„Mit der E-Zigarette vollzieht sich eine weltweite technische Revolution“

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Ein Gespräch mit Prof. Dr. Sven Schneider

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„Besonders bedenklich ist der Befund, dass die jugendlichen Nutzer von E-Zigaretten mehrheitlich Nichttabakraucher waren, also nie zuvor eine Tabakzigarette geraucht hatten.“

Sie haben eine Studie zur Verbreitung von E-Zigaretten unter Jugendlichen veröffentlicht. Was sind die Erkenntnisse der Studie?

Die Popularität der E-Zigarette steigt unter Erwachsenen weltweit an und dieser Trend ist auch unter den Jugendlichen zu beobachten. Ganz aktuelle Daten aus unserer eigenen Studie belegen dies: So hat in etwa jeder sechste in der Altersgruppe der 12- bis 15-Jährigen schon mindestens einmal eine E-Zigarette benutzt. Es zeigt sich ein sozialer Gradient, nach dem 9 Prozent aller Gymnasiasten und Gesamtschüler, 17 Prozent aller Real- und 33 Prozent aller Werkreal- und Hauptschüler E-Zigaretten konsumiert hatten. Obwohl die untersuchte Altersgruppe vergleichsweise jung ist, hat ein Drittel der Jemals-Nutzer E-Zigaretten bereits zu mehr als zehn Gelegenheiten konsumiert. Dabei ist der Konsum unter männlichen Schülern sowie unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund und mit Tabakkonsum besonders beliebt. Nutzer berichten außerdem häufiger als Nichtnutzer von E-Zigarettenkonsum innerhalb der eigenen Familie und der Clique. Besonders bedenklich ist dabei der Befund, dass die jugendlichen Nutzer von E-Zigaretten mehrheitlich Nichttabakraucher waren, also nie zuvor eine Tabakzigarette geraucht hatten. Zusätzlich zu den gesundheitlichen Folgen befürchten wir deswegen, dass der Konsum von E-Zigaretten den Raucheinstieg in Kindheit und Jugend bedingen könnte.

Welche Auswirkung hat die Einführung der E-Zigaretten auf den Tabakmarkt?

Mit der E-Zigarette vollzieht sich eine weltweite technische Revolution, die mit der Ablösung der Analogkamera durch die Digitalfotografie vergleichbar ist. Denn mit der E-Zigarette wird der Tabakmarkt zum Nikotinmarkt. Mittlerweile hat jeder führende Tabakkonzern mehrere E-Zigaretten-Marken im Portfolio. Allerdings wurde mit der E-Zigarette ein Produkt auf den deutschen Markt gebracht, dessen Unbedenklichkeit und Entwöhnungspotenzial wissenschaftlich nicht ausreichend belegt ist. Entsprechende Verbote haben mehrere Länder – darunter Australien, Brasilien, Frankreich und Kanada – bereits umgesetzt.

„In der aktuellen Diskussion sind neutrale und unabhängige Wissenschaftler in der Minderheit. Weltweit wird die Diskussion um die E-Zigarette von Interessensverbänden, Herstellern und Nutzern dominiert“

Welche Bedeutung hat die E-Zigarette für die Tabakindustrie und die übergeordneten Public-Health-Ziele eines Staates?

Mit der E-Zigarette hat die Industrie nun eine Produktrevolution in den Händen, mit der der Suchtstoff Nikotin auf einfachste Weise weltweit Milliarden Menschen zugänglich gemacht werden kann. Es ist zu erwarten, dass die E-Zigarettenindustrie den Nikotintransfer und damit das Abhängigkeitspotenzial durch technische Veränderungen und die chemische Zusammensetzung von Liquid und Dampf künftig weiter „optimieren“ wird. Derartige Produkt-“Optimierungen“ sind an einem chemisch-technischen Produkt wie der E-Zigarette deutlich einfacher realisierbar als an der klassischen Tabakzigarette, wo der beißende Rauch durch Zusatzstoffe kaschiert werden muss. Ganz aktuelle Studien belegen, dass bei E-Zigaretten eine ebenso schnelle Nikotinanflutung im Blutplasma erfolgt, wie wir es von Tabakzigaretten seit langem kennen.

Wie wird die E-Zigarette in der Werbung dargestellt?

Besonders problematisch sind irreführende Werbeaussagen (wie z. B. health claims). Aussagen wie „gesünder als die Tabakzigarette“ sind bei einem Produkt wie der E-Zigaretten – deren Aerosol nachweislich krebserregende Inhaltsstoffe und das schnell abhängig machende Nikotin aufweist – hoch problematisch.

Inwieweit findet in Deutschland eine gesamtheitliche und ausgewogene Diskussion über die Chancen und Risiken der E-Zigarette statt?

In der aktuellen Diskussion sind neutrale und unabhängige Wissenschaftler in der Minderheit. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit wird die Diskussion um die E-Zigarette von Interessensverbänden, Herstellern und Nutzern dominiert, was unseres Erachtens zu einer oft unsachlichen und insgesamt einseitigen Darstellung der E-Zigarette geführt hat. Hinzu kommt, dass viele wissenschaftliche Studien von der E-Zigaretten-Industrie unterstützt werden, wie die Pflichtangaben zu Interessenkonflikten in den Publikationsorganen belegen.

Zur Person

Prof. Dr. Sven Schneider ist Leiter der Forschungsabteilung „Kindergesundheit“ am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. In seiner Forschung beschäftigt er sich vor allem mit Tabakkonsum und Tabakprävention und Elektrischen Zigaretten.

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