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„Wir bauen erneuerbare Anlagen auf, aber in einem viel zu geringen Maße.“

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Detlef Stolten

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Welche kurzfristigen Folgen wären bei einem Lieferstopp von russischem Erdgas für die Industrie und für Verbraucher*innen zu erwarten?

Kurzfristig, so würde ich definieren, ist die nächste und übernächste Woche. In diesem Fall bedeutet das, dass man eigentlich keine Reaktionszeit hat und durch Ausweichen auf einen anderen Energieträger nichts erreichen kann, sondern ausschließlich durch Einsparmaßnahmen. Nach unseren Berechnungen könnten allein dadurch etwa ein Drittel eingespart werden, was allerdings mit erheblichen Komforteinbußen in den Haushalten verbunden ist. Weiterhin könnten die aktuellen Restbestände in den Erdgasspeichern verwendet werden. Das würde zumindest kurzfristig den Bedarf der Industrie soweit decken, dass diese weiterlaufen könnte. Ich glaube aber, freiwillig würde kaum jemand im Moment sagen, dass wir russisches Gas nicht mehr abnehmen sollten, dafür sind die Konsequenzen zu groß.

Die Maßnahmen würden sich also vor allem auf Einsparungen und den Verbrauch der Restbestände beziehen?

Die möglichen Maßnahmen können in drei Blöcke eingeteilt werden. Einen ersten Block stellen Einsparungen dar, einen zweiten der Verbrauch des Gases in den sehr großen Erdgasspeichern. Diese sind aber für dieses Jahr bereits zu erheblichen Teilen aufgebraucht. Und der dritte Block wäre eine Auffrischung der Erdgasbestände durch Flüssiggasimporte.

„Eine rein deutsche Lösung, in der Deutschland als Insel optimiert wird, gibt es an dieser Stelle nicht. Es müsste eine europäische Anstrengung geben, die dazu führt, dass Deutschland versorgt wird, andere betroffene Länder aber ebenso berücksichtigt werden.“

Die notwendigen Terminals für Flüssiggasimporte fehlen in Deutschland. Wie wäre ein Import von Flüssiggas für die nächste Winterperiode umzusetzen?

Das ginge beispielsweise über die bestehenden Pipeline-Anbindungen. Spanien verfügt über viele Flüssiggasterminals und es könnten die bestehenden Pipelinesysteme genutzt werden, um diesen Austausch zu bewerkstelligen. Eine rein deutsche Lösung, in der Deutschland als Insel optimiert wird, gibt es an dieser Stelle nicht. Es müsste eine europäische Anstrengung geben, die dazu führt, dass Deutschland versorgt wird, andere betroffene Länder aber ebenso berücksichtigt werden.

Wie sollte sich Deutschland energiepolitisch in den kommenden Monaten aufstellen?

Jetzt im Sommer sollten wir verstärkt Flüssiggasimporte realisieren, um die Speicher komplett aufzufüllen. Rund 20 Prozent der Gasspeicher in Deutschland gehören einer Tochtergesellschaft von Gazprom. Deren Speicher waren vor dem Winter nur zu ca. 20 Prozent gefüllt, was bedeutet, dass uns einiges an Erdgas fehlt. Aktuell bereitet die Bundesregierung allerdings einen Gesetzesentwurf vor, der das Einlagern einer Mindestmenge von Erdgas in den Speichern rechtlich einfordert. Weiterhin muss es uns gelingen, dass der enorme Stau beim Ausbau der erneuerbaren Energien beseitigt wird. Und man sollte zusätzlich überlegen, inwieweit aktuelle Restriktionen dem Ausbau von Erneuerbaren entgegenstehen und wir diesen noch mehr beschleunigen können. Denn alles, was jetzt relativ schnell ausgebaut wird, hilft bereits für den nächsten Winter – insbesondere Wärmepumpen, wenn man den Haussektor betrachtet.  Klar ist auch, wenn wir das aktuelle Tempo beibehalten, werden wir die langfristig vereinbarten Ziele stark verfehlen. 

„Das heißt aber auch, dass jetzt der Weg Richtung erneuerbare Energien deutlich schneller vorangegangen werden muss als bisher, um die Ziele zu erreichen, die wir uns gesetzt haben.“

Und langfristig würde damit Erdgas überhaupt keine Rolle mehr im Energiemix spielen?

Genau. 2040/2045 spielt Erdgas ohnehin keine Rolle mehr, weil Erdgas CO2-Emissionen verursacht, sofern wir die Abscheidung von CO2 jetzt mal ausklammern.  Ein möglicher Importstopp von russischem Erdgas käme also ein bis zwei Jahrzehnte früher und auch Flüssiggas wird dann langfristig nicht mehr benötigt. Das heißt aber auch, dass jetzt der Weg Richtung erneuerbare Energien deutlich schneller vorangegangen werden muss als bisher, um die Ziele zu erreichen, die wir uns gesetzt haben. Und mögliche Terminals für Flüssiggas müssten entsprechend so gebaut werden, dass sie auch auf Wasserstoff umstellbar sind.

Sie sprachen von der CO2-Abscheidung, die Erdgas in der Bilanz klimafreundlich machen würde. Was ist technisch bereits möglich und politisch gewollt? 

Wenn man die Klimaneutralität erreichen will, hat Erdgas nur noch Platz, wenn das CO2 anschließend abgeschieden wird. Eine Abscheidung und Speicherung ist aber nach der aktuellen gesetzlichen Lage in Deutschland de facto nicht möglich. Dazu kommt, dass die Abscheidung von CO2 sehr teuer ist und nach unseren Berechnungen die Abscheidung mit einem konventionellen System immer unwirtschaftlicher ist, als die langfristige Umstellung auf erneuerbare Energien. Gleichzeitig sehen wir, dass es Bereiche gibt, in denen man CO2-Emissionen nicht so schnell vermeiden kann – beispielsweise im Flugverkehr.  Dort wird man voraussichtlich nicht alles auf Biotreibstoff umstellen können – hier könnte die Luftabscheidung eine Alternative sein.

„Wir haben in unserem Szenario ausgerechnet, dass die Energieimporte von ca. 90 Prozent auf etwa 20 Prozent der Primärenergie sinken würden, wenn wir auf erneuerbare Energien umsteigen.“

Wie schnell wäre eine Transformation des Energiesystems hin zu erneuerbaren Energien realistisch möglich?

Wir konnten feststellen, dass die Wirtschaftlichkeit in Zukunft mit einem erneuerbaren Energiesystem sehr gut erreicht werden kann. Hier liegt nicht das Problem. Das größte Problem ist in meinen Augen die Zeitachse, sprich die Schnelligkeit in der Umsetzung. Wir bauen erneuerbare Anlagen auf, aber in einem viel zu geringen Maße. Deswegen wird stetig diskutiert, dass wir die Klimaziele verfehlen werden. Durch erneuerbare Energien kann eine hohe Versorgungssicherheit erreicht werden, da diese zu großen Teilen heimisch sind. Wir haben in unserem Szenario ausgerechnet, dass die Energieimporte von ca. 90 Prozent auf etwa 20 Prozent der Primärenergie sinken würden, wenn wir auf erneuerbare Energien umsteigen.

Sind langfristig dann überhaupt Energieimporte aus anderen Ländern noch in größerem Stile notwendig?

Ja. Auf der einen Seite deswegen, weil wir aufgrund der Industrialisierung natürlich vergleichsweise viel Energie brauchen. Deutschland ist ein Industrieland und muss auch ein Industrieland bleiben – davon leben wir. Das andere ist, dass z.B. erneuerbarer Strom teilweise deutlich preiswerter im Ausland produziert werden kann als in Deutschland – beispielsweise Solarenergie in sehr sonnenreichen Ländern, wie Saudi-Arabien. Außerdem muss man immer mit möglichen Flauten rechnen, auch wenn diese sehr selten sind. Wir haben die Möglichkeit solche Flauten durch Speicherung oder zusätzlichen Bezug von Energieimporten außerhalb unserer Klimazonen auszugleichen. Eine andere Option stellt speicherbare erneuerbare Energie dar, die frei gehandelt werden kann. Diese Ausgleichsmöglichkeiten gewährleisten die Energieversorgungssicherheit in einem komplett erneuerbaren Energiesystem.

Wie bewerten Sie die bisherigen Energieimporte aus Russland vor dem Hintergrund der Energiesicherheit?

Wir haben uns über die Jahre von russischem Erdöl, Erdgas und der Kohle abhängig gemacht. Rückblickend ist das natürlich ein Fehler, dem es jetzt mit erneuerbaren Energien entgegenzuwirken gilt. Etwas so Lebenswichtiges wie die Energieversorgung muss immer ein Stück weit gestreut sein, sich allein auf die Kostenoptimierung zu konzentrieren birgt langfristige Risiken. Es ist jetzt deutlich geworden, dass wir eine andere Verteilung der Energieimporte brauchen und eine größere Energiesicherheit. Mit einer heimischen Produktion von Erneuerbaren und mit einer breiteren Erzeugungsbasis weltweit hätten die erneuerbaren Energien dafür natürlich die idealen Voraussetzungen.

 

Zur Person

Prof. Dr. Detlef Stolten ist Leiter des Instituts für Techno-ökonomische Systemanalyse (IEK-3) und des Lehrstuhls für Brennstoff an der Fakultät für Maschinenwesen der RWTH Aachen University

 

Foto: Detlef Stolten

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