dem Land gleichwertig und gut versorgen zu können. Wir sehen insbesondere Anwendungsfälle für gerechtfertigt, die die kritische Zeit verkürzen, bis Hilfe vor Ort ist – ob Defibrillator, Blutprodukte an eine Unfallstelle oder sehr eilige Laborproben.

„Wir haben aufzeigen können, dass die Drohne teilweise um bis zu fünf Minuten schneller vor Ort war als der erste verfügbare Hubschrauber.“

Wie sind dabei die konkreten Abläufe im Rettungsdienst mit der Drohne gewesen?

In unserem Pilotprojekt haben wir die Drohnen in simulierten Notfällen eingesetzt und geschaut, wie wir diese in die Rettungskette sinnvoll eingliedern können. Im Falle eines Notfalls geht der Anruf immer bei der Leitstelle des Rettungsdienstes ein, diese alarmiert bei hohem Verdacht auf Herz-Kreislauf-Stillstand zeitgleich mit dem Rettungsdienst einen medizinisch geschulten freiwilligen Helfer, in Vorpommern-Greifswald also den sog. LandRetter, um vor Ort zu helfen. Denn für eine Wiederbelebung ist jede Minute entscheidend. Aus Erfahrung wissen wir, dass diese Ersthelfenden durchschnittlich etwa fünf Minuten früher als der Rettungswagen da sind und die Menschen, die eine hilfebedürftige Person auffinden, schon einmal durch geübte Reanimation unterstützen. Dies erhöht die Überlebenswahrscheinlichkeit ungemein. Bis zum Eintreffen des geschulten Ersthelfenden erfolgt durch die Leitstelle eine telefonische Anleitung für die Reanimation (Tele-CPR), damit die Herz-Kreislauf-Massage richtig ausgeführt wird. In unseren Versuchen hat die simulierte Leitstelle neben diesem geschulten Ersthelfenden auch den Drohnenstart ausgelöst.

Wie viel schneller ist tatsächlich der Defibrillator per Drohne als per herkömmlichen Notfallversorgung?

Im Vordergrund unseres Projektes MV|LIFE|DRONE-Pilot stand im Sinne einer Machbarkeitsstudie die Frage, ob es überhaupt möglich ist, Patienten mit Defibrillatoren per Drohne zu versorgen – und das haben wir ganz klar nachgewiesen. Wir haben es aber in diesem ersten Projektabschnitt nicht dem Rettungsdienst per Straße gegenübergestellt. Allerdings haben wir die Drohne mit Hubschraubern verglichen und haben aufzeigen können, dass die Drohne teilweise um bis zu fünf Minuten schneller vor Ort war als der erste verfügbare Hubschrauber.

„Knapp 90 Prozent der Befragten befürworten, dass Drohnen in der Notfallversorgung eingesetzt werden und etwa 93 Prozent auch individuelle Hilfe von einer Drohne empfangen würden.“

Wer steuerte im Projekt die Drohne und was waren technische Herausforderungen?

In unserem Projekt hatten wir eine simulierte Drohnensteuerungszentrale, in der Piloten die Drohne geflogen und überwacht haben. Gestartet ist die Drohne auf Knopfdruck aus einem Port. Die Drohne ist dann anhand der durch den simulierten Notruf bekannten GPS-Daten zum Ziel geflogen, in unseren Simulationen waren die Strecken allerdings mit Geofencing von vornherein bestimmt worden. Insgesamt haben wir so im Versuchszeitraum 47 Drohnenflüge absolviert und dabei sind wir fünf verschiedene Strecken von 400 Meter bis zu 10 Kilometer geflogen, also deutlich außerhalb der Sichtlinie, das sogenannte kritische “beyond-visual-line-of-sight”. Die größte technische Herausforderung ist, die richtige Technik zu nutzen, noch gibt es hier kein Standardmodell. Durch unsere Projektarbeit im norddeutschen Winter haben wir aus dem letzten Jahr aber ziemlich umfassende Erkenntnisse über die technischen Anforderungen für einen Regelbetrieb gewonnen.

Ließe sich ihr Pilotprojekt auch in den Regelbetrieb umsetzen?

Der Erfolg unseres Pilotprojekts motiviert uns, genau auf dieses Ziel weiter hinzuarbeiten. In einem Regelbetrieb bräuchte es ein Netzwerk von vielen stationierten Drohnen, die von einer Zentrale aus gesteuert werden. Auch strategisch platzierte, stationäre AEDs müssen in diesem Netzwerk integriert werden. In unserem Folgeprojekt wollen wir aktuell ermitteln, was die wesentlichen Parameter für den Regelbetrieb sind und zum Beispiel auch die Frage klären, wie viele Standorte und Drohnen bzw. stationärer Defibrillatoren überhaupt notwendig werden. Eine Vision von uns ist dabei, die Zentrale für die Drohnensteuerung sehr eng mit der integrierten Leitstelle für Feuer, Polizei und Rettungsdienste für eine Region zu verknüpfen.

Wie wurde das Projekt von Seiten der Bevölkerung angenommen?

Das Projekt wurde aktiv wahrgenommen und die Drohnenflüge waren auch nicht zu überhören, denn die Technologie ist einfach noch sehr laut. Für die Flüge hatten wir jeweils Streckenposten positioniert, die sich aktiv mit der Bevölkerung ausgetauscht haben. Die Zuschauenden waren teilweise anfangs recht skeptisch, dennoch gab es durchaus hohe Zustimmung, wenn wir den Anwendungsfall konkret erklärt hatten. Wir haben zudem im Rahmen unseres Projekts eine Bevölkerungsumfrage durchgeführt. Ein zentrales Ergebnis hierbei ist, dass knapp 90 Prozent der Befragten befürworten, dass Drohnen in der Notfallversorgung eingesetzt werden und etwa 93 Prozent auch individuelle Hilfe von einer Drohne empfangen würden.

„Drohnen haben eine Art Stellvertreterrolle, wenn es ganz generell um die Einführung neuer Technologien in Deutschland geht.“

Gibt es von Seiten des Bundesgesundheitsministeriums die Überlegung, Drohnen tatsächlich flächendeckend einzusetzen oder das Projekt auszudehnen?

Unser Ziel ist es, innerhalb der nächsten ein bis eineinhalb Jahre ein Projekt aufzusetzen das einen Echtbetrieb erprobt. Unser Eindruck war, dass das Bundesgesundheitsministerium daran ein großes Interesse zeigt. Demgegenüber stehen allerdings verschiedenste Herausforderungen wie die Konzeption der Versorgungssysteme, technische Optimierungen und die Anpassung an existierende Richtlinien, die einen Regelbetrieb bislang noch nicht möglich machen. Daher haben wir das Projekt “MV|LIFE|DRONE-Challenge“ (MVLD-C) entwickelt und werden bis Ende Januar 2021 die wichtigsten noch zu klärenden Fragen adressieren.

Auch aus dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) gibt es ja verschiedenste Projektförderungen. Die Anwendung von Drohnen scheint also aktuell politisch unterstützt zu werden. Nehmen Sie das so wahr?

Absolut. Das BMVI betrachtet die Anwendung naturgemäß stark aus der technischen Perspektive. Was uns als Projekt aber besonders auszeichnet, ist der starke Praxisbezug und die klare Anwendungsperspektive. Also die Frage, wie das System der Notfallmedizin in unserer Modellregion optimiert werden kann und dafür haben wir auch die Unterstützung des Bundesgesundheitsministeriums. Mit unserem Projekt haben wir den Willen, Lösungen für vielfältige medizinischen Anwendungen von Drohnen zu generieren. Ein herausgestelltes Arbeitspaket unseres Projektes MVLD-C ist daher auch, die aus verschiedenen Förderungen unterstützten Projekte medizinischer Anwender von Drohnen in den Austausch zu bringen um Fragmentierung und Insellösungen zu vermeiden.

Wie erleben Sie die allgemein die Diskussion um Drohnen in Deutschland?

Drohnen haben eine Art Stellvertreterrolle, wenn es ganz generell um die Einführung neuer Technologien in Deutschland geht – denn die Technologie ist recht leicht zu erfassen. Wir sollten meiner Meinung nach allerdings vermeiden, Drohnen nur der Technologie wegen zu nutzen, sondern müssen die Diskussion viel stärker darauf lenken, wie wir Drohnen in Systeme einbauen können um insgesamt Prozesse zu optimieren. An manchen Stellen habe ich den Eindruck, dass diese Diskussion noch nicht integriert genug geführt wird. Aber es wäre schön, wenn wir dahin kämen.

 

Zur Person

Dr. Mina Baumgarten leitet den Geschäftsbereich Strategische Unternehmensentwicklung an der Universitätsmedizin Greifswald. Gemeinsam mit Prof. Dr. Klaus Hahnenkamp der Klinik für Anästhesiologie leitet sie das Projekt MV|LIFE|DRONE. Die Pilotstudie MV|LIFE|DRONE-Pilot wurde 2019 durchgeführt und vom Bundesministerium für Gesundheit mit insgesamt etwa 400.000 € gefördert.

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