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„Die verschiedenen Ängste der Bevölkerung vor Überfremdung amalgamieren mit der Angst vor Terrorismus.“

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Rafael Behr

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„Flüchtling sein ist ebenso wenig ein Persönlichkeitsmerkmal wie kriminell sein.“

Sind Flüchtlinge in Bezug auf Kriminalität auffällig?

Es kommt wohl auf die Sichtweise an. Mehrheitlich geht man in der heutigen Kriminologie nicht mehr davon aus, dass kriminelles Verhalten ein unveränderbares Merkmal von Personen ist, vielmehr wird man kriminell in bestimmten Situationen. Wir müssen uns also von einer festen Verbindung der Tat mit einer Persönlichkeit lösen, um das Phänomen ‚Kriminalität‘ zu erklären. Flüchtling sein ist ebenso wenig ein Persönlichkeitsmerkmal wie kriminell sein. Kriminalität ist also kein Problem der Flüchtlinge, aber es können die Fluchtumstände zu Verhalten führen, das wir „kriminell“ nennen. Nicht der Fremde ist per se Täter, sondern Fremdheit kann Kriminalität begünstigen und manchmal auch erfordern. Wenn die Bedingungen für eine Handlung günstig oder notwendig sind, dann handelt man. Das gilt für abweichendes Verhalten genauso wie für ein Aktiengeschäft oder eine Liebesbeziehung.

Was bedeutet das konkret?

Wie bei allen Menschen in der Bevölkerung, gibt es unter den Flüchtlingen diejenigen, die nie kriminell werden und welche, die kriminell sind oder werden. Die Empörung, dass Flüchtlinge Straftaten begehen, wundert mich als Kriminologe schon etwas! Es ist völlig absurd zu denken, dass eine Million Menschen zu uns kommen und niemand davon hier etwas Abweichendes tut. Hinter diesem Irrglauben steckt auch eine gewisse Vorstellung der Reinheit. Ein Opfer muss grundsätzlich unschuldig sein und der Täter muss böse sein. Übertragen auf Flüchtlinge heißt das: Flüchtlinge müssen dankbar sein, sie müssen unsere Hilfe annehmen und integrationswillig sein. Und sie dürfen nichts Störendes tun. Sobald ein Flüchtling aber dagegen verstößt, ballt sich der Unmut und man verdächtigt ihn, dass er uns absichtlich schaden will. In Wirklichkeit bedient er nur nicht unsere Erwartungshaltung oder er bestätigt unser Misstrauen und unsere Ressentiments.

„Die Angst, dass es unter den Flüchtlingen auch Schläfer und IS-Terroristen gibt, wird politisch geschürt, aber sie hat keine reale Basis.“

Lässt sich so auch die Gewalt gegenüber Flüchtlinge erklären?

Die Gewalt gegen Flüchtlinge ist eine sehr gefährliche Entwicklung einer sich zu einem regelrechten Hass entwickelnden Angst vor Fremdheit. Wir nennen es Xenophobie, also die Angst vor Fremden, die umschlägt in gewalttätige Aktionen, die klammheimlich von vielen Menschen befürwortet werden. Pogrome gegen Flüchtlinge hatten wir schon in den 90er Jahren verstärkt und dort gab es im Übrigen kein Zusammenhang mit islamischen Terrorismus, sondern es war bloße Fremdenfeindlichkeit. Und es fällt auf, dass die Täter nicht immer nur aus der rechtsradikalen Szene kommen, sondern oftmals auch völlig unauffällig aus der Mitte der Gesellschaft. Oftmals sehen sich die einzelnen Täter veranlasst, als Organ einer schweigenden Masse aus einem pervertierten Verständnis von Zivilcourage etwas zu tun. Fatalerweise steigen die Zahlen solcher Gewaltverbrechen wirklich dramatisch. Und das ist besorgniserregend. Die Kriminalitätskurve unter den Flüchtlingen liegt hingegen bekanntlich deutlich unter der Normalverteilung.

Und wie berechtigt ist die Sorge, dass unter den Flüchtlingen auch Terroristen sein könnten? 

Die Angst, dass es unter den Flüchtlingen auch Schläfer und IS-Terroristen gibt, wird politisch geschürt, aber sie hat keine reale Basis. Natürlich müssen die Sicherheitsbehörden davon ausgehen, dass unter den Flüchtlingen einige Menschen sind, die Terroristen sind oder werden könnten, aber das ist sicher keine Größenordnung, die es verständlich machen würde, dass Flüchtlingsheime angezündet werden. Die verschiedenen Ängste der Bevölkerung vor Überfremdung und Wegnahme von Privilegien amalgamieren momentan mit der Angst vor Terrorismus. Psychoanalytisch betrachtet halte ich es für eine Konfliktverschiebung bzw. eine Rationalisierung, denn mit der generellen Gefahr von Terrorismus gibt es nun eine berechtigte Sorge, während Flüchtlinge für die Bevölkerung keine tatsächliche Bedrohung darstellen. Hier bekommen tiefsitzende Ängste und Aggressionen einen scheinbar vernünftigen Mantel umgehängt, aber im Kern geht es nicht um Terrorismus, sondern um Verlustängste.

Zu Person

Prof. Dr. Rafael Behr ist Professor für Polizeiwissenschaften mit den Schwerpunkten Kriminologie und Soziologie an der Akademie der Polizei Hamburg. Darüber hinaus leitet er die Forschungsstelle Kultur und Sicherheit, die sich unter anderem mit Themen der Organisationskultur, Devianzforschung, empirischer Polizeiforschung und ethnographischer Kulturforschung beschäftigt.

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