„Die Probleme der konventionellen Landwirtschaft sind allgemein anerkannt”

Foto: Sam Schalch / FiBL

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Dr. h.c. Urs Niggli

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Wir würden gerne erfahren, was Sie persönlich über Genchirurgie denken und wie Ihnen die-debatte.org gefällt. Nehmen Sie hier an unserer 5-minütigen Umfrage teil. Die Antworten werden von der Abteilung für Kommunikations- und Medienwissenschaften der TU Braunschweig in einem begleitenden Forschungsprojekt ausgewertet.

„Viele Biozüchter sagen, sie könnten auch über Kreuzungszüchtung ähnlich gute Eigenschaften entwickeln, wie man das mit Genom-Editierung kann. Diesen alternativen Technologiepfad und das große Wissen, das dahinter steckt, sollte man für die Zukunft nutzen.“

Welche Vorteile bringen mittels Genome Editing veränderte Pflanzen für die Landwirtschaft und den Umweltschutz?

Die Landwirtschaft belastet die Ökosysteme stark. Die Wissenschaftler Rockström, Steffen et al. zeigen sogar auf, dass die Belastung mit den Düngernährstoffen Stickstoff und Phosphor, der Verlust an Biodiversität, die Klimagas-Emissionen und der Landverbrauch eine für den Planeten kritische Grenze erreicht hat. Zudem sind Verbraucher dem ganzen chemischen Pflanzenschutz gegenüber sehr kritisch bis ablehnend eingestellt. Es ist naiv zu glauben, man könnte die als Hauptverursacher geltenden Handelsdünger, Pestizide und fossile Energie einfach abstellen und die Landwirtschaft würde gleich produktiv weiterlaufen. Vor diesem Hintergrund wird die Fähigkeit von Pflanzen, zum Beispiel aus weniger mehr zu machen, eine strategische Bedeutung einnehmen. Das kann eventuell mit einer Verstärkung der Selektion auf Low-Input-Bedingungen erreicht werden. Aber man muss auch offen diskutieren, ob eine Beschleunigung der Mutagenese – also die bewusste Auslösung von interessanten Eigenschaften im Genom – eine Chance sein könnte.

Wie passen biologischer Landbau und Grüne Gentechnik überhaupt zusammen?

Der Biolandbau ist eine dieser Formen von Low-Input-Landwirtschaft. Er soll diesen Weg weitergehen und schauen, ob man durch indirekte Maßnahmen wie Fruchtfolgen, Bodenbearbeitung, Klee-Einsatz, Humusaufbau oder Förderung von Nützlingen den Ertrag erhöhen kann. Mittlerweile haben sich verschiedene Züchtungsinitiativen erfolgreich etabliert. Viele Biozüchter sagen, sie könnten auch über Kreuzungszüchtung ähnlich gute Eigenschaften entwickeln, wie man das mit Genom-Editierung kann. Diesen alternativen Technologiepfad und das große Wissen, das dahinter steckt, sollte man für die Zukunft nutzen. Es ist deshalb gut, wenn der Biolandbau einen eigenen Weg geht.

„Die Probleme der konventionellen Landwirtschaft sind allgemein anerkannt. Ob Forschung, Verwaltung oder Industrie – alle suchen nach Veränderungen.“

Welche Entwicklungen und Züchtungen bräuchte es konkret, damit auch mittels Genome Editing veränderte Pflanzen in dem biologischen Landbau eingesetzt werden könnten? Was ist der konkrete Bedarf?

Für alle nachhaltigen Anbausysteme sind cisgene Veränderungen am Genom interessant, welche die Pflanze resistenter machen gegen jegliche Schaderreger. Zudem solche, welche die Aufnahme und Verwertung von Stickstoff und Phosphor aus dem Boden verbessern. Dann gibt es eine ganze Reihe von Qualitätseigenschaften, die beeinflusst werden könnten. Im Gegensatz zu transgenen Eingriffen bedeuten cisgene Veränderungen ausschließlich eine gezielte Erhöhung der Mutation am Pflanzengenom, das Ausschalten oder Verändern von Genen, so dass gewisse schädliche Proteine nicht mehr produziert werden, oder das Einführen von interessanten Genen aus eng verwandten Wildpflanzen. So haben peruanische und ägyptische Wissenschaftler erfolgreich Cassava-Wurzeln gezüchtet, indem sie einzelne Gene aus den zahlreichen Wildformen des Manioks eingekreuzt haben: die Sorten haben höhere Erträge, bessere Ernährungsqualität und sind Krankheits- und Schädlingsresistent. Aber nochmals: Es geht mir darum, Lösungen für die konventionelle Landwirtschaft zu finden, die große Probleme mit der Nachhaltigkeit hat.

Gibt es von Seiten der Industrie Entwicklungen, die darauf reagieren?

Die Probleme der konventionellen Landwirtschaft, die ich angesprochen habe, sind allgemein anerkannt. Ob Forschung, Verwaltung oder Industrie – alle suchen nach Veränderungen. Über die Wege dahin gibt es große Widersprüche. Braucht es mehr Technologie und Effizienz oder braucht es mehr Systemansatz und Vielfalt, die ab und zu nicht effizient ist? Vermutlich braucht es die smarte Kombination beider Wege. Was man aus der Züchtungsforschung und der praktischen Züchtung liest und hört, zeigt mir, dass die Pflanzenzüchtung in Zukunft viel raschere Fortschritte machen und die Versprechen einlösen wird.

„Die Meinungen der Journalisten und der Öffentlichkeit sind noch nicht gefestigt.“

Sie haben mit Ihrer Aussage CRISPR/Cas9 hätte großes Potential Entrüstung in der Szene ausgelöst. Wie haben Sie den Widerstand erlebt?

Ich glaube, dass die Diskussionen, an denen ich mich beteiligt habe, wichtige sind. Natürlich habe ich viel Ärger und Ablehnung geerntet, aber auch viel Zustimmung – und nicht nur von der „falschen“ Seite, der sogenannten Gentechindustrie. Es ist nicht so trivial, die Landwirtschaft und Ernährung nachhaltiger zu gestalten. Außer man produziert kein Futtergetreide und keine Futterhülsenfrüchte mehr auf den Äckern und man reduziert den Abfall massiv. Auch das ist nicht einfach, sonst hätten wir es schon lange getan.

Wie erleben Sie die grundsätzliche Akzeptanz gegenüber der Genome Editierung? Wie wird sich die Haltung Ihrer Einschätzung nach mit der Zeit verändern?

Die Meinungen der Journalisten und der Öffentlichkeit sind noch nicht gefestigt, da stimme ich der Analyse von Andreas Sentker von der „Zeit“ zu. Gerade in den letzten Monaten habe ich Diskussionen erlebt, die auch unter Gegnern sehr sachlich waren. Natürlich besteht die Gefahr, dass unsinnige und ökologisch gefährliche Anwendungen mit dem Genom-Editieren gemacht werden, wie zum Beispiel der „Gen Drive“, das heißt die überproportionale Vererbung gewisser Eigenschaften wie die Unfruchtbarkeit und damit das Ausrotten gewisser Organismen wie der Anopheles-Mücke. Eine sorgfältige Diskussion und ein hohes Risikobewusstsein werden deshalb auch in Zukunft notwendig sein

Zur Person

Prof. Dr. Dr. h.c. Urs Niggli ist Pflanzenwissenschaftler und Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FibL) in der Schweiz.

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