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Über die Arbeit am BAMF-Forschungszentrum

Ein Gespräch mit Dr. Axel Kreienbrink

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Was ist die Aufgabe des BAMF-Forschungszentrums und was sind Schwerpunkte in der Forschung?

Das BAMF-Forschungszentrum hat den gesetzlichen Auftrag, Informationen zu liefern, die für die Steuerung von Migration und Integration dienlich sind. Es betreibt damit angewandte Forschung, mit dem Ziel, die Fragen, die aus der Politik kommen, möglichst gut zu beantworten. So erstellt es jährlich den Migrationsbericht, der alle relevanten Migrationsdaten in Deutschland erfasst. Dazu veröffentlicht es eine Vielzahl an Working Papers, Forschungsberichten und Kurzanalysen. In den letzten Jahren haben Fragen rund um das Thema Flüchtlinge, Flüchtlingsmigration und Flüchtlingsintegration einen immer größeren Raum eingenommen. Schon 2013 wurde begonnen das Thema in den Blick zu nehmen, als die Flüchtlingszahlen – wenn auch auf kleinerer Basis – deutlich anstiegen. Momentan sind wir gemeinsam mit dem Kollegen des IAB und des DIW gerade mittendrin die sog. IAB-BAMF-SOEP-Flüchtlingsstichprobe auszuwerten, womit wir uns Aufschluss über die Lebenssituation der Flüchtlinge erhoffen. (Zu Fragen und Erwartungen der Studie hat Prof. Dr. Herbert Brücker im Debattencheck ein Interview gegeben) Neben der Politikberatung trägt das BAMF-Forschungszentrum also auch zu einer Versachlichung der öffentlichen Diskussion bei.

Was sind positive und negative Effekte von Migration?

Migration findet vor dem Hintergrund der Regeln statt, die die Staaten für den zwischenstaatlichen Austausch gesetzt haben. Die legale Migration – sprich: Arbeitsmigration, Studentenmigration, etc. – geschieht international und trägt zur Wertschöpfung bei. Auch auf der Mikroebene trägt Migration im allgemeinen Sinne zum persönlichen Wohlfahrtsgewinn bei. Ein klassischer positiver Aspekt der Migration sind die Rücküberweisungen, die für die Wirtschaftskreisläufe in den Herkunftsländern oft wichtig sind. Aber nicht nur finanzielle, sondern auch soziale Transfers sind wichtig, weil Kenntnisse, Fertigkeiten und Wissen übertragen werden. Gleichzeitig gibt es auch negative Aspekte, wie beispielsweise der sog. „Brain Drain“ – also die Abwanderung von gut ausgebildeten Menschen aus den Herkunftsländern. Insgesamt ist aber jede Migration für sich in der Bewertung sehr komplex, weil sie oftmals keine einseitige Bewegung, sondern vielmehr einen Prozess über einen längeren Zeitraum darstellt und unterschiedliche Effekte mit sich bringt.

Welche Gebiete sind besonders im Fokus für zukünftige starke Migrationsbewegungen?

Aus unserer europäischen Sicht sind das zwei Regionen. Dies ist zum einen der sog. „Krisenbogen“, der sich von Ostafrika über Ägypten, Palästina, Syrien, bis Afghanistan und Pakistan erstreckt. Der zweite Bereich mit großem Migrationspotential ist das subsaharische Afrika aufgrund der politischen, ökonomischen und ökologischen Situation. Man darf aber nicht vergessen, dass Migration ganz überwiegend intraregional stattfindet.

Welche Bedeutung haben Umwelt- und Klimaveränderungen für Migration und Flucht?

Durch den Klimawandel besteht das Potential, dass sich ganze Regionen verändern. Daher wird auch in der Wissenschaft davon ausgegangen, dass Umwelt- und Klimaveränderungen zukünftig Potential für Migrationsbewegungen haben werden. Allerdings ist noch viel Forschung notwendig, um die tatsächlichen Wirkzusammenhänge zwischen Umwelt- und Klimaveränderungen und Migration präziser beschreiben zu können. Sicherlich gibt es keinen monokausalen Zusammenhang zwischen Klimawandel und Migration.

Ist die Definition von Flüchtlingen nach den Genfer Konventionen noch zeitgemäß?

Die Genfer Flüchtlingskonvention ist kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden und hat deshalb eine andere Perspektive. Deswegen gibt es Stimmen, die sagen, die Konvention sei nicht mehr zeitgemäß und neue Fluchtgründe – beispielsweise Umwelt- und Klimagründe – müssten in die Konvention einbezogen werden. Es gibt allerdings deutlich mehr Stimmen, die eindringlich davor warnen die Inhalte der Konvention neu zu verhandeln. Denn dabei bestünde das Risiko, dass auch andere Aspekte neu verhandelt werden würden und dadurch der Umfang des Schutzes für Flüchtlinge im Ergebnis schmaler würde. In Bezug auf Umwelt- und Klimamigranten gibt es aber auf internationaler Ebene in Wissenschaft und Politik Bemühungen, sich mit einem möglichen Schutzstatus für sie auseinanderzusetzen.

Welche Routen wählen Flüchtlinge nach Europa und wovon hängen diese ab?

Wenn man in die jüngere Migrationsgeschichte schaut, sieht man, dass zu unterschiedlichen Zeiten jeweils verschiedene Wege nach Europa besonders stark frequentiert waren. So waren die Westmittelmeerroute über Ceuta und Mellila und die westafrikanische Route auf die Kanaren im vergangenen Jahrzehnt die bevorzugten Fluchtrouten. In den letzten Jahren sind insbesondere die zentralmediterrane Route und der Weg über die Ägäis die Hauptwege. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass sich ganz neue Routen bilden. Denn die EU-Außengrenze ist wie ein System kommunizierender Röhren: Wenn ein Zugang verschlossen wird, liegt es in der Natur der Sache, dass andere Wege gesucht werden. Wo dies verstärkt in Zukunft sein wird, lässt sich aber nicht vorhersagen.

Mit welchen Prognosen arbeitet das BAMF und worauf beruhen die Zahlen von Hochrechnungen?

Auch wenn es die Wissenschaft und insbesondere die Politik erfreuen würde, gibt es gegenwärtig kein Tool, auf dessen Basis man präzise Migration prognostizieren könnte. Solche Berechnungen kann niemand solide und valide machen. Auch auf kurze Zeiträume ist eine Berechnung häufig nur eine Extrapolation dessen, was gerade in Bewegung ist, ergänzt um Informationen über die Lage in den Herkunfts- und Transitregionen. Darauf richtet man sich ungefähr ein. Daher erstellt das BAMF-Forschungszentrum auch keine Prognosen. Auch wenn man nicht vorhersehen kann, wie sich die Migration in den nächsten Jahren entwickelt, zeigt der Blick in die Geschichte, dass Migrationsbewegungen wellenförmig verlaufen und manchmal hohe, manchmal niedrige Ausprägungen haben. Wann und in welcher Reihenfolge diese Ausprägungen kommen, kann aber aufgrund der verschiedensten Ursachen von Migration niemand vorhersagen.

Wie wichtig sind wissenschaftliche Fakten in der aktuellen Debatte um Flucht und Migration?

Wissenschaftliche Fakten sind wichtig für Entscheidungsträger auf allen Ebenen für eine gute Planung. Momentan kann man beobachten, dass Fakten und Expertenwissen von einem Teil des Diskurses in der Öffentlichkeit immer weniger beachtet und wertgeschätzt werden. Während empirische Erkenntnisse abgetan werden, wird stattdessen auf Basis von Überzeugungen und Gefühlen argumentiert. In diesem Kontext ist es für alle, die daran interessiert sind, möglichst evidenzbasiert etwas zur Diskussion beizutragen, ein schwieriges Umfeld. Das gilt allerdings für viele Bereiche in der Wissenschaft.

 

Zur Person

Dr. Axel Kreienbrink leitet das Forschungsfeld „Weltweite und irreguläre Migration, Islam, Demographie, Forschungstransfer“ am Forschungszentrum des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Das Forschungszentrum des BAMF sammelt und erforscht Informationen über Migration in Deutschland und weltweit.

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