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Rennen um einen Corona-Impfstoff – Teil 1

Das ist der Stand der Impfstoff-Entwicklung

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Seit Monaten hält das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 die Welt in Atem. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) steigt die Zahl der bekannten Infizierten in Deutschland erneut stark an (12.097 neue Fälle im Vergleich zum Vortag, Stand: 2. November 2020). Die Hoffnung liegt auf einem Impfstoff, der Menschen vor der durch SARS-CoV-2 ausgelösten Krankheit Covid-19 schützen und beim Kampf gegen die Pandemie helfen soll. Daran arbeiten weltweit Wissenschaftler*innen und Unternehmen mit Hochdruck und unter dem Einsatz immenser Ressourcen. 

Mehr als 200 Forschungsprojekte, die an einem COVID-19-Impfstoff arbeiten, listet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) derzeit (Stand: 29.Oktober 2020). Bereits 45 Impfstoffkandidaten werden in klinischen Studien an Freiwilligen getestet, davon zehn in der Phase-III, die über die Zulassung entscheidet. „Bisher liegen keine Wirksamkeitsdaten vor. Das heißt, man weiß jetzt bei einigen Kandidaten, dass sie fähig sind, eine Immunantwort im Menschen auszulösen. Man weiß aber noch nicht, ob das ausreicht, um Menschen auch vor einer Infektion zu schützen”, sagt Dr. Sebastian Ulbert vom Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie. Genau das wird in Phase-III der klinischen Studien geprüft. Die Vakzine müssen darin beweisen, dass sie wirken und sicher sind. 

Dazu wird an mehreren tausend Teilnehmer*innen – kontrolliert durch eine Placebogruppe – getestet, ob ein potenzieller Impfstoff zuverlässig schützt und eventuell Nebenwirkungen verursacht. Insbesondere soll getestet werden, ob er auch bei Risikogruppen wie Älteren oder immunschwachen Personen wirksam ist. Die Studien finden vor allem in Hotspot-Regionen wie Brasilien, den USA oder Südafrika statt. Grund dafür sei laut Ulbert, dass die Infektionszahlen dort in den vergangenen Wochen und Monaten besonders hoch waren. Forscher*innen könnten so statistisch aussagekräftige Ergebnisse erhalten, ob der Impfstoff tatsächlich schützt. „In diesen Regionen hat man viele Infektionen und kann deshalb viele Menschen impfen und herausbekommen, ob die Geimpften sich weniger infizieren als die Nicht-Geimpften”, so Ulbert. 

Wettlauf um die Zulassung

Nach einer erfolgreichen Testung, startet der Wettlauf um die Zulassung. Seit Oktober laufen bereits sogenannte Rolling-Review-Verfahren der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) für zwei Impfstoffe: dem Kandidaten der Universität Oxford und des Pharmaunternehmens AstraZeneca und dem der Mainzer Firma BioNTech und des US-Pharmakonzerns Pfizer. In diesem beschleunigten Verfahren werden die die Daten schon während der noch laufenden Phase-III-Studien bewertet. Die frühzeitige Bewertung soll das Verfahren verkürzen. Damit keine Abstriche bei der Sicherheit gemacht werden, erfolgt die Zulassung trotzdem erst nachdem alle Daten zur Sicherheit des Impfstoffs vorliegen. In Deutschland übernimmt das das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) im Rahmen der europäischen Impfstoffzulassung. 

Doch selbst nach Abschluss der Phase-III-Studien und einer erfolgten Zulassung werden die Impfstoffe weiter geprüft und Sicherheitsdaten gesammelt. „Bei zehn oder 20 Tausenden können manche Nebenwirkungen nicht auftreten. Manche Nebenwirkungen treten wirklich erst auf, wenn man eine Million geimpft hat, weil sie so selten sind”, sagt Dr. Christine Dahlke, die in der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Marylyn Addo, Leiterin der Sektion Infektiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, forscht.

Dass trotz des enormen Tempos alle nötigen Sicherheitsvorschriften eingehalten werden, zeigen Unterbrechungen bei einigen klinischen Studien: Als Anfang September eine Studienteilnehmerin im Vereinigten Königreich erkrankte, stoppte AstraZeneca die Studie vorerst. Die Probandin entwickelte neurologische Symptome, wie sie bei einer Transversen Myelitis, einer seltene entzündlichen Erkrankung des Rückenmarks vorkommen können. „Wenn ein Proband wirklich schwerwiegende Nebenwirkungen hat, und wie in diesem Fall das Nervensystem betroffen ist, dann kann oder muss es dazu führen, dass die Studie erst mal gestoppt wird, bis man herausbekommt, was da passiert ist”, sagt Ulbert. Nach Prüfung durch ein unabhängiges Komitee wird die Studie mittlerweile wieder fortgesetzt.

„Das ist eigentlich ein ganz normaler Vorgang, und das zeigt auch, dass die Sicherheitsregularien bei der Durchführung der Studie funktionieren.” So wurde beispielsweise die Impfstoffstudie von Johnson&Johnson nach einem ähnlichen Vorfall im Oktober vorerst ausgesetzt. Zuletzt ist in Brasilien ein Teilnehmer der Studie von AstraZeneca gestorben. Laut Medienberichten handelt es sich dabei allerdings um einen jungen brasilianischen Arzt, der nicht den Impfstoff, sondern ein Placebo erhalten hat. Deshalb wird die Studie nun ohne weitere Einschränkungen fortgesetzt. 

Infografik Phasen Impfstoffentwicklung

Rasante Impfstoffentwicklung

Dass die Entwicklung und Zulassung der Impfstoffe derzeit so schnell vorangeht, hat gleich mehrere Gründe: Derzeit fließt sehr viel Geld in die Impfstoffforschung. Bei Herstellern sinkt das Risiko auf den Entwicklungskosten sitzen zu bleiben. Daneben hat die EMA die Impfstoffzulassung auf ihre Prioritätenliste gesetzt. Die Behörden versuchen bürokratische Abläufe zu verkürzen und prüfen die Daten parallel während die Studien noch laufen. Außerdem finden die Wissenschaftler*innen während einer Pandemie schneller Studienteilnehmer*innen. Viele Forschungsgruppen weltweit können zudem auf Vorerfahrungen aus der Impfstoffentwicklung gegen die Coronaviren SARS und MERS zurückgreifen. Auch die Sequenz von SARS-CoV-2 war schnell bekannt: Bereits im Januar haben chinesische Wissenschaftler*innen das virale Genom entschlüsselt und online veröffentlicht. 

So ist es möglich, dass das PEI bereits zum Ende 2020 oder Anfang 2021 erste Ergebnisse aus den Phase-III-Studien für einige Kandidaten erwartet und auf Anfrage schriftlich mitteilte, dass es im Falle einer positiven Nutzen-Risiko-Bewertung damit rechnet, „dass die Europäische Kommission eine Zulassung erteilt, möglicherweise schon Anfang kommenden Jahres”. Damit wäre ein normalerweise Jahre oder Jahrzehnte andauernder Prozess innerhalb knapp eines Jahres abgeschlossen. 

Mehr als ein zugelassener Covid-19-Impfstoff möglich

Dabei ist es wahrscheinlich, dass es aufgrund der großen Zahl an Impfstoffkandidaten am Ende mehr als einen zugelassenen Impfstoff geben wird. „Man muss natürlich auch bedenken, dass es wahrscheinlich nicht einen Impfstoff gibt, der für alle einen Schutz hervorruft. Da gibt es jetzt die Chance, durch die vielen verschiedenen Impfstoffkandidaten, zu schauen, welcher Impfstoff für welche Teile der Bevölkerung am passendsten ist. Da können wir ein wenig in die Richtung personalisierte Medizin gehen”, sagt Dahlke. Es wäre ein großer Fortschritt, wenn Ärzt*innen Vakzine auswählen könnten, die beispielsweise den besten Schutz bei Kindern, Älteren, Gesunden oder Menschen mit Vorerkrankungen bieten.

Allerdings ist die Zulassung eines Impfstoffs nicht mit dem Ende der Pandemie gleichzusetzen. „Die Zulassung eines Impfstoffs heißt nicht, dass dieser sofort für die gesamte Bevölkerung zur Verfügung stehen wird”, heißt es aus dem PEI. Deshalb  entwickelt die Ständige Impfkommission (STIKO) am RKI eine Empfehlung, welche Bevölkerungsgruppen in Deutschland zuerst geimpft werden sollen. „Dazu gibt es auch schon Modellberechnungen, die sagen können: Wenn diese Populationen als erstes geimpft wird, könnte dies zum Beispiel einen wichtigen Beitrag zur Eindämmung der Pandemie leisten”, so Dahlke.

Jedoch bleibt abzuwarten, wie lange die Impfstoffe schützen werden und ob sie auch eine Ansteckung mit dem Coronavirus verhindern können. „Ich glaube auch, dass die Impfstoffe, die zuerst zugelassen werden, noch nicht optimal sein werden“, sagt Ulbert. Seiner Einschätzung nach werden die Impfstoffe der ersten Generation wahrscheinlich vor allem Symptome mildern und vor schweren Verläufen schützen können. Allerdings schlage ausgerechnet bei älteren Menschen eine Impfung oft schlechter an, denn ihr Immunsystem ist weniger leistungsstark. „Man möchte natürlich trotzdem bestimmte Risikogruppen schützen, bei denen der Impfstoff nicht ausreichend funktioniert, oder die man nicht impfen kann. In diesem Fall wäre natürlich ein Impfstoff schlecht, der zwar die Geimpften vor Krankheiten schützt, aber es nicht schafft, das Virus komplett zu eliminieren. Da wird eine Evolution stattfinden, es wird Nachfolgeprodukte mit besserer Wirksamkeit geben“, so Ulbert.

Hürden nach der Zulassung

Eine der größten Herausforderungen, bei der Versorgung der Bevölkerung mit einem potenziellen Impfstoff, ist es diesen in großen Mengen zu produzieren, aufzubewahren und dann zu verteilen. Das Bundesforschungsministerium hat deswegen ein 750 Millionen Euro schweres Sonderprogramm aufgelegt, um die Entwicklungs- und Produktionskapazitäten in Deutschland auszubauen. Das ist insbesondere deshalb notwendig, weil Wissenschaftler*innen derzeit davon ausgehen, dass jeder Einzelne für einen dauerhaften Schutz zweimal geimpft werden müsse. Bei einer Weltbevölkerung von knapp 7,8 Milliarden Menschen bedeutet das 15,6 Milliarden Impfdosen, die es zu verteilen gilt. Geht es nach der COVAX-Initiative, soll dies möglichst fair geschehen. Der Plan der Impfallianz GAVI (Global Alliance for Vaccines and Immunisation), der WHO und der Forschungsallianz CEPI (Coalition for Epidemic Preparedness Innovations) sieht vor, dass wohlhabende Staaten den Covid-19-Impfstoff kaufen und ihn an Länder weitergeben, die ihn sich sonst nicht leisten könnten. Ob dies gelingt, wird von Expert*innen unterschiedlich eingeschätzt. Fakt ist: Schon heute haben sich einige Länder Hunderte Millionen Dosen Impfstoff gesichert und das, obwohl diese noch gar nicht auf dem Markt sind. 

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