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„Ich kann Konflikte nicht ausschließen und halte sie nicht für unmöglich.”

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Thomas Mertens

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Aktuell wird weltweit an mehr als 200 Impfstoffkandidaten gegen SARS-CoV-2 geforscht. Wie weit ist die Entwicklung und wann rechnen Sie konkret mit einer Zulassung eines Impfstoffs?

Für diese Frage sind weniger die Suche nach einem erfolgreichen Impfstoffkandidaten und die Entwicklung eines Impfstoffs relevant als die Ergebnisse, welche wir aus den Phase-3-Studien erwarten. Denn nur diese Ergebnisse können uns tatsächlich Auskunft über die Sicherheit und Wirksamkeit eines Impfstoffes geben. Das sind die entscheidenden Voraussetzungen dafür, dass ein Impfstoff zugelassen und empfohlen werden kann. Wenn die Ergebnisse aus der Phase-3-Studie ergeben, dass die Voraussetzung gegeben sind, rechne ich mit der Zulassung eines Impfstoffs oder mehrerer Impfstoffe durch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) um die Jahreswende und mit einer entsprechenden Zurverfügungstellung des Impfstoffs zu Beginn des kommenden Jahres.

Lässt sich der Zeitraum noch konkretisieren?

Nein, selbst die EMA, die über die Zulassung entscheidet, hält sich über die Zeiträume noch völlig bedeckt. Insofern wäre es nicht korrekt, weitere Spekulationen über den konkreten Zeitraum anzugeben. Ich persönlich bin ohnehin der festen Überzeugung, dass es nicht so entscheidend ist, ob man einen Monat früher oder später mit der Impfung starten kann. Denn die epidemiologischen Auswirkungen der Impfung wird man erst nach längerer Zeit bemerken können. Entscheidender ist vielmehr, dass alle essentiellen Vorbereitungen bis zum erstmöglichen Impftermin abgeschlossen sind. Das ist die wirklich wichtige Voraussetzung, dass eine Impfkampagne dann auch funktionieren kann.

„Man wird die Impfung anfangs aus vielen praktischen Gründen nicht den Hausärzten überlassen können. Das wäre den Hausärzten gegenüber auch unfair, denn wenn eine Priorisierung vorgenommen wird, müsste diese auch eingehalten werden und das kann man von Hausärzten nicht verlangen. Daher müsste die Impfung von Impfzentren übernommen werden.“

Welches sind die zentralen Herausforderungen bei der Vorbereitung der Impfkampagne, die noch zu klären sind?

Ganz entscheidend ist dazu die Frage nach den Impfzentren. Denn eines ist klar: Man wird die Impfung anfangs aus vielen praktischen Gründen nicht den Hausärzten überlassen können. Das wäre den Hausärzten gegenüber auch unfair, denn wenn eine Priorisierung vorgenommen wird, müsste diese auch eingehalten werden und das kann man von Hausärzten nicht verlangen. Daher müsste die Impfung von Impfzentren übernommen werden, die erst noch in Zahl und Standort definiert werden müssen. Aber auch weitere logistische Voraussetzungen müssen noch geklärt werden.

Welche sind das?

Bei einigen Impfstoffen ist bereits bekannt, dass diese tiefgekühlt transportiert und gelagert werden müssen, dafür braucht es die entsprechenden Kühlketten. Und es müsste sichergestellt werden, dass die dann priorisierten Gruppen auch zu den jeweiligen Zeiträumen in die Impfzentren kommen, bzw. diese auch mobil sind, so dass beispielsweise auch Bewohner eines Altersheims geimpft werden könnten.

Ganz entscheidend ist aus Sicht der STIKO aber noch ein anderer Punkt: Wir müssen sicherstellen, dass wir eine flächendeckende Dokumentation der Impfungen haben. Wir wissen aus den Phase-3-Studien einiges über die Sicherheit des Impfstoffes, aber wir brauchen eine verlässliche und einheitliche Dokumentation, um die Sicherheit und die Wirksamkeit des Impfstoffes weiterhin zu überwachen. Für mich ist diese Dokumentation entscheidend und ich würde es fast für verantwortungslos halten, wenn man eine Impfkampagne startet, ohne dass die verlässliche Dokumentation sichergestellt ist.

Wer sollte denn diese Dokumentation durchführen?

Das Bundesgesundheitsministerium hat den Auftrag, ein solches System zu etablieren, an das Robert-Koch-Institut übergeben. Es ist dann zwingend notwendig, dass es zu einer bundeseinheitlichen Dokumentation kommt. Ich weiß nicht, inwieweit die einzelnen Bundesländer tatsächlich auch bereit sind, diese Dokumentation dem Bund zu überlassen, plädiere aber entschieden gegen die Einführung von länderspezifischen Regelungen hierzu.

„Unser Anliegen ist es, eine evidenzbasierte Empfehlung zu erarbeiten, die Auskunft darüber gibt, welche Impfstrategie uns den meisten gesellschaftlichen Nutzen gibt. Und da gibt es zwei grundsätzlich unterschiedliche Ansätze.“

Sprechen wir über die Frage der Priorisierung einer Impfung: Denn sobald ein Impfstoff verfügbar ist, wird er zunächst nur in begrenzter Zahl zu verimpfen sein. Die STIKO hat dazu gemeinsam mit dem Deutschen Ethikrat und der Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften Rahmenkriterien definiert, die einer Priorisierungsempfehlung zugrunde liegen müssen. Etwas später folgt dann die konkrete Empfehlung der STIKO entsprechend dem Infektionsschutzgesetz wer zuerst geimpft werden sollte. Wann ist mit der Veröffentlichung dieses Papiers zu rechnen?

Die Veröffentlichung der erwähnten Rahmenbedingungen wird sehr bald erfolgen. Das konkrete Datum, sowie die Details kann ich Ihnen nicht nennen, werden aber in Kürze bekannt gemacht werden. Und ich kann festhalten, dass die Arbeit gemeinsam mit dem Ethikrat und der Leopoldina sehr wichtig und ergiebig war.

Welche Überlegungen hinsichtlich einer Priorisierung von Bevölkerungsgruppen gibt es denn?

Unser Anliegen ist es, eine evidenzbasierte Empfehlung zu erarbeiten, die Auskunft darüber gibt, welche Impfstrategie uns den meisten gesellschaftlichen Nutzen gibt. Und da gibt es zwei grundsätzlich unterschiedliche Ansätze: Das eine ist der Individualschutz– und in diesem Falle ist die Entscheidung für die entsprechende Bevölkerungsgruppe relativ leicht. Angehörige von Risikogruppen, welche die höchste Wahrscheinlichkeit haben schwer zu erkranken, würden im Sinne des Individualschutzes priorisiert geimpft werden. Erschwerend ist hierbei allerdings, dass nicht alle Risikogruppen in den Phase-3-Studien so vertreten sind, dass mit der Veröffentlichung der Ergebnisse abschließend geklärt sein wird, wie sehr Angehörigen einer Risikogruppe den Impfstoff tatsächlich auch nützt.

Und was wäre der zweite Ansatz?

Demgegenüber steht der sog. Transmissionsansatz. Das heißt man zielt darauf ab diejenigen zu impfen, die besonders zahlreich Infektionen nachweisen, um eine Weitergabe der Infektionen zu stoppen, so dass das der indirekte Effekt der Impfungen auf die gesamte Bevölkerung wirken und das Infektionsgeschehen verringern. Dazu muss diese Gruppe allerdings bekannt sein und mit der Impfkampagne auch erreicht werden und es muss klar sein, dass die Impfstoffe nicht nur eine Erkrankung, sondern auch die Transmission verhindern.

Als weitere Gruppe wird auch immer wieder das medizinische Personal genannt, welches möglichst schnell gegen SARS-CoV-2 geimpft sein sollte. Welche Überlegungen gibt es hierzu, bzw. auch zu weiteren „systemrelevanten Menschen”?

Das sind ganz zentrale ethische Überlegungen. Das Argument ist hier, dass jemand, der sich im Sinne der Allgemeinheit einem höheren Infektions- und Erkrankungsrisiko aussetzt, auch präferenziell geimpft werden sollte – das trifft hier ganz konkret auf das medizinische Personal zu. Die Frage nach dem richtigen Umgang mit anderen sogenannten systemrelevanten Gruppen ist hingegen sehr viel schwieriger. Denn keiner von uns geht aktuell davon aus, dass dieses Virus systemrelevante Funktionen, wie die Wasserversorgung, Feuerwehr oder Polizei, zum Erliegen bringen kann. In diese Gruppe würden natürlich auch Erzieher*innen und Lehrer*innen zählen. Und den gesonderten Schutz dieser Gruppe haben wir intensiv diskutiert.

Dazu kommen bei der Überlegung aber auch noch weitere ethische Kriterien, die für die Frage einer Priorisierung mitberücksichtigt werden sollten. Gerade die Zusammenführung von medizinisch-wissenschaftlichen Aspekten auf der einen Seite und ethischen Kriterien auf der anderen Seite ist entscheidend und hat auch unsere Arbeit bereichert.

„Priorisierung selbst und die Durchführung ist dann Sache der Bundesländer und des Bundes z.B. durch die entsprechende Gesetzgebung – denn diese sind zuständig bei den grundsätzlichen Fragen der Gesundheitsvorsorge. Und es ist wichtig, dass es eine Legitimierung der empfohlenen Priorisierung geben wird.“

Wird es dazu eine konkrete Empfehlung geben?

In dem jetzt vor der Bekanntmachung stehenden Papier wird eine konkrete Priorisierung einzelner Bevölkerungs- oder Berufsgruppen nicht so detailliert genannt werden. Vielmehr werden die Empfehlungen die Rahmenbedingungen festlegen, die bei der Frage der konkreten Priorisierung eingehalten werden sollten. Es wird eine Empfehlung der STIKO zur Priorisierung folgen und die Priorisierung selbst und die Durchführung ist dann Sache der Bundesländer und des Bundes z.B. durch die entsprechende Gesetzgebung – denn diese sind zuständig bei den grundsätzlichen Fragen der Gesundheitsvorsorge. Und es ist wichtig, dass es eine Legitimierung der empfohlenen Priorisierung geben wird.

Für wie realistisch halten Sie es, dass tatsächlich unterschiedliche Priorisierungen in den Bundesländern herrschen werden?

Ich denke, dass es keine Unterschiede in der Frage der Impfverteilung und der konkreten Umsetzung der Impfstrategie zwischen den Ländern geben wird. Alles andere fände ich abstrus. Aber ich persönlich halte an dieser Stelle den Föderalismus nicht für einen Vorteil, sondern sehe die Probleme, die er bei dieser wichtigen Frage auslösen könnte und erwarte eine bundeseinheitliche Lösung.

Befürchten Sie ganz konkret, dass es Konflikte um die Impfstoffe innerhalb der Bevölkerung geben wird?

Ich kann Konflikte nicht ausschließen und wenn ich in unsere gesellschaftliche Landschaft schaue, halte ich das nicht für unmöglich, dass es zu Diskussionen um die gerechte Zuteilung kommen wird. Und es kann sicher einige geben, die gegen die Entscheidung auch rechtlich oder auf andere Art und Weise vorgehen werden. An dieser Stelle ist aber die Frage der guten Kommunikation entscheidend. Denn es liegt eine große Verantwortung darin, für die Impfkampagne eine gute, zielgruppenspezifische Kommunikation zu etablieren. Denn je breiter die gesellschaftliche Akzeptanz für eine Priorisierung ist, desto besser ist es auch für die Durchführung der Impfstrategie. Aber das bedeutet, dass man Kommunikation betreiben muss, so dass jeder sie versteht und sie auch in den Kanälen platziert, die von den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen genutzt werden.

„Eine Impfpflicht wäre allein mit den ethischen Kriterien nicht vereinbar. Auch vor einer gruppenspezifischen Impfpflicht stünden enorm hohe Hürden. Eine ethische Grundvoraussetzung für eine Impfung ist die Freiwilligkeit und die soll auf jeden Fall erhalten sein.“

Gleichzeitig wird teilweise befürchtet, es könnte langfristig eine Impfpflicht eingeführt werden. Ist das in den bisherigen Überlegungen in Erwägung gezogen worden?

Eine Impfpflicht ist nicht vorgesehen und nicht diskutiert worden. Das hat auch der Bundesgesundheitsminister Spahn mehrfach klar zum Ausdruck gebracht und diese Haltung wird von mir klar unterstützt. Eine Impfpflicht wäre allein mit den ethischen Kriterien nicht vereinbar. Auch vor einer gruppenspezifischen Impfpflicht stünden enorm hohe Hürden. Eine ethische Grundvoraussetzung für eine Impfung ist die Freiwilligkeit und die soll auf jeden Fall erhalten sein. Umso wichtiger ist es also, die gesellschaftliche Akzeptanz zu erreichen. Wichtig wird dazu auch sein, etwaige Falschmeldungen rasch zu kontrollieren und zu konterkarieren. aber die betonte Transparenz ist der einzige Weg den wir haben und den wir in der Kommunikation auch anwenden sollten.

Wie lange würde es überhaupt dauern, bis alle, die an einer Impfung interessiert sind, geimpft werden könnten?

Ich persönlich glaube nicht, dass das innerhalb des kommenden Jahres zu schaffen sein kann. Anhand einer einfachen Rechnung lässt sich das sehr anschaulich verdeutlichen: Wenn wir eine Größenordnung von 100.000 Menschen pro Tag impfen wollen, brauchen wir für 15 Millionen immerhin 150 Tage – also knapp ein halbes Jahr. Hinzu kommt, dass wir noch nicht einmal wissen, wieviel und wann der Impfstoff tatsächlich zur Verfügung gestellt werden kann, und eine einmalige Impfung wird bei den meisten Impfstoffen nicht ausreichend sein. Wenn mehr als eine Impfung notwendig ist, kommen weitere logistische Herausforderungen dazu. Denn wir erwarten, dass unterschiedliche Impfstoffe nicht untereinander austauschbar sein werden.

„Zunächst haben die Zulassung und die dann anlaufenden Impfungen überhaupt keine Effekte auf die Maßnahmen und die notwendigen Einschränkungen. Es ist wichtig, dass deutlich zu kommunizieren. Bis wir einen epidemiologischen Effekt haben wird schließlich einige Zeit vergehen.“

Insgesamt wird sehr viel Hoffnung in die Entwicklung des Impfstoffs gesteckt. Politisch wird teilweise ja suggeriert, dass wir so lange noch durchhalten müssen. Wie wird sich der gesellschaftliche und politische Umgang mit der Pandemie durch eine Impfung ihrer Meinung nach verändern? Welche Effekte hat die Zulassung konkret auf aktuelle Maßnahmen?

Zunächst haben die Zulassung und die dann anlaufenden Impfungen überhaupt keine Effekte auf die Maßnahmen und die notwendigen Einschränkungen. Es ist wichtig, dass deutlich zu kommunizieren. Bis wir einen epidemiologischen Effekt haben wird schließlich einige Zeit vergehen. Für eine hoffentlich entstehende Herdenimmunität bräuchten wir beispielsweise 60 Prozent der Bevölkerung, die durch eine Erkrankung oder durch eine Impfung Antikörper gegen das Virus haben. Das allein macht deutlich, dass sich an der Notwendigkeit von Maßnahmen zur Einschränkung unseres gesellschaftlichen Lebens erst einmal gar nichts ändern wird.

 

Zur Person

Der Virologe Prof. Dr. Thomas Mertens ist Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut. Bis 2018 leitete er zudem das Institut für Virologie an der Universität Ulm.

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Aktualisierung

Am 9. November 2020 wurde das Positionspapier der gemeinsamen Arbeitsgruppe aus Mitgliedern der STIKO, des Deutschen Ethikrats und der Leopoldina unter dem Titel „Wie soll der Zugang zu einem COVID-19-Impfstoff geregelt werden“ veröffentlicht.

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