Foto: Pablo Garcia Saldana

Genchirurgie – Sollte man alles tun, was man kann?

CRISPR/Cas könnte die Welt verändern. Deshalb braucht es eine öffentliche Debatte über den Einsatz der Technologie.

0 Kommentare
  • 0

In der Wissenschaft erlebt die Gentechnik derzeit nach der Entdeckung von CRISPR/Cas-Genome Editing Verfahren einen immensen Aufschwung. In der Öffentlichkeit herrscht dagegen erhebliches Unwissen über die Möglichkeiten dieser neuen Art der Genchirurgie. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), die vergangene Woche publiziert wurde. In Fokusgruppen-Interviews gaben 87 Prozent der Befragten an, schon einmal den Begriff „konventionelle Gentechnik” gehört zu haben. Die Begriffe „Genchirurgie” und „CRISPR/Cas” waren lediglich fünf Prozent vertraut. „Obwohl das Thema überaus relevant ist”, sagt Prof. Dr. Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, sei es noch nicht in der Bevölkerung angekommen. Das sei durchaus „besorgniserregend, da die Technologie weitreichende Folgen haben könnte.” Und das, obwohl das Thema medial durchaus aufgegriffen wird, wie Dabrock befindet und nennt mögliche Ursachen: „Ich glaube der Grund ist, dass die Thematik naturwissenschaftlich, aber auch in der Einschätzung der technischen wie sozialen Risiken sehr komplex ist.” Man müsse die Hintergründe erst verstehen, wenn man sich ein Urteil bilden wolle, sagt Dabrock: „Die Komplexität erschwert es, den unmittelbaren Nutzen, aber auch die unmittelbaren Risiken abzuschätzen beziehungsweise zu erkennen.”

Vor allem die Grüne Gentechnik stößt bei vielen Menschen eher auf Ablehnung, ob sich daran durch CRISPR/Cas etwas ändert, bleibt abzuwarten. Grund für die Skepsis gegenüber der Grünen Gentechnik, die in der Pflanzenforschung zum Einsatz kommt, sind sowohl Bedenken über scheinbar ungeklärte Risiken für Mensch und Umwelt als auch ein „romantisches Lebensgefühl”, wie es Dabrock beschreibt. Dieses führe bei Eingriffen in die Natur zu Unbehagen. Eingriffe in als „natürlich” empfundene Nahrungsmittel würden mit großer Skepsis gesehen. Denn wenn der Mensch irgendwo in die Natur eingreife, dann könne es „per se nicht mehr natürlich sein. Egal ob die erzeugte Mutation auch in der Natur hätte entstehen und eingebracht werden können“, sagt Dr. Mark Lohmann vom BfR.

„Jetzt ist die genau die Zeit für eine ernsthafte Debatte.“

Prof. Dr. Peter Dabrock

Bei der Roten Gentechnik – also dem Einsatz von Gentechnik in der medizinischen Forschung – verhält es sich mit der Akzeptanz anders: „Tendenziell zeigen nahezu alle Studien übereinstimmend, dass die rote Gentechnik breit akzeptiert ist. Das ist sicher wegen der Anwendung in geschlossenen Systemen und dem medizinischen Nutzen so”, sagt Dabrock. Das gilt der BfR-Studie zufolge besonders für den Einsatz der neuartigen Gentechnologien: „Genchirurgie könnte die Gentherapie effizienter machen. Dafür wird es auch akzeptiert“, so Lohmann.

Strittig ist im Bereich der Roten Gentechnik vor allem der Einsatz der Technologie in der Forschung an menschlichen Embryonen. An diesem Punkt herrschen sowohl in der Bevölkerung – wie die BfR-Studie nahelegt – als auch unter Wissenschaftlern die stärksten Bedenken. Spätestens seit in China die Forschung an Embryonen entscheidend vorangetrieben wird, ist dieser Punkt zu einem zentralen Bestandteil der Debatte über das Genome Editing avanciert.

Eine Reihe renommierter Wissenschaftler hat sich deshalb für ein vorläufiges Moratorium von Keimbahn-Veränderungen an menschlichen Embryonen ausgesprochen. Während sich einige führende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – darunter auch der Helmholtz-Präsident Otmar D. Wiestler – positiv zu einem Moratorium äußern, gibt es innerhalb der Wissenschaft Befürchtungen, ein solches Moratorium stünde dem Fortschritt im Weg und würde die Wissenschaft in ihrem Bestreben Gutes zu tun einschränken.

Deutlich wird bei alledem, dass ein öffentlicher Diskurs benötigt wird, es aber an klaren und anwendbaren Regeln für den Einsatz der Genchirurgie mangelt. „Es geht darum, Regeln zu schaffen, die einerseits die Forschung nicht so sehr einschränken, dass die positiven Effekte der Technologie nicht mehr genutzt werden können, andererseits müssen aber unverantwortbare Schadensfälle möglichst verhindert werden und drittens muss die demokratische Einbettung solcher Regelsetzung bedacht werden“, erläutert Dabrock.

Die demokratische Debatte sollte aus seiner Sicht gesamtgesellschaftlich geführt werden und könne keinesfalls allein der Wissenschaft überlassen werden. Basis dieser Debatte sei aber eine Aufklärung der Bevölkerung über Funktionsweise, Risiken und Nutzen der Technologien, wie die BfR-Studie deutlich macht. Das allerdings ist keine einfache Angelegenheit, da der Fortschritt der Genchirurgie sich extrem beschleunigt. Dabrock zeigt sich überzeugt: „Jetzt ist genau die Zeit für eine ernsthafte Debatte, bevor die Wissenschaft Fakten gesetzt oder unrealistische Schreckensszenarien sich ins kulturelle Gedächtnis eingenistet haben.“

Aktualisierung

Am 25.07.2018 hat der EuGH entschieden, dass es sich bei der Methode um Gentechnik handele. Produkte, bei deren Herstellung die Technik zum Einsatz kommt, fallen dadurch unter das europäische Gentechnikrecht und müssen innerhalb der EU als „gentechnisch veränderte Organismen“ (GVO) gekennzeichnet sein. Bewertungen von Wissenschaftlichen Experten zu dem Urteil sowie Hintergrundinformationen gibt es beim Science Media Center.

Debattiere mit!

Deine Emailadresse wird nicht veröffentlicht.

0 Kommentare

Mehr zu dem Thema

  • 1
  • 2
  • 2
  • 0
  • 0
  • 1
Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.