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„Vielen ,Arbeiterkindern’ bleibt das Unisystem fremd”

Ein Gespräch mit PD Dr. Markus Gamper

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Dr. Gamper, Sie sind Mitherausgeber des Buchs „Vom Arbeiterkind zur Professur“, in dem Forscher*innen von ihrem Aufstieg aus einer Kindheit in Armut hin zu einer Karriere in der Wissenschaft berichten. Was ist ihnen gemein?

Vielfach gab es Vorbilder, Mentor*innen, die den Kindern und Jugendlichen geholfen haben.  Pfarrer, Lehrer zum Beispiel. Ein wichtiger Aspekt ist aber auch die Illusion von der „Aufstiegsbiografie“. Man könnte meinen, diese Aufstiege seien total straight. Aber so ist es nicht. Sie sind krumm, zum Teil zufällig. Einige berichten von einem sehr steinigen Weg in die Wissenschaft, wo man nie wirklich ankomme. Es bleiben oft Scham und Unsicherheit zurück. Und: Zum Teil nimmt man eine Habitusanpassung vor, indem man Schauspielunterricht nimmt. Vielen bleibt das Unisystem fremd.

Wenn Sie als Arbeiterkind studieren, kommt es oft zu emotionalen Brüchen, man hat vielleicht andere Ansichten als die Eltern, muss sich neu positionieren, die Biografie neu ausrichten.

Schauspielunterricht? Muss man sich derart verbiegen, wenn man als Arbeiterkind in die Wissenschaft will?

Nicht nur im Hochschulumfeld. Man entfernt sich ja zum Teil auch von der Familie. Wenn Sie als Arbeiterkind studieren, kommt es oft zu emotionalen Brüchen, man hat vielleicht andere Ansichten als die Eltern, muss sich neu positionieren, die Biografie neu ausrichten. Für viele ist es ein Spagat. Die meisten dieser Professor*innen haben daher nicht unbedingt das Gefühl, sie hätten „es geschafft“ oder sind stolz auf ihre Professuren. Auch sieht man in ihren Biografien Gemeinsamkeiten dahingehend, dass sie versuchen, Vorbild zu sein, indem sie ihre Geschichte erzählen oder Schichtsensibilitäten in ihre Seminare mitnehmen. Einige engagieren sich – wie ich – in Mentorenprogrammen, wie „Balu und Du“ oder in der Initiative Arbeiterkind und bieten Sprechstunden für Studierende aus benachteiligten Schichten an.

Armut und Kinderarmut stehen in Deutschland in engem Zusammenhang mit Bildungsbenachteiligung…

In dem Zusammenhang ist Pierre Bourdieu interessant: Eine seiner Kernthesen war ja, dass staatliche Bildungssysteme Ungleichheit reproduzierten statt gleiche Chancen für alle zu schaffen, indem sie Neutralität vortäuschen. Durch eine bildungs- und erfolgsaffine familiäre Primärsozialisation besitzen Kinder aus schulbildungsnahen Schichten bereits die „richtigen“ Verhaltensweisen, Kenntnisse, Techniken sowie sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten, weil die Inhalte in der Schule Oberschicht- und obere Mittelschicht-orientiert sind. „Arbeiterkinder“ müssen erst lernen, welche Verhaltensweisen in der Schule belohnt und welche als störend empfunden werden und benehmen sich entsprechend häufig „daneben“ – wobei ich mit „daneben“ natürlich meine neben dem, was erwartet wird. Hinzu kommen sogenannte Diskriminierungs- oder auch Klassismuseffekte: Arbeiterkinder erhalten beispielsweise bei gleichen Schulleistungen seltener eine Gymnasialempfehlung.

Die Folgen zeigen sich beim Übergang in höhere Schulen. Welche empirischen Befunde gibt es?

Von 100 Kindern aus der sogenannten Arbeiterschicht gehen 46 auf eine Schule, die einen Hochschulzugang erlaubt, bei Akademiker*innen sind es mit 83 Prozent fast doppelt so viele. In der höheren Bildung wird das fortgeschrieben und die Schere geht weiter auf: An Hochschulen studieren 27 Prozent aus Arbeiterfamilien, 79 Prozent aus Akademikerhaushalten und nur jede*r zehnte Hochschulprofessor*in kommt aus der Gruppe der sogenannten first generation students, also aus nicht akademischen Haushalten.

Hilfreich wäre, wenn in der Gesellschaft und in den Institutionen die Akzeptanz für nicht ganz so stringente Lebensläufe größer wäre. Es muss erlaubt sein, dass man einen Umweg nimmt.

Welche Maßnahmen gegen Bildungsbenachteiligung halten Sie für effizient?

Ganztagsschulen könnten Kinder und Eltern enorm entlasten. Meine Mutter beispielsweise hatte als Schichtarbeiterin und Alleinerziehende zweier Kinder schlicht nicht immer die Zeit, um uns in schulischen Dingen zu unterstützen. Nach Arbeit und Nebenjobs musste der Alltag – beispielsweise Essen kochen – gemeistert werden, was bei zwei Jungs sehr schwer war. Außerdem wäre eine Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems wichtig, weil es durch die frühe Selektion Ungleichheiten reproduziert.

Was kann Jugendarbeit leisten?

In einem Drittmittelprojekt arbeiten wir gerade zur Bedeutung der offenen Jugendarbeit für Schulleistungen und sind dabei auf Studien gestoßen, die zeigen, dass es auch hier Unterschiede gibt. In Hauptschulen hat es den Anschein, als würden Kinder mit – oft klischeehaften – Angeboten eher „verwaltet“. Neben einem Aufbrechen solcher Angebote wäre vor allem wichtig, dass in der offenen Jugendarbeit gut evaluierte Projekte verstetigt und längerfristig finanziert werden. Auch wäre eine bessere Verzahnung von Schule und außerschulischen Trägern wünschenswert.

Welche Rahmenbedingungen müssen gegeben sein, um aus Armut herauszufinden?

Hilfreich wäre, wenn in der Gesellschaft und in den Institutionen die Akzeptanz für nicht ganz so stringente Lebensläufe größer wäre. Es muss erlaubt sein, dass man einen Umweg nimmt. Beispiel BAföG: Es ist statistisch so, dass Arbeiterkinder länger studieren. Sie müssen sich wegen des für sie besonders fremden Umfelds in Hochschulen zunächst orientieren, brauchen länger für ihr Studium und bekommen dann irgendwann kein Geld mehr.

Anpassung darf man nicht immer nur von denjenigen erwarten, die mit einer anderen Kultur groß geworden sind.

Könnten die Pläne der Ampelkoalition helfen?

Laut Koalitionsvertrag will die neue Regierung beim BAföG unter anderem Altersgrenzen stark anheben, Studienfachwechsel erleichtern, die Förderhöchstdauer verlängern und Teilzeitförderungen prüfen. Das sind wichtige Aspekte. Im Vertrag wird aber nur von Überprüfung gesprochen. Um mehr Kinder aus benachteiligten Familien zum Studium zu bewegen, wäre ein BAföG ohne Darlehensanteil wichtig.

Sollten unterstützende Angebote generell eher bei Kindern oder bei Eltern ansetzen?

Man müsste auf drei Ebenen ansetzen: Bei den Eltern, beim Kind und in den Institutionen. Letztere müssen anerkennen, dass unsere Gesellschaft heterogen ist. Anpassung darf man nicht immer nur von denjenigen erwarten, die mit einer anderen Kultur groß geworden sind. Wichtig wäre die tatsächliche Umsetzung des Konzepts einer ernstgemeinten Inklusion. Aber natürlich brauchen auch Kinder direkt und ebenso ihre Eltern unbürokratische Unterstützung.

Wie kann Eltern geholfen werden?

Es geht natürlich auch um finanzielle Unterstützung, aber ebenso um ein Verständnis für prekäre Lebenssituationen von benachteiligten Familien und um eine größere Transparenz und Offenheit der Bildungsinstitutionen.

Ich hatte mit Lehrenden und Professor*innen zu tun, die nicht-lineare Lebensläufe akzeptiert haben.

Sie sind selbst als Kind einer ungelernten Arbeiterin aufgewachsen und sind heute Akademischer Rat an der Universität Köln. Was konkret hat Ihnen geholfen auf Ihrem Weg?

Meine Mutter, Freunde – besonders aus schulbildungsnahen Schichten – und Vorbilder wie Lehrer*innen. Meine Mutter war sehr bildungsaffin und hat alles getan, um mir meinen Weg zu ermöglichen. Sie war alleinerziehend, hat in Schichten gearbeitet, neben der Arbeit geputzt, sich selbst aufgegeben für ihre beiden Kinder. Später waren Freunde wichtig, die sich im Universitätssystem auskannten. Die Eltern einer Freundin haben die Kosten der Immatrikulation übernommen, als ich mal Geldprobleme hatte, andere haben mir gezeigt, wie man Professor*innen richtig kontaktiert. Außerdem: Ich hatte mit Lehrenden und Professor*innen zu tun, die nicht-lineare Lebensläufe akzeptiert haben. Dass ich in Schule und Uni auf Menschen getroffen bin, die dies als Bereicherung gesehen haben, ist nicht der Normalfall – obwohl es natürlich unbedingt die Regel sein sollte. Schlussendlich brauchen wir mehr institutionelle Veränderungen, um Bildungsungleichheit nicht immer wieder zu reproduzieren, sodass „Arbeiterkinder“ nicht nur von wohlwollenden Individuen abhängig sind.

Zur Person

PD Dr. Markus Gamper ist seit 2012 Akademischer Rat an der Universität zu Köln im Bereich Kultur- und Erziehungssoziologie. Er lehrt und forscht unter anderem zu Klassismus und zu gelingender Bildung unter Bedingungen von besonderer Benachteiligung und ist Mitherausgeber des 2020 erschienenen Buchs „Vom Arbeiterkind zur Professur. Sozialer Aufstieg in der Wissenschaft“.

Foto: Universität zu Köln

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