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„Dort, wo mehr Polizei präsent ist, wird das Sicherheitsgefühl der Bürger nicht besser“

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Thomas Feltes

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„Insgesamt würde ich behaupten, dass wir kriminologisch gesehen keinen Kriminalitätsanstieg haben, der auf das Merkmal „Flüchtling“ zurückgeführt werden kann.“

Lässt sich sagen, ob Flüchtlinge krimineller als Deutsche sind?

Die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) unterscheidet nur zwischen Deutschen und Nicht-Deutschen; Flüchtlinge werden ebenso wie Migranten nicht gesondert ausgewiesen. Der in der PKS ersichtliche Anstieg der Kriminalität um rund 48% im vergangenen Jahr ist sicher auch durch Flüchtlinge bedingt gewesen, aber hier muss man sehr genau hinsehen. Dann erkennt man, dass der Anstieg sich auf 13% reduziert, wenn man Straftaten ohne die Verstöße gegen das Aufenthalts-, das Asylverfahrens- und das Freizügigkeitsgesetz zugrunde legt. Die letztgenannten Taten können aus verschiedenen Gründen in einen Vergleich gerade nicht einbezogen werden. Hinzu kommt, dass unter den Flüchtlingen ein hoher Anteil von jungen Männern ist. Diese Gruppe hat generell eine deutlich höhere Kriminalitätsbelastung, auch bei Deutschen. Insgesamt also würde ich behaupten, dass wir kriminologisch gesehen keinen Kriminalitätsanstieg haben, der auf das Merkmal „Flüchtling“ zurückgeführt werden kann.

Sind die Sorgen wegen einer gesteigerten Kriminalität also unbegründet?

Es wird vom rechten Rand unserer Gesellschaft permanent die Angst vor dem und den „Fremden“ geschürt, und diese Angst war und ist immer vorhanden. Auch dort, wo ich mich generell fremd und unsicher fühle, habe ich mehr Angst, als in den eigenen vier Wänden. Eine aktuelle Bochumer Befragung zeigt, dass sich die Menschen zuhause und in der unmittelbaren Umgebung relativ sicher fühlen, obwohl dort das Risiko, Opfer zu werden, am größten ist.

„Das subjektive Sicherheitsgefühl erhöht sich dann, wenn man sich in seinem Umfeld geborgen fühlt. Und dafür ist die Polizei nicht zuständig.“

Ließe sich durch mehr Polizei – wie es aktuell einige Politiker fordern – die Sicherheit erhöhen?

15.000 angekündigte neue Polizisten ständen frühestens in 3-5 Jahren zur Verfügung – wenn man sie auf dem Arbeitsmarkt überhaupt bekommt. Die Polizei hat zunehmend Schwierigkeiten, Nachwuchs zu rekrutieren. Zudem würden 15.000 neue Stellen, wenn man sie auf das Bundesgebiet verteilt, keine große Veränderung bedeuten. Für eine Stadt wie Bochum mit 360.000 Einwohnern stünden dann rund 65 zusätzliche Planstellen zur Verfügung. Um einen einzigen Polizisten mehr auf die Straße zu bringen, braucht man aber (bedingt durch Schichtdienst, Krankheit, Abordnungen etc.) rund 10 Planstellen. Es blieben also am Ende weniger als sieben Polizeibeamte für Bochum übrig, die zu einer bestimmten Zeit verfügbar wären. Den Unterschied merkt niemand.

Aber könnte nicht das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung verbessert werden mit dem Wissen, dass mehr Polizei im Einsatz ist?

Diese Annahme ist nicht nur aufgrund der Berechnung oben problematisch, sondern auch deshalb, weil dort, wo mehr Polizei präsent ist, das Sicherheitsgefühl der Bürger nicht unbedingt besser wird. Bürger verbinden eine hohe Polizeipräsenz mit der Annahme, dass es dort möglicherweise Kriminalitätsprobleme gibt und beginnen, sich Sorgen zu machen. Es tritt also ggf. ein gegenteiliger Effekt ein. Das subjektive Sicherheitsgefühl erhöht sich dann, wenn man sich in seinem Umfeld geborgen fühlt. Und dafür ist die Polizei nicht zuständig. Politisch wird durch das Stichwort „mehr Polizei“ vor allem vermittelt: Wir tun was. Der Vorstoß ist also reine Symbolpolitik. Was man tatsächlich bräuchte, wäre eine effektiver aufgestellte Polizei, die vor allem in kriminalitätsträchtigen Zeiten präsent ist. Dann kann man in bestimmten Bereichen (z.B. bei der Kriminalpolizei) auch über mehr Beamte nachdenken.

Zur Person

Der Jurist und Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Thomas Feltes ist Inhaber des Lehrstuhls für Kriminologie, Kriminalistik und Polizeiwissenschaft an der juristischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum.

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1 Kommentare

  • Istvan Jakab

    21.08.2017, 16:43 Uhr

    Ja, hartnäckige Leugnung der Kriminalität die aus der Migration erwächst – so tritt uns der Versuch entgegen, die Zuwanderung zu beschönigen und die Probleme mit pseudowissenschaftlicher Autorität wegzureden. Genauso verhält es sich auch mit dem Thema der migrationsbezogenen finanziellen Belastung zukünftiger Generationen, auch hier werden die tatsächlichen Kosten angstvoll kleingeredet.
    Die Erfahrung ständiger Beschönigung zerstört das Vertrauen in die Sozialwissenschaften und auch in die Politik!

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