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Wie Sprache historische Ungerechtigkeiten erinnert

Wie spiegelt Sprache rassistische und diskriminierende Stereotype aus dem Kolonialkontext und wie können wir dem begegnen?

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Wie mächtig Sprache ist, diskutieren längst nicht mehr nur Linguist*innen, Literatur- oder Kulturwissenschaftler*innen. Vielmehr lässt sich die Auseinandersetzung um Sprache und Begrifflichkeiten, adäquate Formulierungen und Fremdbezeichnungen seit einigen Jahren immer stärker in der öffentlichen Debatte finden. Generisches Maskulinum, diskriminierungsfreie Darstellung behinderter Menschen und das N-Wort in Kinderbuchklassikern führen zu kontroversen Diskussionen darüber, ob und wie Sprache der Diversität unserer Gesellschaft gerecht werden muss bzw. kann. Oft als falsch verstandene political correctness abgetan, ignoriert die Missachtung dieser Diskussionen, dass das, was sich durch Sprache ausdrücken lässt, Wirklichkeit schafft und damit auch konkrete Auswirkungen auf Sichtbarkeit und Akzeptanz im öffentlichen Raum hat. „Zwar sind Wörter aus einem nominalistischen Gesichtspunkt nur Bezeichnungen und Benennungen, hinter denen erstmal nichts weiter steht. Dennoch drücken sie soziale Konstruktionen aus, prägen dadurch soziale Interaktion und werden damit letztlich Realität“, sagt Louis Henri Seukwa, Professor für Erziehungswissenschaften und Migrationsforscher an der HAW Hamburg.

„Wenn ich mein Gegenüber begrifflich abwerte, dann fällt es mir als Kolonisator psychologisch leichter auszubeuten, zu verletzen oder im Zweifel auch zu töten.“

Dr. Julien Bobineau, Universität Würzburg

Gewaltvoller Inhalt hinter scheinbar alltäglichen Begriffen

Ein aktuell viel diskutiertes Beispiel ist die Auseinandersetzung um den Begriff der „Rasse“ in Artikel 3 des Grundgesetzes. Eine Formulierung, die von den Müttern und Vätern der deutschen Verfassung nach den rassistischen Verbrechen des Nationalsozialismus sicher gut gemeint war – ging es doch darum jegliche rassistische Diskriminierung zu verbieten – jedoch eine Kategorisierung von Menschen vornimmt, die wissenschaftlich betrachtet gar nicht existiert. „Es ist sehr problematisch, dass der Begriff Rasse in unserer Verfassung steht. Denn das suggeriert, dass es sie doch gäbe, was jedoch falsch ist“, sagt der Kultur- und Literaturwissenschaftler Julien Bobineau vom Afrikazentrum der Universität Würzburg. Die zu verurteilende rassistische Diskriminierung gerät damit in den Hintergrund und es wird ein theoretisches Konzept tradiert, das auf der Deklassierung nicht-europäischer Menschen beruht und mit Beginn des Kolonialismus im 15. Jahrhundert aufkam. Die Idee dahinter, so Bobineau: „Wenn ich mein Gegenüber begrifflich abwerte, dann fällt es mir als Kolonisator psychologisch leichter auszubeuten, zu verletzen oder im Zweifel auch zu töten.“

„Mit diesen Begriffen sind Werte und Hierarchien übertragen worden, die über Sprache hergestellt und verfestigt werden und dafür verantwortlich sind, dass daraus historische Beleidigungen und Unterdrückungsnarrative entstanden sind.“

Dr. Julien Bobineau, Universität Würzburg

Die Zeiten, in denen europäische Mächte offen und gewaltvoll außereuropäische Länder und deren Menschen kolonisierten, sind inzwischen vorbei. Doch bei einem Blick in den deutschen Sprachgebrauch, stellt man fest, dass in unserer Alltagssprache viele Begrifflichkeiten aus dieser Zeit nach wie vor bestehen. Dabei ist uns ihr abwertender Ursprung nicht immer bewusst. „Nehmen wir beispielsweise ‚Mischling‘ oder ‚Mulatte‘. Das sind zwei Begriffe, die versuchten die im Kolonialkontext entstandenen Kinder zu kategorisieren. Beide kommen aus dem Tierreich und implizieren eine Degradierung: Ein Mischling in der Tierzucht wird als Tier minderer Qualität bezeichnet. Mulatte kommt vom portugiesischen Wort für Maulesel. Es ist also eine Kreuzung aus Pferd und Esel, die sich nicht fortpflanzen kann. Wenn ich daher einen Menschen als Mulatte bezeichne, ist das hochproblematisch. Auf gewisse Art und Weise wird ihm damit die biologische Vermehrung abgesprochen“, so Julien Bobineau.

Er fährt fort: „Mit diesen Begriffen sind Werte und Hierarchien übertragen worden, die über Sprache hergestellt und verfestigt werden und dafür verantwortlich sind, dass daraus historische Beleidigungen und Unterdrückungsnarrative entstanden sind.“ Konkret bedeutet das bis heute, dass durch den Kolonialsprech ein Teil der Menschen unserer Gesellschaft mit abwertenden Begrifflichkeiten beschrieben werden kann, die für den Rest nicht funktioniert. „Mit dem N-Wort kann ich grundsätzlich nur schwarze Personen beleidigen, wobei mit dem Wort Arschloch auch weiße Personen beleidigt werden können. Auch die Gewalt, die vom N-Wort ausgeht, ist eine andere“, sagt Julien Bobineau.

„Wenn permanent rassistische Stereotype gezeigt werden, kommt es zu einer Normalisierung von materieller und symbolischer Gewalt. Literatur, Film und Kultur agieren dabei als Bildungsinstrumente und Bildungsgegenstände, die diese Stereotype tradieren.“

Prof. Dr. Louis Henri Seukwa, HAW Hamburg

Literatur, Film und Kultur tradieren rassistische Bilder

Wie problematisch die Nutzung dieser vorbelasteten Begriffe ist, hat auch der Literatur- und Kulturbetrieb erkannt. 2009 beschloss der Friedrich Oetinger Verlag, in Neuauflagen des Kinderbuchklassikers Pippi Langstrumpf das N-Wort auszutauschen, das Buch „Die kleine Hexe“ von Otfried Preußler folgte 2013. Das Anpassen älterer Formate durch zeitgemäße Formulierungen ist jedoch nicht unumstritten. Anfang 2013 entspann sich eine wochenlange öffentliche Debatte in Deutschland darum, ob Änderungen von rassistisch-diskriminierenden Bezeichnungen in Kinderbuchklassikern angemessen seien. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov waren damals 70 Prozent der Befragten dagegen, problematische Begriffe zu entfernen.

„Sprache als geteiltes Symbol in einer Gesellschaft ist in der Interaktion das Instrument par excellence, das zur gewaltvollen oder gewaltfreien Kommunikation führen kann. Durch das Festhalten an diskriminierenden Ausdrücken wird das Potenzial der Sprache als Instrument der Konflikttransformation und der friedlichen Interaktion einfach verspielt und das Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft gefährdet,“ sagt Louis Henri Seukwa.

Bei der Verhandlung um den Umgang mit fraglichen Begriffen geht es also stets auch darum, wie wir grundsätzlich unser Zusammenleben als Gesellschaft gestalten wollen. „Wenn permanent rassistische Stereotype gezeigt werden, kommt es zu einer Normalisierung von materieller und symbolischer Gewalt. Literatur, Film und Kultur agieren dabei als Bildungsinstrumente und Bildungsgegenstände, die diese Stereotype tradieren. Ohne diese wären sie nicht nachhaltig“, so Seukwa.

„Die zehn erfolgreichsten Filme aus Hollywood, die in Afrika spielen, haben alle das gleiche Narrativ: Der ‚wilde‘ Afrikaner, der mit der Kalaschnikow im Dschungel die Bevölkerung unterdrückt. Und erst wenn der weiße Held kommt, gelingt es, die Bevölkerung zu retten“

Prof. Dr. Louis Henri Seukwa, HAW Hamburg

Und dies ist dabei letztlich auch eine internationale Angelegenheit, existieren doch auch nach der politischen Unabhängigkeit eines Großteils der ehemaligen Kolonien im 20. Jahrhundert neokoloniale Abhängigkeiten. So geht es bei der Auseinandersetzung um den Umgang mit kolonialen Begriffen in Literatur und Film auch nicht nur um einzelne Worte, die im besten Fall durch weniger gewaltvolle Begriffe ausgetauscht werden können, sondern um europäisch geprägte Vorstellungen vom globalen Süden, die durch diese Kulturmittel gefestigt und universalisiert werden. „Die zehn erfolgreichsten Filme aus Hollywood, die in Afrika spielen, haben alle das gleiche Narrativ: Der ‚wilde‘ Afrikaner, der mit der Kalaschnikow im Dschungel die Bevölkerung unterdrückt. Und erst wenn der weiße Held kommt, gelingt es, die Bevölkerung zu retten“, sagt Julien Bobineau. In der Forschung existiert für dieses Phänomen sogar ein eigener Begriff: das White Savior Motiv.

Lösungsansätze

Um koloniale Denkmuster und rassistisch-abwertende Begriffe im Alltagsgebrauch zu vermeiden, müsse man sich laut Julien Bobineau als erstes vergegenwärtigen, dass die fraglichen Begriffe und Denkmuster europäische Fremdbezeichnungen für vermeintlich Fremdes ist. Louis Henri Sekwa hält es daher für unabdingbar, sich stets das Referenzsystem der Adressaten mitzudenken, deren kollektive Erfahrung mit kolonialer Vergangenheit und rassistischer Diskriminierung eine andere, eine negative, ist als die der Mehrheitsgesellschaft. Wichtig sei es zivilgesellschaftliche Initiativen wie “Schwarze Menschen in Deutschland” oder Vereine wie Hamburg Postkolonial mit einzubeziehen.

Zum besseren Verständnis hinter der problematischen Verwendung der hier beschriebenen Begriffe und Stereotype und einer Perspektiverweiterung gehört im nächsten Schritt eine ernsthafte und ehrliche historische Aufarbeitung von über 500 Jahren Kolonisierung und der dahinter stehenden Ausbeutung des globalen Südens durch den globalen Norden. Bildungsarbeit, Erinnerungsarbeit und eine gesellschaftliche Auseinandersetzung sind dafür notwendig.

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