Mehr als jeder zehnte in Deutschland hat sich bislang in der Flüchtlingshilfe engagiert. (Foto: Volkshilfe Oberösterreich, 2015, CC-BY-SA 4.0)

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Die Rolle der Freiwilligen in der Geflüchtetendiskussion und die Kultur der Solidarität

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„Wir schaffen das!“, sagte Angela Merkel angesichts der vielen nach Deutschland kommenden Geflüchteten im vergangenen Jahr. Viele Menschen haben sich davon inspirieren lassen, haben mit angepackt und tatkräftig geholfen. Wie hat sich diese Hilfsbereitschaft inzwischen entwickelt? In welchen Bereichen ist die Hilfe besonders wichtig? Wie unterstützen Politik und Kommunen?

Allem subjektiven Empfinden zum Trotz: Die Hilfsbereitschaft der deutschen Bevölkerung gegenüber Geflüchteten ist ungebrochen und – mehr noch – innerhalb des letzten Jahres sogar gestiegen. Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse einer Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland. Für die Studie wurden zu verschiedenen Zeitpunkten Befragungen durchgeführt, um zu erfahren, wie die Grundhaltung und die Perspektive zur Willkommenskultur und zur Aufnahme von Geflüchteten ist. Konkret nach dem Engagement jedes Einzelnen gefragt, gaben im Mai 2016 11,9 Prozent aller Befragten an, sich für Geflüchtete zu engagieren. Das sind mehr als neun Millionen Menschen.

„Das Engagement ist über die Zeit erkennbar gestiegen“

(Petra-Angela Ahrens)

Die Hilfsmöglichkeiten sind dabei vielfältig: Sach- oder Geldspenden, Kleider- und Lebensmittelausgabe, Sprachunterricht und Dolmetschen, Mitarbeit in einer Unterkunft, Begleitung bei Behördengängen, Kinderbetreuung oder die Aufnahme eines Geflüchteten bei sich zuhause. Und, wie die Autorin der Studie Petra-Angela Ahrens sagt, „viele derjenigen, die Sach- oder Geldspenden leisten, bringen sich auch in weitere Felder ein.“ Zählt man die reinen Sach- und Geldspender nicht mit, unterstützten im Mai 8,7 Prozent der Befragten aktiv die Geflüchteten. Bei vielen Engagierten geht die Hilfe also deutlich über das Spenden von Sachleistungen oder Geld hinaus. So haben im November 2015 etwa 140.000 Menschen Geflüchtete bei sich zuhause aufgenommen und auch die Bereitschaft zur Kinderbetreuung, Sprachunterricht und Behördengängen ist überall sehr hoch.
Vergleicht man die Zahlen aus dem Mai 2016 mit den Zahlen aus dem November 2015 (10,8% der Befragten gaben damals an sich zu beteiligen), wird deutlich: „Das Engagement ist über die Zeit erkennbar gestiegen“ (Petra-Angela Ahrens). Während also die mediale Aufmerksamkeit für die Initiativen und an dem freiwilligen Engagement deutlich nachgelassen hat (in unserem Artikel zur Medienanalyse haben wir uns damit genauer beschäftigt) und es allgemein „sehr wenig Berichterstattung über die Arbeit der Initiativen gibt“, wie Dr. Ulrike Hamann vom Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) sagt, „ist der positive Trend beim Engagement beeindruckend“ (Petra-Angela Ahrens).

„Eine zentrale Form der Unterstützung ist für viele Initiativen die Anerkennung und Wertschätzung ihrer Arbeit.“

(Dr. Ulrike Hamann)

Und die Unterstützung für Geflüchtete findet nicht nur statt, sondern hat auch einen starken positiven Effekt: „Einige Initiativen sind und waren sogar in der Lage, die Stimmung in ihrer unmittelbaren Umgebung zu verändern“, sagt Ulrike Hamann. Sie ist Autorin der Studie „Koordinationsmodelle und Herausforderungen ehrenamtlicher Flüchtlingshilfe in den Kommunen“, die von der Bertelsmann-Stiftung herausgegeben wurde. In der Studie wurde untersucht, wie die Strukturen der Kommunen bei der Unterstützung von Initiativen für Geflüchtete sind und wie die Zusammenarbeit zwischen Initiativen und Kommunen stattfand. Auch wenn viele Initiativen eher spontan gegründet wurden, ist es erstaunlich zu beobachten, dass „die Initiativen überwiegend sehr gut organisiert sind, sich institutionalisieren und sich sehr arbeitsfähige Strukturen herausgebildet haben“ (Ulrike Hamann). In der Studie wird auch deutlich, dass „eine zentrale Form der Unterstützung für viele Initiativen die Anerkennung und Wertschätzung ihrer Arbeit ist“, stellt Ulrike Hamann fest. Auch wenn die Zusammenarbeit nicht überall gleich abläuft und es sogar große Unterschiede gibt – einige Initiativen sind mit der Kommune stark vernetzt, bei anderen ist die Unterstützung noch sehr gering.

„Wir sehen ganz deutlich, dass die positiven Erfahrungen die negativen Erfahrungen um ein Mehrfaches übersteigen.“

(Petra-Angela Ahrens)

Neben den vielen positiven Aspekten darf aber auch nicht vergessen werden, dass es „viele Sorgen in der Bevölkerung gibt, was Veränderungen in unserer Gesellschaft durch die Aufnahme anbelangt“ (Petra-Angela Ahrens). Aber: Die individuellen Kontakte mit Geflüchteten tragen ganz erheblich zu einer zuversichtlicheren Perspektive bei. Inzwischen haben knapp zwei Drittel der Bevölkerung Kontakt mit Geflüchteten gehabt – auch das hat die Studie von Petra-Angela Ahrens ergeben. Sie stellt dazu fest: „Wir sehen ganz deutlich, dass dabei die positiven Erfahrungen die negativen Erfahrungen um ein Mehrfaches übersteigen.“ Und zwar in der gesamten Bundesrepublik, wobei sich in letzter Zeit im östlichen Deutschland besonders eine positive Entwicklung abzeichnet. So ist es wichtig, in der Diskussion stets beide Aspekte zu betonen: Die Skepsis und die Sorgen, sowie die Hilfsbereitschaft und die positiven Entwicklungen, die gesehen werden. Und: Beides ist nicht statisch, sondern insbesondere der persönliche Kontakt mit Geflüchteten kann viel verändern.

„Auch die Kultur der Solidarität gehört zu diesem Land.“
(Dr. Ulrike Hamann)

Ob das Engagement aller Freiwilligen auch unsere gesellschaftliche Perspektive verändern kann, wird sich noch herausstellen. Denn ob sich eine echte Willkommenskultur in der gesamten Gesellschaft durchsetzt, hängt von Faktoren auf ganz unterschiedlichen Ebenen ab: Von der individuellen Ebene mit der Einstellung gegenüber Geflüchteten, von der zwischenmenschlichen Ebene bei dem Austausch auf Augenhöhe mit Geflüchteten und schließlich von der institutionellen Ebene und dem Bemühen von staatlicher Seite. Ein neues Phänomen ist auf jeden Fall, so Ulrike Hamann, dass „die Unterstützung der Initiativen breit verankert ist und über die politischen Grenzen hinweg funktioniert“. Die Hilfsbereitschaft, wie wir sie in Deutschland seit dem vergangenen Jahr erleben, so Ulrike Hamann, ist ein klares Zeichen, dass „trotz des zunehmenden Rassismus auch die Kultur der Solidarität zu diesem Land gehört“.

Update 5. Mai 2017

Die Studie „Skepsis und Zuversicht. Wie blickt Deutschland auf Flüchtlinge?“ vom Sozialwissenschaftlichen Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland ist am 8. Februar 2017 erschienen. Die Studie ist hier zum Download (PDF).

Position: Petra-Angela Ahrens

Die Sorgen der Bevölkerung sind nach wie vor groß. Gleichzeitig gibt es überwiegend positive Erfahrungen im eigenen Umgang mit Geflüchteten. Dies sind aber keine Gegensätze. Das eine ist die Ebene individueller Erfahrungen und das andere betrifft befürchtete Veränderungen in der Gesellschaft.

 

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