„Der zivile Aspekt ist ein ganz wichtiger Teil von Friedenseinsätzen”

Foto: Fotostudio Charlottenburg

Ein Gespräch mit Dr. Annika Hansen

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Was macht das Zentrum für Internationale Friedenseinsätze (ZIF) und warum ist diese Arbeit wichtig?

Das ZIF schickt zivile Experten in Friedenseinsätze und betreut sie von Anfang bis Ende – von der Auswahl und Rekrutierung über die Einsatzvorbereitung bis hin zur Analyse solcher Einsätze. Heutige Friedenseinsätze haben meist einen integrierten Ansatz: EU-Einsätze trennen in der Regel Missionen zum Training von Militär von zivilen Einsätzen; UN-Einsätze bestehen oft aus Militär, Polizei und zivilen Elementen. Dabei schaffen militärische Kräfte ein stabiles Umfeld, in dem ein politischer Prozess und eine Friedensverhandlung erst stattfinden und Friedensabkommen umgesetzt werden können. Der zivile Aspekt ist ein ganz wichtiger Teil von Friedenseinsätzen, denn unmittelbar nach einem bewaffneten Konflikt fällt es dem Staat oft schwer, öffentliche Güter wie funktionierende Wahlen, ein Gerichtswesen oder Bildungseinrichtungen für seine Bürger bereitzustellen. Unsere zivilen Experten unterstützen dabei, das Verhältnis zwischen Staat und Bürger auf eine solide Grundlage zu stellen und ein funktionierendes Rechtsstaatssystem zu etablieren. Beispielsweise entsenden wir Richter oder Juristen, die in einer Mission arbeiten und dort als Ratgeber von außen diese Prozesse in Gang bringen. Nur so ist ein wirklicher Friedensprozess und dauerhafter Frieden möglich.

„Zivilgesellschaftliche Akteure können zum Beispiel durch nationale Dialogprozesse mobilisiert werden und als Katalysator von Friedensprozessen dienen.”

Welche Rolle spielt die örtliche Zivilgesellschaft für die Sicherung von Frieden und die Prävention von bewaffneten Konflikten?

In einem Konfliktgebiet helfen örtliche, zivilgesellschaftliche Akteure dabei, die Sicherheitsbedürfnisse und subjektiven Wahrnehmungen der Bevölkerung zu verstehen und sie zu artikulieren. Durch ihre Bürgernähe können sie realisierbare Lösungsansätze entwickeln und in politische Entscheidungsprozesse der Übergangsregierung einbringen. Zudem übernehmen sie eine wichtige Aufsichtsfunktion über Sicherheitskräfte, wenn es um Rechtsstaatlichkeit, Polizeireformen und andere Fragen des Sicherheitssektors geht. So können zivilgesellschaftliche Akteure zum Beispiel durch nationale Dialogprozesse mobilisiert werden und als Katalysator von Friedensprozessen dienen.

Sie waren selbst als zivile Expertin im Einsatz. Wo waren Sie und was konnten Sie dort für den Frieden bewirken?

In Bosnien-Herzegowina habe ich von 2002 bis 2003 als politische Beraterin gearbeitet: In der polizeilich ausgerichteten Mission habe ich mit verschiedenen Polizeikräften in Bosnien zusammengearbeitet, um das Dayton-Abkommen (Friedensvertrag zur Beendigung des Krieges in Bosnien-Herzegowina; Anm.d. Red.) weiter umzusetzen, die Polizei zu stärken und effizienter zu organisieren. Für diese Reform haben wir alle Direktoren der verschiedenen Polizeiorganisationen zusammengerufen und gemeinsam Prioritäten für die polizeiliche Arbeit und die Entwicklung der bosnischen Polizei erarbeitet.

2013 und 2014 habe ich im Rahmen einer breiteren Reform des Sicherheitssektors in Libyen libysche Agenturen zu Fragen der Grenzverwaltung beraten. Wir haben es geschafft, die Zusammenarbeit zwischen den vielen Agenturen (Küstenwache, Grenztruppen, Marine, Polizei, Zoll, usw.) anzukurbeln. Zu diesem Zweck haben wir alle in einem Workshop zusammenzugebracht, wo sie sich über ihre jeweiligen Rollen und über Herausforderungen und Konzepte der Grenzverwaltung austauschen konnten. Auch als Teil der Sicherheitssektorreform haben wir ein Dokument erarbeitet und übergeben, das darstellt wie die Rolle und Arbeitsteilung unter unterschiedlichen Sicherheitsakteuren – aber auch die demokratische Kontrolle dieser Akteure – in Verfassungen aus anderen Ländern geregelt wird.

Wie nachhaltig tragen solche Einsätze zum Frieden bei?

Im Fall von Libyen muss man sich fragen, ob das Land wirklich für einen Reformprozess bereit war. Die Sicherheitslage hat sich ja stark verschlechtert und die Mission musste aus Tripolis abgezogen werden. Generell kann man an der Länge der Missionen von bis zu zehn Jahren sehen, dass die Prozesse langfristig sind und Fortschritte beim Aufbau der Polizei, eines Gerichtswesens oder verbesserte Bedingungen im Gefängniswesen Zeit brauchen. Da sieht man vielleicht erst nach einigen Jahren eine Wirkung. Trotzdem bringt man Prozesse in Gang, die zwar später, aber dann hoffentlich dauerhaft Früchte tragen.

„Zivile Experten müssen verstehen, wie man in einem komplexen Umfeld operiert, und dass das auch viel mit Zuhören und sich selbst Zurücknehmen zu tun hat.“

Was haben Sie über Friedensprozesse in der Praxis durch Ihren Einsatz vor Ort gelernt?

Die Komplexität vor Ort ist in der Regel nochmals viel höher als man vorher annimmt. Das wird einem dann bewusst, wenn man in ein Krisengebiet kommt und sich wirklich mit den Konfliktursachen, Symptomen und subjektiven Wahrnehmungen verschiedener Gruppen auseinandersetzt, mit denen man dann zusammenarbeitet. In meinem ersten Einsatz in Bosnien habe ich gelernt, Geduld zu haben. Als ich ankam, hatte ich eine genaue Vorstellung davon, was man alles in einem Jahr erreichen kann. Ich lernte dann aber schnell, dass sich die Räder doch deutlich langsamer bewegen, als ich das vorher erwartet habe und dass man mit Demut und Respekt an die Aufgabe herangehen muss. Diese Erkenntnis ist in ein Leitbild des ZIF für zivile Experten eingeflossen: Neben Fachkompetenz legen wir jetzt noch mehr Gewicht auf die Haltung der Experten. Sie müssen verstehen, wie man in einem komplexen Umfeld operiert, und dass das auch viel mit Zuhören und sich selbst Zurücknehmen zu tun hat. Offenheit ist im Umgang mit lokalen Kooperationspartnern besonders wichtig.

Wie können sich Menschen in Deutschland zivilgesellschaftlich wirkungsvoll für den Frieden engagieren?

Ich finde es wichtig, sich über die Arbeit der zivilgesellschaftlichen Akteure zu informieren und, sofern es möglich ist, an der Debatte zu Friedenseinsätzen teilzunehmen. Beispielsweise kann man über die Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen thematisch im Bilde bleiben und so das eigene Bewusstsein für die Relevanz von Friedenseinsätzen stärken. Konkret kann man wichtige Organisationen wie die UNO-Flüchtlingshilfe oder UNICEF unterstützen. Während erstere dringend benötigte humanitäre Hilfe liefert, leisten Sonderorganisationen wie UNICEF längerfristige Grundlagenarbeit für Friedensprozesse.

Wie groß ist das Bewusstsein der Öffentlichkeit für diese Arbeit?

Leider finden Debatten aktiver zivilgesellschaftlicher Akteure oft weit ab der Öffentlichkeit statt. Es wird vielleicht einmal über die Bundeswehreinsätze berichtet, wenn sie im Bundestag debattiert oder verlängert werden. Noch seltener über Polizeieinsätze und über Einsätze von zivilen Experten so gut wie gar nicht. Dabei leisten sie mit viel Enthusiasmus und Idealismus wirklich sehr wichtige Grundlagenarbeit – zum Teil auch in schwierigen Sicherheitsverhältnissen. Sie nehmen einiges auf sich, um dem Frieden in verschiedenen Konfliktgebieten zu dienen, diesen zu unterstützen und zu fördern. Im letzten Koalitionsvertrag hatte die Regierung zum ersten Mal auch die zivilen Fachkräfte erwähnt und ihnen Dank und Würdigung ausgesprochen. Wir jedenfalls sind sehr stolz und froh über die Arbeit unserer zivilen Experten.

Zur Person

Dr. Annika Hansen ist Politikwissenschaftlerin und arbeitete bereits für verschiedene Forschungsinstitute und die UN. Sie war als zivile Expertin zweimal im Einsatz und wertet für das ZIF Wissen über die Einsätze aus.

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