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Trog, Tank oder Teller

Gefährdet der Anbau von Agrosprit die Lebensmittelsicherheit?

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In Deutschland werden 16,6 Millionen Hektar Fläche landwirtschaftlich genutzt. Das entspricht einer Fläche, die mehr als doppelt so groß ist wie Bayern. Mehr als die Hälfte dieser Flächen, 10 Millionen Hektar, werden für den Anbau von Futtermitteln für Tiere verwendet. Ein Viertel der Agrarflächen entfallen auf den Anbau von Lebensmitteln für die menschliche Versorgung. Auf einem kleinen Teil der Fläche, auf 2,4 Millionen Hektar, werden Energiepflanzen wie Raps, Mais oder Zuckerrüben angebaut, um Agrosprit herzustellen. Diese Verteilung wird seit langem und insbesondere wegen der derzeitigen Getreideknappheit in Frage gestellt.

In Krisenzeiten, in denen Lebensmittel besonders knapp sind, könnten auch für Biokraftstoff genutzte Flächen dem Anbau von Nahrungsmitteln dienen. Werden diese Flächen stattdessen für den Anbau von Energiepflanzen genutzt, spricht man von Flächenkonkurrenz, besser bekannt als Tank-Teller-Konflikt. „Diese Diskussion wird insbesondere in westlichen Ländern geführt, vor allem in der EU und in einigen Teilen der USA”, sagt Prof. Dr. Gernot Klepper, Wirtschaftswissenschaftler am Kieler Institut für Weltwirtschaft und Mitglied des Projekts Energiesysteme der Zukunft. Er erklärt, dass für Biokraftstoffe verschiedene Ressourcen wie Palm-, Soja- oder Rapsöl sowieso Zuckerrüben verwendet werden. „Eine Konkurrenz von Biokraftstoffen und Welternährung lässt sich zwar nicht vollständig abstreiten, da auf wertvollen Flächen Energiepflanzen angebaut werden. Die Konkurrenz lässt sich aber nicht pauschalisieren.“ Rohstoffe wie Rapsöl oder Zuckerrüben werden laut Klepper teils für Sprit und teils für die Ernährung angebaut. 

Ähnlicher Meinung ist Prof. Dr. Walter Leitner, Geschäftsführender Direktor der Abteilung Molekulare Katalyse am Max-Planck-Institut für Chemische Energiekonversion: „Noch vor 20 Jahren wurden Biokraftstoffe als Heilsbringer bezeichnet“. Kurz darauf habe sich die Debatte um Biokraftstoffe verändert und der Tank-Teller-Konflikt sei stärker in den Fokus der Diskussion gerückt. Zwar habe sich die Diskussion in den letzten Jahren wieder etwas nivelliert, sei aber durch den Krieg in der Ukraine wieder präsenter geworden. Er betont: „Inzwischen herrscht weitgehend Konsens, dass synthetische Energieträger – und hierzu gehören in gewissem Umfang auch Biokraftstoffe – ein wesentlicher Bestandteil zukünftiger Energiesysteme sind.“

„Das Angebot an Pflanzenölen oder Mais bleibt gleich, wenn sich die Anbauflächen für tierische Futtermittel nicht ebenfalls ändern.“

Prof. Dr. Gernot Klepper, Wirtschaftswissenschaftler am Kieler Institut für Weltwirtschaft und Mitglied des Projekts Energiesysteme der Zukunft

Einige Verbände und Wissenschaftler*innen fordern, die Nutzung von Ackerflächen für Energiepflanzen zu reduzieren oder sogar zu verbieten, um die menschliche Nahrungsversorgung weltweit zu sichern. Leitner hält ein striktes Verbot jedoch für riskant: „Die Gefahr ist zu groß, dass man in den komplexen Wertschöpfungsketten an Stellen eingreift, die anderswo negative Auswirkungen haben.“ Die Frage sei zudem, wie schnell ein Verbot wirksam würde: „Ein Verbot verbessert die akute Situation kurzfristig nicht, da die Landwirtschaft von Anbauzyklen bestimmt wird, die nicht mit sofortiger Wirkung unterbrochen werden können.“

Auch Klepper hält ein Verbot für wenig zielführend: „Das Angebot an Pflanzenölen oder Mais bleibt gleich, wenn sich die Anbauflächen für tierische Futtermittel nicht ebenfalls ändern.“ Pflanzenöle wie Sojaöl, die essentiell für Biokraftstoffe sind, seien Nebenprodukte, die beim Anbau tierischer Futtermittel entstehen und dann für die Produktion von Biokraftstoffen verwendet werden. Bei einem Anbauverbot von Energiepflanzen stünden dann zwar wieder mehr Pflanzenöle zur Verfügung, der Großteil der Erträge würde aber weiterhin in die Fleischproduktion gehen: „Den Anbau schlicht zu verbieten, hätte keinen großen Effekt auf die menschliche Ernährungssicherung in Entwicklungsländern.“

Für eine gesicherte Welternährung hält Klepper vor allem die Reduzierung des Fleischkonsums und der Ackerflächen für den Futtermittelanbau für ausschlaggebend: „Um die Welternährung positiv zu beeinflussen, müsste man die Produktion der verschiedenen Agrarprodukte umstellen – beispielsweise von Soja auf direkt verwertbares Getreide. Das dauert allerdings Jahre.“ Auch Leitner hält den Einfluss der Biokraftstoffproduktion für weniger problematisch: „Die Nutzung von Biomasse im Energiesektor, das heißt Pflanzen zur Energiegewinnung, beeinflusst die Ernährungssituation eher auf lokaler Ebene und weniger weltweit.“ Global seien vor allem die allgemeine Verteilung von Nahrungsmitteln sowie der Verlust von Biomasse während der Lagerung entscheidende Faktoren.

Auch aus Klimaschutzgründen raten die Experten vom Anbauverbot für Energiepflanzen ab. „Wenn Kraftwerke oder ganze Industriezweige Biomasse einsetzen, dann verwenden sie keine fossilen Brennstoffe und leisten somit einen Beitrag zum Klimaschutz“, argumentiert Klepper. Leitner sieht das ähnlich, betont aber: „Der Klimaschutzbeitrag von Biomasse ist begrenzt, da nicht genug zur Verfügung steht, um vollumfänglich zu wirken. Biokraftstoffe leisten einen signifikanten Beitrag, um CO2-Emissionen in bestimmten Mobilitätsanwendungen zu reduzieren, sind aber keine universelle Lösung.“ Der Chemiker erklärt außerdem, dass Biokraftstoffe wichtig seien, um unabhängig von fossilen Energieträgern zu werden. „Für eine energetische Selbstversorgung sind die Flächen in Deutschland aber zu gering. Energie und Rohstoffe werden auch in Zukunft globale Güter sein und über nationale Grenzen hinaus gehandelt.“

„Biokraftstoffe zweiter Generation vermeiden eine Konkurrenz, indem man auf andere Quellen, wie Reststoffe aus der Forst- und Landwirtschaft, zurückgreift.“

Prof. Dr. Walter Leitner, Geschäftsführender Direktor der Abteilung Molekulare Katalyse am Max-Planck-Institut für Chemische Energiekonversion

Die Experten sind sich einig: Biokraftstoffe sind für die Energieversorgung der Zukunft von essenzieller Bedeutung der Anbau der benötigten Rohstoffe sollte jedoch nicht auf Kosten der Nahrungsmittelversorgung gehen. Sie sehen die Gefährdung der weltweiten Ernährungssicherung weniger im Biokraftstoff als vielmehr in anderen Faktoren, wie etwa dem Fleischkonsum. Auch wenn die Kraftstoffe nicht das primäre Problem seien, gäbe es technologische Anstrengungen, um einen Konflikt zwischen Biokraftstoffen und der menschlichen Ernährung aufzulösen: Biokraftstoffe zweiter Generation.

„Biokraftstoffe der ersten Generation, also konventioneller Art, beruhen auf Energiepflanzen, die speziell für diesen Zweck angebaut werden. Diese stehen zum Teil in Konkurrenz mit der menschlichen Versorgung. Biokraftstoffe zweiter Generation hingegen vermeiden diese Konkurrenz, indem man auf andere Quellen, wie Reststoffe aus der Forst- und Landwirtschaft, zurückgreift“, erklärt Leitner. „Diese Technologien haben einen hohen Reifegrad erreicht und sind unter bestimmten Gegebenheiten auch heute schon konkurrenzfähig. Darüber hinaus lassen sich auch Plastikabfälle und sogar Kohlendioxid mit sehr ähnlichen Prozessen wieder in Kraftstoffe umwandeln. Diese Konzepte stehen nicht in Konkurrenz zur menschlichen Versorgung, sondern sind sich ergänzende Ansätze mit dem gleichen Ziel: CO2 im Mobilitätssektor zu reduzieren.”

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