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Ernährungssicherung – Das war die Debatte

Eine Zusammenfassung

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Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, wie fragil das globale Ernährungssystem ist. Während in Deutschland lediglich die Lebensmittelpreise gestiegen sind, drohen in anderen Teilen der Welt drastische Hungersnöte, da es an lebenswichtigen Nahrungsmitteln fehlt.

Welche Maßnahmen wirken kurzfristig Hungersnöten entgegen? Dürfen Flächen, die für die menschliche Versorgung verwendet werden könnten, anderweitig verwendet werden? Und was kann jede*r Einzelne tun, um zu einer weltweiten Ernährungssicherung beizutragen? Antworten liefert der Artikel „Ernährungssicherung und Ernährungswende“. Warum sich diese Fragen ergeben, zeigt das Listicle: Aus der Ukraine und aus Russland stammen zwei Drittel des global verbrauchten Sonnenblumenöls und ein Viertel des Weizens.

Exportstopps seitens Russland und zerstörte Transportrouten aus der Ukraine beeinträchtigen Lebensmittellieferungen. Wenn diese Lieferungen fehlen, ist das problematisch. Der Artikel „Fragiler Handel in einer globalisierten Welt“ behandelt die Schwierigkeit, alternative Transportrouten zu erschließen. Im Gespräch mit Prof. Dr. Stephan von Cramon-Taubadel (Universität Göttingen) und Dr. Sören Köpke (Universität Kassel) zeigte sich, dass fehlenden Lieferungen vor allem Länder im Nahen Osten sowie Nord- und Ostafrika betreffen.

Die Versorgung in Deutschland ist allerdings nicht gefährdet. Das betonen Prof. Stephan von Cramon-Taubadel und PD Dr. Linde Götz (IAMO) im Artikel „Es drohen keine Knappheiten“. Trotzdem bleiben in Deutschland durch fehlende Lieferungen einige Supermarktregale leer und die Preise steigen leicht. In nahöstlichen und afrikanischen Ländern hingegen verstärken sich durch fehlende Nahrungsmittel lebensbedrohliche Hungersnöte. In dieser Krisenzeit sei vor allem humanitäre Hilfe nötig. 

Der Krieg und die damit einhergehende Inflation führen dazu, dass sich Menschen in diesen Ländern ganze Mahlzeiten nicht mehr leisten können, erklären Prof. Dr. Tobias Heidland (IfW) und Dr. Janine Pelikan (Johann Heinrich von Thünen-Institut) im Artikel „Millionen Menschen von Hunger bedroht“. Hungersnöte können zu Migrationsbewegungen führen. Prof. Dr. Tobias Heidland rechnet jedoch mit keiner großen Migrationsbewegung – vor allem deshalb, weil arme Menschen, die an Hunger litten, meist nicht die Mittel hätten, um international zu migrieren. Auch westliche Investoren tragen zu Hungersnöten bei, führt Prof. Dr. Kerstin Nolte (Universität Hannover, GIGA) aus: Durch sogenannten Landraub würden afrikanische Landwirt*innen enteignet und könnten sich somit nicht mehr selbst versorgen oder mit ihren Erträgen Geld verdienen.

Wie aber kann man das Agrar- und Ernährungssystem zukünftig krisenresistenter machen und die weltweite Ernährung sichern? Dafür gibt es unterschiedliche Ansätze. Als eine Option wird grüne Gentechnik gesehen. Sie kann Lebensmittel resistenter vor äußeren Einflüssen wie zum Beispiel Dürre machen und so zur globalen Ernährungssicherung beitragen. Prof. Dr. Frank Kempken (Universität Kiel) und Prof. Dr. Matin Qaim (Universität Bonn) sehen langfristig Potenzial in grüner Gentechnik, um Erträge zu steigern. Kurzfristig helfe sie in der akuten Situation jedoch nicht. Gerade weil die Ablehnung in der deutschen Bevölkerung und Politik nach wie vor groß sei, wie Gabi Waldhof (IAMO) zu bedenken gibt.

Im Interview erklärt Robert Hoffie (IPK), Mitbegründer der Initiative Progressive Agrarwende, warum Wissenschaftskommunikation im Bereich grüner Gentechnik wichtig ist: Es bedarf wissenschaftlicher Fakten, um einen konstruktiven Diskurs zu schaffen, bei dem Bürger*innen selbstbestimmt rationale Entscheidungen treffen können.

Klar ist: Das große Ganze muss sich ändern. Wie kann ein Agrarsystem aussehen, dass die Welternährung sicherstellt? Prof. Dr. Sonoko Dorothea Bellingrath-Kimura (ZALF) hält eine neue Zielsetzung in der Landwirtschaft für notwendig, um sowohl den Klimaschutz als auch die weltweite Ernährungssicherung zu integrieren: Wir müssen das Agrarsystem so gestalten, dass Nährstoffkreisläufe, Biodiversität sowie Grundwasser und der Boden selbst geschützt werden. Wir müssen finanzielle Anreize schaffen, um nicht nur hohe Erträge zu belohnen, sondern auch das Fördern von Biodiversität etwa durch vielfältiges Saatgut. So können fehlende Erträge eines bestimmten Produktes durch andere Ernten ausgeglichen werden. Digitale Tools in der Landwirtschaft können dabei helfen, die Prozesse einfacher zu organisieren.

Landwirtschaftliche Flächen sind knapp. Für die menschliche Versorgung wird ein Viertel der gesamten Agrarfläche in Deutschland genutzt. In diesem Zusammenhang wird auch der Ausbau des Ökolandbaus kontrovers diskutiert: Ist er die Basis einer guten Landwirtschaft oder Verschwendung wichtiger Flächen? Da beim Ökolandbau die gleiche Agrarfläche weniger Ertrag bringt als bei konventionellem Anbau, sieht Prof. Dr. Matin Qaim (Universität Bonn) Ökolandbau kritisch – nicht nur in Krisenzeiten. Prof. Dr. Gerold Rahmann (Johann Heinrich von Thünen-Institut) erklärt Ökolandbau hingegen als ganzheitliches Konzept, das funktionieren kann, wenn man auch die Transformation anderer Aspekte einschließt – zum Beispiel einen geringeren Fleischkonsum.

Wenn es um die Verwendung von knappen Agrarflächen geht, wird ebenfalls der Anbau von Energiepflanzen diskutiert. Diese werden genutzt, um Biokraftstoffe herzustellen. Sie können die Abhängigkeit von Energieimporten aus anderen Ländern reduzieren. Der sogenannte Tank-Teller-Konflikt – bereits seit Jahren diskutiert und aktuell besonders relevant. Prof. Dr. Gernot Klepper (IfW) und Prof. Dr. Walter Leitner (Max-Planck-Gesellschaft) sehen eine Gefährdung der Ernährungssicherung vielmehr im Fleischkonsum als im Anbau von Energiepflanzen. Biokraftstoffe zweiter Generation könnten den bestehenden Konflikt lösen, indem landwirtschaftliche Abfallprodukte verwendet werden. 

Wir müssen in Deutschland weniger Fleisch essen – da sind sich alle Expert*innen einig. In einem offenen Brief an die Bundesregierung fordern 20 Wissenschaftler*innen eine Transformation des Ernährungssystems. Dr. Dominic Lemken (Universität Göttingen), einer der Autoren, erklärt im Interview, dass wir nicht nur unsere Lebensmittel anders produzieren, sondern auch unseren Konsum ändern müssten. Außerdem seien Maßnahmen wie etwa eine Steuer auf CO2-Emissionen nicht nur einzeln umzusetzen, sondern immer mit anderen Maßnahmen zusammen, um umfänglich zu wirken. Warum es für die Ernährungssicherung wichtig ist, Lebensmittelabfälle und den Fleischkonsum zu reduzieren, erklärt Dr. Florian Freund (Johann Heinrich von Thünen-Institut), ebenfalls Autor des offenen Briefs, im Interview: „Wenn global gesehen die Tierproduktion um 10 Prozent abnehmen würde, würden etwa 57 Millionen Tonnen mehr Getreide und Hülsenfrüchten für die Ernährung von Menschen zur Verfügung stehen – das ist in etwa die Menge an jährlichen Exporten aus der Ukraine.“

Mehr zu den Auswirkungen unseres Fleischkonsums auf die Ernährungssicherung in anderen Ländern gibt’s im Video von Marina vom YouTube-Kanal „Evolutionary“.

Wie sieht es mit Passant*innen in Berlin aus? Haben sie die Auswirkungen des Kriegs in Bezug auf Lebensmittel überhaupt bemerkt? Und was denken sie, was jede*r Einzelne für eine weltweite Ernährungssicherung tun kann? Wir haben nachgefragt.

Fest steht: Das Agrarsystem muss sich ändern. Die Expert*innen sind sich einig, dass der Fleischkonsum reduziert werden muss, damit mehr Getreide für die Welternährung zur Verfügung steht. Eine kurzfristige Lösung bietet die humanitäre Hilfe. Um langfristig für eine weltweite Ernährungssicherung zu sorgen, steht jedoch eine Transformation des Ernährungssystems aus.

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