Genchirurgie – Das war die Debatte

CRISPR/Cas wird in der Gentechnik als Revolution gefeiert und ebenso scharf kritisiert. Die Debatte hat sich drei Wochen intensiv mit der Genschere beschäftigt.

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In einem Artikel in der Fachzeitschrift Science beschrieben 2012 die Molekularbiologinnen Prof. Dr. Jennifer A. Doudna und Prof. Dr. Emmanuelle Charpentier erstmals das CRISPR/Cas9-System. Die Entdeckung dieser Genschere versetzte Wissenschaftler in Aufregung, denn die neue Technik machte es möglich, präzise Veränderungen in der DNA von Organismen vorzunehmen. Und das schneller und kostengünstiger als bisherige Methoden der Gentechnik. Wie CRISPR/Cas funktioniert, zeigt die Infografik.

 

Einsetzbar ist CRISPR/Cas bei Pflanzen, Tieren und auch bei Menschen. Unser Kartenstapel zeigt Möglichkeiten auf, wie man die Technologie nutzen könnte – einige dieser Ideen davon sind noch Zukunftsmusik.

 

In Artikeln und Interviews haben wir uns den einzelnen Anwendungsbereichen von CRISPR/Cas gewidmet und Fortschritte aufgezeigt. In der Medizin gibt es beispielsweise bereits erfolgversprechende Studien zu Krebstherapien und der Behandlung des sogenannten Muskelschwunds. Auch die Anwendung im Tierreich haben wir genauer betrachtet. Zwar konnte man noch keine ausgestorbenen Tierarten wie das Mammut wieder zum Leben zu erwecken, der Einsatz von CRISPR/Cas bei Nutztieren ist aber realistisch. In Versuchen wurden schon Kühe ohne Hörner und Viren-resistente Schweine gezüchtet.

Im Einsatz der Genchirurgie in der Pflanzenzucht sehen Wissenschaftler einen besonders großen Nutzen. Könnte die Genschere eine mögliche Lösung für den Klimawandel und kommende Hungersnöte sein?

In der Bevölkerung bestehen allerdings erhebliche Zweifel an dem Einsatz von Genchirurgie in der Landwirtschaft. Eine Studie des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) zeigt, dass die Nutzung von CRISPR/Cas zu medizinischen Zwecken weitaus mehr akzeptiert ist, als die Nutzung in der Pflanzenzucht. Sowohl unklare Risiken als auch der nicht-erkennbare individuelle Nutzen führen der Studie nach zu diesen Bedenken.

Der Diskussion über Chancen und Risiken der Grünen Gentechnik durch die neue Technologie haben wir daher in unserer Live-Debatte „Genchirurgie: Auf dem Weg zur Superpflanze?“ in Hannover besonderen Raum eingeräumt. Wie wichtig das Thema ist, zeigte uns nicht nur ein gut besetzter Saal mit über 140 Besuchern vor Ort, sondern auch die rege Diskussion, die während der Live-Debatte und im Vorfeld in den sozialen Medien geführt wurde.

 

Auch auf dem Podium diskutierten die eingeladenen Wissenschaftler. Jens Boch, Professor für Pflanzengenetik an der Leibniz Universität Hannover, hob gleich zu Beginn die globale Bedeutung von Genchirurgie hervor. „Wenn 20 Prozent der Weizenernte ausfällt, kann ich mir hier immer noch mein Brot kaufen, aber die ärmeren Länder auf der Welt nicht.” Thomas Rippel, Bio-Landwirt in der Schweiz, warnte allerdings davor, Genchirurgie als Allheilmittel zu betrachten: „Es gibt immer Wetterkatastrophen bei denen eine Ernte ausfällt, da kann die beste Gentechnologie nicht helfen.”

„Ich möchte auch, dass das nicht giftig ist.”

Prof. Dr. Jens Boch

Und was ist mit möglichen Gesundheitsrisiken? „Auf Lebensmitteln zu kennzeichnen ,Vorsicht: Gesundheitsschädlich’ ist absurd”, sagte Sarah Bechtold vom Institut Technik-Theologie-Naturwissenschaft der LMU München. Der Verbraucher müsse potenzielle Label hinsichtlich ihrer Transparenz selbst einordnen können.

Trotz allem sollten jegliche Bedenken der Öffentlichkeit ernst genommen werden. Das hat die Professorin für Wissenschaftskommunikation, Prof. Dr. Dominique Brossard, in einem Videointerview deutlich gemacht.

Unsere Experten waren sich insgesamt einig, dass die Möglichkeiten der neuen Technologie ausgeschöpft werden sollten, es jedoch Regeln für einen verantwortungsvollen Umgang braucht. Gerade um diese Regeln zu definieren ist eine öffentliche Debatte über Genchirurgie besonders wichtig. Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Prof. Dr. Peter Dabrock, betonte uns gegenüber: „Jetzt ist genau die Zeit für eine ernsthafte Debatte, bevor die Wissenschaft Fakten gesetzt hat oder sich unrealistische Schreckensszenarien ins kulturelle Gedächtnis eingenistet haben.“

Ob und wann Produkte, die mittels Genchirurgie verändert wurden, letztendlich auf den Markt kommen, hängt zumindest in Deutschland von den Ergebnissen der Koalitionsverhandlungen ab. Wir haben schon einmal die Parteien im Bundestag nach ihren Positionen gefragt. Die rechtliche Lage hierzulande und in der gesamten EU ist allerdings noch unklar.

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