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Eine Dosis Solidarität?

Über die weltweite Verteilung von Corona-Impfstoffen

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Mit Ausbruch der Corona-Pandemie begann der Wettlauf um die Entwicklung eines Impfstoffes gegen das Covid-19-Virus – und damit auch das Ringen um den Zugriff darauf. Bereits im März diesen Jahres sorgte das Gerücht, der amtierende US-Präsident Donald Trump wolle sich exklusive Rechte an einem potentiellen zukünftigen Covid-19-Impfstoff des Tübinger Unternehmens Curevac sichern, für Schlagzeilen. Curevac dementierte zwar, ein solches Angebot von der US-Regierung erhalten zu haben, aber das Beispiel zeigt: In der Frage der globalen Verteilung eines Corona-Impfstoffes spielen nationale Egoismen eine wichtige Rolle und die Frage nach einer gerechten Verteilung bleibt vorerst unbeantwortet. 

Angebot und Nachfrage

Obwohl frühestens Anfang 2021 mit einem Impfstoff zu rechnen ist, ist schon jetzt klar: Wenn er auf den Markt kommt, wird die Nachfrage das Angebot zunächst weit übersteigen. „Wenn man die Firmen fragt, in welchen Mengen sie produzieren, dann geht es derzeit eher um hunderte Millionen, BioNTech und Pfizer haben aber in Aussicht gestellt, dass sie im kommenden Jahr nach der Zulassung 1,3 Milliarden Dosen zur Verfügung stellen wollen”, sagt Prof. Dr. Gerd Glaeske, Leiter der Abteilung „Gesundheit, Pflege und Alterssicherung” am SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen. Die Ressource Impfstoff wird also, zumindest in den ersten Monaten nach der Zulassung, ein sehr knappes Gut sein, zumal in einigen Fällen von der Notwendigkeit einer Doppelimpfung ausgegangen wird. 

„Es werden teilweise viel mehr Dosen vorbestellt, als man eigentlich für die Bevölkerung bräuchte, weil man nicht weiß, welcher Impfstoff erfolgreich sein wird.“

Prof. Dr. Lisa Herzog, Fakultät für Philosophie, Universität Groningen

Nicht immun gegen Impfnationalismen 

Deshalb  versuchen nationale Regierungen, möglichst viele Impfdosen für die eigenen Bevölkerungen zu sichern – ein Phänomen, das auch „Impfnationalismus” genannt wird. „Das passiert in der Praxis durch Verträge mit Firmen, die vielversprechende Impfstoffkandidaten haben und führt teilweise zu einem regelrechten Horten, also es werden teilweise viel mehr Dosen vorbestellt, als man eigentlich für die Bevölkerung bräuchte, weil man nicht weiß, welcher Impfstoff erfolgreich sein wird”, sagt Prof. Dr. Lisa Herzog von der Fakultät für Philosophie der Universität Groningen

Großbritannien hat sich beispielsweise bereits jetzt 340 Millionen Dosen von erfolgsversprechenden Impfstoffkandidaten gesichert. Diese Menge würde ausreichen, um die gesamte britische Bevölkerung fünf Mal zu impfen – gesetzt den Fall, dass tatsächlich alle der Kandidaten am Ende auch zugelassen werden. Die USA wollen mit ihrer „Operation Warp Speed” mindestens 300 Millionen Impfdosen für die amerikanische Bevölkerung sichern. Auch die Europäische Kommission hat nach eigenen Angaben bislang 800 Millionen Impfdosen über Verträge mit den Impfstoffherstellern AstraZeneca, Sanofi und Johnson & Johnson für die EU-Mitgliedstaaten gesichert. Erst vor wenigen Tagen schloss die Kommission zudem einen Vertrag über bis zu 300 Millionen Dosen mit BioNTech und Pfizer ab. Deutschland soll etwa 54 Millionen Impfdosen über die EU-Impfstoffstrategie erhalten.

Auf nationaler Ebene hat die Bundesregierung Lieferungen mit den durch das deutsche Sofortprogramm geförderten Unternehmen BioNTech, Curevac und IDT Biologika GmbH vereinbart. Laut Gesundheitsminister Jens Spahn werden die drei Unternehmen insgesamt 40 Millionen Impfdosen für Deutschland bereitstellen. Insgesamt wird Deutschland – sofern die Impfstoffe zugelassen werden – also über 94 Millionen Dosen verfügen. Damit könnten rund 56 Prozent der Deutschen die derzeit als notwendig angenommenen zwei Impfdosen erhalten. 

„Ich befürchte, dass es zu einer Ungleichheit kommen wird, wenn man sich nicht auf einen internationalen Verteilungsschlüssel einigen kann, der sich nach den tatsächlichen Bedarfen richtet.”

Prof. Dr. Gerd Glaeske, SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik, Universität Bremen

Ein globales Ungleichgewicht

In Deutschland, Großbritannien, den USA und den europäischen Ländern wird es diesen Berechnungen zufolge vermutlich genug Impfstoff geben. Das sieht andernorts anders aus.  „Die reicheren Länder, die es sich leisten können, solche Verträge abzuschließen, werden ihre Bevölkerungen entsprechend früher impfen können und ärmere Länder erst später”, sagt Herzog. Einer Oxfam-Analyse von September zufolge hatten sich reiche Nationen, die zusammen nur 13 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, 51 Prozent der in Aussicht stehenden Dosen der erfolgversprechendsten Impfstoffkandidaten gesichert. 

„Ich befürchte, dass es zu einer Ungleichheit kommen wird, wenn man sich nicht auf einen internationalen Verteilungsschlüssel einigen kann, der sich nach den tatsächlichen Bedarfen richtet”, sagt Glaeske. Zur Realisierung eines solchen Mechanismus, fordert der Gesundheitsökonom die Einrichtung eines internationalen Ethikrates: „ Dieser könnte institutionell beispielsweise bei einer der anerkannten internationalen Organisationen, wie der Weltgesundheitsorganisation oder den Vereinten Nationen, angesiedelt werden. Ohne ein solches Gremium, glaube ich, werden sich Nationalismen und Profitinteressen durchsetzen”.  

Internationale Solidarität: Die COVAX-Initiative

Am nächsten kommt einem solchen Gremium die Platform COVAX, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Coalition for Epidemic Preparedness and Innovations (CEPI) und der Impfallianz Gavi eingerichteten wurde. Unter der Maxime „nobody wins the race until everybody wins” (niemand gewinnt das Rennen bis alle gewinnen) hat COVAX Impfnationalismus den Kampf angesagt und angekündigt, weltweit einen fairen Zugang zu Covid-19-Impfstoffen zu ermöglichen. 

Nach Auskunft von Gavi (Stand: 29.10.2020) haben bislang 76 „selbstfinanzierende” Länder ihre Teilnahme an COVAX zugesagt. Deutschland ist COVAX über die EU beigetreten. 92 Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen sollen über die Initiative Unterstützung für die Beschaffung von Covid-19-Impfstoffen erhalten. Ziel von COVAX ist es, mit der gebündelten Kaufkraft der teilnehmenden Länder in ein Portfolio von vielversprechenden Impfstoffkandidaten zu investieren und so Impfdosen für mindestens 20 Prozent der Bevölkerung dieser Länder zu sichern. Ähnlich wie andere wohlhabende Länder, will Deutschland COVAX zwar finanziell und mit technischer Expertise unterstützen, selbst aber keine Impfstoffe über die Allianz beziehen. 

Die von COVAX gesicherten Dosen sollen über einen von der WHO entwickelten Allokationsmechanismus in zwei Phasen gerecht an die teilnehmenden Länder verteilt werden. In der ersten Phase soll es eine zu der jeweiligen Bevölkerungsgröße der teilnehmenden Länder proportionale Allokation geben. Zunächst sollen alle Länder ausreichend Impfstoffe erhalten, um drei Prozent ihrer Bevölkerung zu impfen, dann sollen graduell weitere Tranchen ausgegeben werden, bis alle Länder 20 Prozent ihrer Bevölkerung impfen können. In der zweiten Phase sollen die Impfstoffe dann nicht mehr proportional, sondern entsprechend einer Risikobewertung verteilt werden. Der Mechanismus stellt bislang nur eine Arbeitshypothese dar, denn die Verteilung wird sich nach dem Sicherheits- und Wirksamkeitsprofil der zugelassenen Impfstoffe richten müssen.

„Während die einen derzeit vielleicht auf Restaurantbesuche und Fernreisen verzichten müssen, geht es für andere ums nackte Überleben.”

Prof. Dr. Lisa Herzog, Fakultät für Philosophie, Universität Groningen

Eine gerechte Verteilung muss auf dem Bedarf basieren

„Der Weg von reinem Impfstoffnationalismus hin zu internationaler Kooperation über COVAX ist natürlich schon ein riesiger Schritt – es könnte aber noch besser gehen”, sagt Herzog. Die Philosophin und Sozialwissenschaftlerin bewertet insbesondere den von der WHO vorgeschlagenen proportionalen Verteilungsmechanismus kritisch: „Das sieht vollkommen davon ab, was die eigentliche Gefährdungslage und die konkreten Risiken, zu dem Zeitpunkt, an dem der Impfstoff dann verfügbar ist, sein werden. Wenn die WHO das ethische Prinzip der Gerechtigkeit oder Fairness wirklich ernst nimmt, dann ist diese sture Verteilung an drei Prozent und 20 Prozent der Bevölkerungen nicht die beste Lösung, dann müsste man nach dem Bedarf gehen.” Schließlich seien die Dinge, die auf dem Spiel stehen, aufgrund einer ungleichen und ungerechten Weltordnung sehr verschieden. „Während die einen derzeit vielleicht auf Restaurantbesuche und Fernreisen verzichten müssen, geht es für andere ums nackte Überleben”, sagt Herzog. 

Gemeinsam mit anderen Wissenschaftler*innen hat Herzog deshalb das „Fair Priority Model” entwickelt, das im September im Magazin „Science” vorgestellt wurde. Das Modell nimmt drei grundlegende ethische Prinzipien als Ausgangspunkt: erstens Menschen nutzen und Schaden begrenzen, zweitens Benachteiligte priorisieren und drittens gleiche moralische Berücksichtigung aller. Auf Basis dieser Prinzipien wurde ein Drei-Phasen-Modell aufgebaut. Die erste Phase zielt darauf ab, Todesfälle und andere irreversible direkte oder indirekte Gesundheitsfolgen zu verhindern. Dafür sollen Herzog zufolge Impfstoffe dorthin geliefert werden, wo je nach aktuellem Pandemiegeschehen die meisten Todesfälle, insbesondere von jüngeren Menschen, zu erwarten sind. In der zweiten Phase wird zusätzlich darauf fokussiert, schwerwiegende wirtschaftliche und soziale Einschränkungen zu reduzieren. In der dritten Phase soll die Impfstoffverteilung schließlich darauf abzielen, Übertragungen zu reduzieren, um die vor der Pandemie bestehenden Freiheiten sowie wirtschaftlichen und sozialen Aktivitäten wieder zu ermöglichen. 

Die Priorisierung von medizinischem Personal folgt nicht aus dem Modell. „Das liegt zum einen daran, dass bei einer guten Ausstattung des Personals die Ansteckungsgefahr nicht unbedingt erhöht ist und es stärker gefährdete Risikogruppen gibt”, sagt Herzog. „Zum anderen würde die Priorisierung des medizinischen Personals Länder mit gut ausgebauten Gesundheitssystemen und mehr medizinischem Personal priorisieren. Wir glauben nicht, dass durch eine solche Priorisierung die Zahl der durch die verfügbaren Impfdosen rettbaren Leben optimiert würde”. Sie hofft, dass sich die WHO noch überzeugen lässt, einen stärker bedarfsbasierten Verteilungsschlüssel wie den des Fair Priority Models anzuwenden. 

Über Logistik und Profit

Neben nationalen Egoismen und Uneinigkeiten bei moralischen Fragestellungen gibt es noch weitere Schwierigkeiten bei der Impfstoffverteilung. „Die logistischen Herausforderungen sollte man nicht kleinreden”, sagt Glaeske. Dabei seien sowohl die Temperaturbedingungen, unter denen die jeweiligen Impfstoffe gelagert und transportiert werden müssen, als auch die relativ engen Haltbarkeitszeiträume zu beachten. Die infrastrukturellen Voraussetzungen für Lagerung und Transport der Impfstoffe sind nicht in allen Regionen der Welt gegeben. Deshalb könnten die logistischen Herausforderungen dazu beitragen, bestehende globale Ungleichheiten auch in der Frage des Zugangs zu Covid-19-Impfstoffen zu zementieren. „Bei der Verteilung muss auf jeden Fall vermieden werden, dass Impfdosen verderben – beispielsweise, weil die Kühlketten nicht eingehalten werden können – und somit knappe Ressourcen verschwendet werden”, sagt Herzog. Um allen Menschen Zugang zu den Impfstoffen zu ermöglichen, müsse deshalb die Weltgemeinschaft in die Pflicht genommen werden, schlechter ausgestattete Länder beim Aufbau der erforderlichen Infrastruktur zu unterstützen. 

„Die Pharmaindustrie ist kein karitativer Verein, sondern eine Gewinnerin dieser Krise.“

Prof. Dr. Gerd Glaeske, SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik, Universität Bremen

Auch Profitinteressen der Pharmaindustrie könnten einer gerechten globalen Verteilung im Wege stehen. „Die Pharmaindustrie ist kein karitativer Verein, sondern eine Gewinnerin dieser Krise. Wenn man so will, ist diese Pandemie mit Absatzmengen von bis zu 16 Milliarden Impfdosen eine einmalige Einladung an die Pharmaindustrie. Es geht um gigantische Summen. Von daher gehe ich davon aus, dass Profitinteressen sicher im Spiel sind und auch tüchtig verdient werden wird”, sagt Glaeske. Versicherungen mancher Pharmafirmen, man werde die Impfstoffe zum Selbstkostenpreis abgeben, hält der Gesundheitsökonom für Augenwischerei. 

Hinzu kommt, dass Impfnationalismus dazu führen könnte, dass Regierungen sich gegenseitig in ihrer Zahlungsbereitschaft überbieten, dadurch die Preise für Impfstoffe in die Höhe steigen und der Zugang für ärmere Länder zusätzlich erschwert wird. Allerdings hat die zentrale Rolle von privatwirtschaftlichen Pharmaunternehmen in der Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen auch Vorteile. So geht Glaeske davon aus, dass die Entwicklungsprozesse weitaus länger dauern würden, wäre kein privates Kapital im Spiel. 

Solidarität ist effizienter

Gelingt es nicht, eine faire Verteilung der Impfstoffe zu bewerkstelligen, drohen den Expert*innen zufolge verheerende Konsequenzen. „Es wird sehr viele vermeidbare Todesfälle geben. Außerdem kann Impfnationalismus auch dazu führen, dass die globale Bekämpfung der Pandemie insgesamt länger dauert, als notwendig”, sagt Herzog. Auch deshalb sei es laut Glaeske im Interesse aller, nicht nur auf sich selbst zu schauen: „Es ist nicht nur Altruismus, sondern tatsächliches Eigeninteresse, dass Menschen weltweit Zugang zu den Impfstoffen erhalten. Das Coronavirus verbreitet sich in unserer globalisierten Welt beispielsweise durch Tourismus und wirtschaftliche Beziehungen sehr schnell und kann nur durch einen weltweiten Impfschutz effizient und nachhaltig eingedämmt werden.”

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