Arbeit als wichtiger Schritt zur Integration?

Konjunktur oder Konkurrenz?

Flüchtlinge in der Schule und auf dem Arbeitsmarkt

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Lösung für den Fachkräftemangel, Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt oder Integrationshindernis in Schule und Wirtschaft – so kontrovers wird das Bildungsniveau der Geflüchteten derzeit diskutiert. Was ist aber nun der Bildungsstand der Flüchtlinge? Welche Konsequenz hat der Zuzug für den Schulunterricht, die Hochschulen und die Situation auf dem Arbeitsmarkt? Und was bedeuten eine Million Flüchtlinge für die deutsche Wirtschaft? 

„Die Flüchtlingszuwanderung ist wie ein kleines Konjunkturpaket“

(Prof. Dr. Oliver Holtemöller)

Um ein großes Vorurteil vorwegzunehmen: Die wirtschaftliche Situation in Deutschland hat sich durch die Aufnahme der Flüchtlinge nicht verschlechtert. Im Gegenteil: Laut Makroökonom Prof. Dr. Oliver Holtemöller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle wurde durch die Flüchtlingsmigration sogar eine Mehrbeschäftigung in einigen Bereichen erreicht. „Letztendlich ist die Flüchtlingszuwanderung so etwas wie ein kleines Konjunkturprogramm“, so Holtemöller, denn „dadurch wurde eine ganze Reihe an Ausgaben gemacht, die es sonst nicht gegeben hätte“. Das schlägt sich im Bruttoinlandsprodukt (BIP), dem Gradmesser für die Wirtschaftskraft einer Volkswirtschaft, nieder. Hier seien etwa ein Viertel des Anstiegs 2015 allein auf die Flüchtlinge zurückzuführen.

„Da der Arbeitsmarkt zurzeit boomt, wäre es auch volkswirtschaftlich der richtige Zeitpunkt die Hemmnisse für den Einstieg weiter abzubauen“ sagt der Volkswirt und Bildungsökonom Prof. Dr. Ludger Wößmann vom ifo Institut – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München. Gerade auch, um Flüchtlinge möglichst gut in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

„Der große Anteil von jungen Flüchtlingen nährt die Hoffnung, die Bildungsrückstände mit Qualifizierungsmaßnahmen zu beheben, aber bei vielen müssen zunächst noch die Grundlagen gelegt werden.“

(Prof. Dr. Ludger Wößmann)

Denn ersten vorsichtigen Schätzungen zufolge haben etwa nur 10% der ankommenden Flüchtlingen einen Hochschulabschluss und zwei Drittel haben vermutlich keinen berufsqualifizierenden Abschluss (in Deutschland haben 18% der Personen ohne Migrationshintergrund einen Hochschulabschluss und nur 14% gar keinen berufsqualifizierenden Abschluss). Ludger Wößmann schlägt daher vor, teilqualifizierende Ausbildungen mit kurzen Laufzeiten anzubieten, in denen der Anteil der praktischen Arbeit im Betrieb sehr hoch ist. So würden die Menschen nicht nur über die Beschäftigung besser integriert werden, sondern auch der Spracherwerb würde ggf. auch leichter fallen. Auch bei der Vergleichbarkeit von Bildungswegen und -abschlüssen plädiert Ludger Wößmann dafür, „noch stärker auf die Fakten zu schauen, um realistische Integrationsmaßnahmen entwickeln zu können“. In seiner Forschung hat er die Ergebnisse der PISA-Studie mit den Ergebnissen der TIMSS-Studie verglichen. Beide geben Auskunft über die allgemeinen mathematischen und naturwissenschaftlichen Grundkenntnisse in den verschiedenen Ländern. Die Erkenntnis: Das Bildungsniveau eines syrischen Schülers liegt deutlich unter dem eines gleichaltrigen deutschen Schülers.

Darum müsse man jetzt in die jungen Flüchtlinge investieren und versuchen, über Qualifikationsmaßnahmen die Bildungsrückstände zu beheben, um die Chancen für eine erfolgreiche Integration zu verbessern. Mit nachhaltiger Wirkung: „Gelingt uns die erfolgreiche Bildungsinvestition für die Kinder und Jugendlichen, werden sie später erfolgreich am Arbeitsmarkt sein und so auch zum Gewinn für das Sozialsystem werden.”(Ludger Wößmann)

„Man darf nicht vergessen, dass viele der Kinder und Jugendliche um das eigene Überleben kämpfen mussten – während sie hier in der Schule wieder wie ein Kind behandelt werden“

(Prof. Dr. Dominique Rauch)

Das Bildungssystem und die Schulen stehen dabei vor konkreten Herausforderungen: Sie müssen den Spagat zwischen Sprachförderung, Integration und Lehrplan meistern. Und gerade die zunehmende Heterogenität in den Klassen erfordert ein besonderes Feingespür bei den Lehrenden: „Man darf nicht vergessen, dass viele der Kinder und Jugendliche eine recht lange Fluchtphase hinter sich haben, in der sie nicht unterrichtet wurden und währenddessen oft auch um das eigene Überleben kämpfen mussten, während sie hier in der Schule wieder wie ein Kind behandelt werden“, so Prof. Dr. Dominique Rauch, die am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung zur Rolle von Sprache und Bildung forscht. So ist zwar die schulische Integration wichtig, um langfristig die Integration in die deutsche Gesellschaft zu ermöglichen, „gleichzeitig braucht es aber auch den Raum das Erlebte zu verarbeiten” (Dominique Rauch).

 

Während viele Flüchtlinge sich derzeit in Sprachkursen auf einen Jobeinstieg vorbereiten, sind einige wenige bereits auf dem Arbeitsmarkt angekommen. Oliver Holtemöller rechnet damit, dass, selbst wenn alle 1 Millionen Asylanträge bearbeitet worden sind, „man auf weniger als 300.000 Personen in den Jahren 2016 und 2017 kommt, die zusätzlich auf dem Arbeitsmarkt verfügbar sein werden”. Das läge noch unter der Zahl, um den in Deutschland natürlichen demografisch bedingten langfristigen Rückgang der Erwerbspersonen auszugleichen.

Die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt wäre also nicht nur wichtig, sondern auch notwendig. Allerdings plädiert Oliver Holtemöller dafür, die Aufnahme von Flüchtlingen aus humanitären Gründen nicht mit dem Bedarf nach Fachkräften zu vermischen. Während Letzteres eine koordinierte Einwanderungspolitik nach den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts verlangen würde, geht es bei der Flüchtlingsmigration einzig darum, „uns als Gesellschaft so aufzustellen, dass wir flüchtenden Menschen helfen – unabhängig davon, wie die zu uns kommenden Menschen dem Arbeitsmarkt helfen“ (Oliver Holtemöller).

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