Foto: Ndzodo Awono

„In der kolonialen Provenienzforschung muss man mit den Herkunftsländern zusammenarbeiten.“

Ein Gespräch mit Ndzodo Awono

0 Kommentare
  • 0

Sie sind im Übersee Museum Bremen für die Sammlung „Kamerun” verantwortlich. Könnten Sie uns einen kurzen Überblick über die deutsche Kolonialgeschichte in Kamerun geben?

Die deutsche Kolonialgeschichte in Kamerun begann offiziell im Jahre 1884 mit der Hissung der deutschen Flagge in Douala. Der damalige deutsche Konsul, Gustav Nachtigal, schloss einen Schutzvertrag mit mehreren kamerunischen Herrschern. Widerstand gegen den Schutzvertrag wurde mit Gewalt beantwortet und so zum Beispiel das Haus eines Herrschers, der den Vertrag nicht unterzeichnet hatte, überfallen und geplündert. Während diesem Überfall kam es übrigens zum ersten Kolonialraub in Kamerun: Das Tange, ein Bootsornament und Herrschftsinsignie der Bele Bele, wurde beschlagnahmt und dem Museum ‘Fünf Kontinente’ in München übergeben, wo man es sich bis heute anschauen kann. Im Großen und Ganzen war der Alltag in Kamerun von 1884 bis zum Ende der deutschen Kolonialzeit, also bis zum Kriegsausbruch, von Gewalt und Kriegen geprägt. Während der deutschen Kolonialzeit wurden in Kamerun Tausende von Menschen umgebracht. Diese Willkür erreichte ihren Höhepunkt am 14. August 1914 mit der unbegründeten Hinrichtung einiger kamerunischen Eliten, darunter Rudolf Duala Manga Bell und Martin Paul Samba.

Welches Ziel hat das ProjektKoloniale Spuren im Übersee-Museum Bremen – Afrika-Sammlungen als Gegenstand der Provenienzforschung“, in dem Sie außerdem mitarbeiten?

Das Projekt hat das Ziel, den Ursprung und die Herkunft von Ausstellungsstücken im Übersee-Museum Bremen herauszufinden. Außerdem wollen wir die Erwerbsumstände der Objekte analysieren. Das heißt, wir wollen herausfinden, wie die Objekte vor Ort in den Kolonien gesammelt wurden. Ob sie gekauft oder durch Gewaltanwendung dem Besitzer genommen wurden.

Aber der gemeinsame Nenner aller Expeditionen ist, dass sie vom Militär begleitet wurden, um sich die Objekte anzueignen.“

Wie gehen Sie als Provenienzforscher in Ihrer Arbeit vor?

Ich versuche den Weg von Objekten, die im Museum ausgestellt sind, zurückzuverfolgen. Genauer gesagt, versuche ich die direkten und indirekten Sammler und diejenigen zu identifizieren, denen der Transport der Sammlungen vom Sammlungsort bis zur Küste oblag, die Rolle der Afrikaner bei der Sammeltätigkeit zu erläutern sowie die Transportlogistik (Schiffe und Speditionsgesellschaften, die in den Transport dieser Sammlungen von der Kolonie bis zum Hauptdepot in Berlin oder auch von Berlin nach Bremen involviert waren) zu untersuchen. Da meistens Hinweise auf die Herkunftsgesellschaften fehlen, habe ich vor zwei Jahren eine Forschungsreise nach Kamerun gemacht. Denn mithilfe von vergleichbaren Objekten in den Herkunftsländern kann man die Herkunft eines Objekts identifizieren. Das bedeutet, dass man in der Provenienzforschung mit den Herkunftsländern kooperieren und arbeiten muss. 

Zu welchen Ergebnissen sind Sie bisher gekommen?

Was die Kamerun-Sammlung angeht, kann ich zum aktuellen Stand der Forschung sagen, dass etwa ¾ dieser Sammlung von den deutschen Kolonialoffizieren stammt. In Kamerun wurden damals viele als Strafexpeditionen bezeichnete Kriegszüge unternommen. Nicht alle der Objekte im Übersee-Museum Bremen wurden auf solchen Strafexpeditionen gesammelt, sondern auch durch Kleriker und Forschungsreisende. Aber der gemeinsame Nenner aller Expeditionen ist, dass sie vom Militär begleitet wurden, um sich die Objekte anzueignen. Ich frage mich deswegen manchmal, ob es überhaupt einen Unterschied zwischen sogenannten Strafexpeditionen und wissenschaftlichen Expeditionen gab.

Das heißt, durch die Präsenz von Militär, die immer gegeben war, ist es schwer vom Sammeln von Gegenständen zu sprechen?

Ja, die Objekte wurden geraubt. Wenn sie etwas nehmen, dass ihnen nicht freiwillig gegeben werden wird, kann man das nicht anders als Raub bezeichnen.

Im Jahr 1899 wurde der Palast in Tibati geplündert. Fast die ganzen Schätze des Palastes landeten hier im Museum in Bremen.“

Warum wurden während der Kolonialzeit so viele Kulturgüter geraubt?

Es gibt viele Gründe. Zum einen begann Deutschland seine koloniale Expansion viele Jahre nach den anderen europäischen Kolonialmächten. Und zwischen diesen Kolonialmächten gab es eine sehr große Konkurrenz, die es auch zwischen europäischen Museen gab. Jede Kolonialmacht wollte der Spiegel aller Kulturen der Welt sein. Der zweite und plausiblere Grund ist, dass diese Objekte eine wichtige Einnahmequelle darstellten. Für Sammler, die größtenteils für Museen arbeiteten, aber auch für Händler. Die Museen konnten wiederum davon profitieren, weil diese Objekte an andere Museen oder Ethnographica-Händler weiterverkauften wurden. Deutsche Museen verkauften sogar Dubletten an andere europäische Museen und umgekehrt. Das ist auch der Grund, warum man kamerunische Objekte aus der deutschen Kolonialzeit beispielsweise in Spanien, Frankreich, Großbritannien usw. finden kann.

Gibt es Schätzungen, wie viele Museen in Deutschland wie viele geraubte koloniale Objekte besitzen?

Eine solche Schätzung ist momentan noch nicht möglich. Von vielen Sammlungen sind die Erwerbsumstände immer noch unklar. Die Provenienzforschung müsste zuerst alle Sammlungen in allen deutschen Museen analysieren.  Ich kann momentan nur von einer Sammlung sprechen, die in Bremen im Übersee-Museum liegt und die einer sogenannten Strafexpedition entstammt. Im Jahr 1899 wurde der Palast in Tibati geplündert. Fast die ganzen Schätze des Palastes landeten hier im Museum in Bremen. Das ist eine riesige Sammlung, das sind Hunderte von Stücken.

Es darf dabei nicht darum gehen, einseitige Entscheidungen zu treffen, denn wir brauchen einen Dialog, eine gemeinsame Lösung zu dieser Frage.“

Wie sollte mit kolonialem Raubgut in deutschen Museen umgegangen werden?

Das ist eine Frage, die auf politischer Ebene gelöst werden muss. Denn wenn man die Entscheidung trifft, diese Sachen in die Herkunftsländer zurückzubringen, dann muss man auch Bedingungen schaffen, damit diese Sachen dort in Sicherheit untergebracht werden können und nicht noch einmal verschwinden. Es darf dabei nicht darum gehen, einseitige Entscheidungen zu treffen, denn wir brauchen einen Dialog, eine gemeinsame Lösung zu dieser Frage.

Existiert momentan darüber ein Dialog zwischen Deutschland und Kamerun?

Wir befinden uns am Anfang. Vor allem was die Objekte aus Tibati betrifft. Das Museum und der Freistaat Bremen versuchen auch Kontakte mit der Regierung in Kamerun aufzunehmen. Aber das wichtigste ist der Dialog und dass man zum Beispiel in Tibati ein Museum bauen lässt, in dem diese Objekte beherbergt werden können. Meine Befürchtung ist nämlich, dass diese sonst verschwinden. 

Warum haben Sie diese Befürchtung?

In Kamerun gibt es etwa 207 ethnische Gruppen. Das heißt man muss auch dafür sorgen, dass bestimmte Gruppen auch über Museen verfügen, wo sie ihre Objekte aufbewahren könnten, falls sie diese zurückbekommen.

„Damit die deutsche Öffentlichkeit die eigene Kolonialgeschichte nicht vergisst, müssten außerdem die Beziehungen zu den ehemaligen Kolonien gestärkt werden.“

Weshalb glauben Sie wird in Deutschland nicht oft über die Kolonialgeschichte gesprochen, wenn es um die eigene Geschichte geht? 

Die deutsche Kolonialgeschichte war ein Desaster und die Folgen sind bis heute zu spüren. Ich meine, dass es ein großer Fehler ist, hier in Deutschland nicht über die deutsche Kolonialgeschichte zu sprechen. Diese Geschichte ist nicht nur die Geschichte der Kolonien – es ist die Geschichte Deutschlands. Das Wort Kolonie zum Beispiel, kennen wir, die sogenannten Kolonisierten, nicht. Das ist ein europäisches Wort. Man muss sich mit den Fehlern der eigenen Vergangenheit befassen.  Den jüngeren Generationen muss man sagen: seht, was die Ahnen in den Kolonien in Afrika und Asien gemacht haben, diese Verbrechen und Gräueltaten braucht die Welt nicht mehr.

Was muss von wissenschaftlicher, von politischer und von gesellschaftlicher Seite aus passieren, damit die deutsche Kolonialgeschichte in unserer Erinnerungskultur Platz findet?

Deutsche Kolonialgeschichte müsste in der Schule tiefergehend unterrichtet werden, aber auch die Medien spielen eine große Rolle, denn sie könnten die Kolonialgeschichte mehr thematisieren. Damit die deutsche Öffentlichkeit die eigene Kolonialgeschichte nicht vergisst, müssten außerdem die Beziehungen zu den ehemaligen Kolonien gestärkt werden. Deutschland könnte diesen zum Beispiel bei der Realisierung wichtiger Entwicklungsprojekten helfen. Ich denke hier zum Beispiel an Straßen, Eisenbahnen und Krankenhäuser. Der Tourismus und Austauschprojekte könnten auch ein wichtiger Punkt für den Dialog zwischen Deutschland und ehemaligen deutschen Kolonien sein. Denn je öfter man ein Land besucht, desto mehr erfährt man über die Geschichte des Landes, auch über die Kolonialgeschichte.

 

Zur Person

Ndzodo Awono ist Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt „Koloniale Spuren im Übersee-Museum Bremen – Afrika-Sammlungen als Gegenstand der Provenienzforschung“ der Universität Hamburg und des Übersee-Museums Bremen. Im Übersee-Museum Bremen ist der Provenienzforscher für die Sammlung „Kamerun“ zuständig.

Debattiere mit!

Deine Emailadresse wird nicht veröffentlicht.

0 Kommentare

Mehr zu dem Thema

  • 0
  • 1
  • 0
  • 0
  • 0
  • 0