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„Es braucht eine Debatte um die Zukunft der Erinnerungskultur.“

Ein Gespräch mit Dr. Jonas Rees

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Wieso ist es wichtig, sich an historische Ereignisse zu erinnern?

Aus demselben Grund, aus dem wir uns auch an individuelle Lebensereignisse erinnern: Sie machen uns zu dem, was wir sind. Sozialpsychologisch steckt dahinter das Prinzip, dass Menschen sich als Gruppe definieren und zusammenfinden. In der Forschung dazu sprechen wir vom Konzept der „sozialen Repräsentation“ von Geschichte, die immer selektiv ist. In der „nationalen Charta”, ist beschrieben, wer wir als soziale Gruppe sind, weshalb wir so sind und wie wir uns zu aktuellen gesellschaftlichen Problemen zu positionieren haben.

Das klingt sehr abstrakt, können Sie ein Beispiel nennen?

Klar. Wir sehen immer wieder in aktuellen Debatten – beispielsweise im Bundestag –, dass Bezug genommen wird auf die deutsche Geschichte. Da wird dann von einer historischen Verantwortung gesprochen, mit der Handlungen der heutigen Zeit verargumentiert werden. Das finde ich psychologisch hochspannend. Wir haben ein intuitives Verständnis dafür, dass Erinnerung wichtig ist, weil sie uns ausmachen – sowohl individuell als auch Gruppe – und dass sie sich daher für Anliegen in der Gegenwart mobilisieren lässt.

„Es geht immer wieder in unserem Leben um Erzählungen von Vergangenem – so entstehen dann Geschichten darüber wer wir sind und wie wir so geworden sind.“

Kann man denn aus der Vergangenheit lernen?

In vielen Fachdisziplinen, die sich mit Erinnerungskultur beschäftigen, lehnt man diese These ab und betrachtet das Lernen aus Geschichte nicht als das primäre Ziel, sondern vielmehr die Dokumentation von Geschichte und das Wissen um historische Fakten. Trotzdem gibt es natürlich die These, dass man aus den „Fehlern” der Geschichte lernen könne. Dahinter steckt in Deutschland sicherlich auch die Hoffnung einer Immunisierung gegen die erneute Verbreitung menschenverachtender Ideologien wie während der NS-Zeit. Dass man aus Geschichte lernt und danach dann immun gegen Wiederholung ist, halte ich aber für eine gefährliche Vereinfachung. Wenn wir wirklich aus der Vergangenheit lernen wollen,  dann müssen wir die gesellschaftlichen Strukturen und Prozesse verstehen, die das NS-System ermöglicht haben. Dann müssen wir auch verstehen, dass sich solche Dynamiken grundsätzlich wiederholen können und wir als Gesellschaft nie immun gegen Menschenfeindlichkeit sein werden.

Wie entscheidet sich denn welches Narrativ der Erinnerung sich durchsetzt?

Wir alle kennen Geschichten aus unserer frühen Kindheit, an die wir uns eigentlich nicht selbst erinnern können, die wir aber so oft erzählt bekommen haben, dass sie wie eigene Erinnerungen wirken. Daran lässt sich gut verdeutlichen, wie sich Narrative formen. Es geht immer wieder in unserem Leben um Erzählungen von Vergangenem – so entstehen dann Geschichten darüber wer wir sind und wie wir so geworden sind. Sowohl wir als Individuum, als auch wir als soziale Gruppe oder Nation. Das zeigt auch, wieso es hier dann immer wieder zu Verzerrungen kommt. Die Geschichten von Heldentum und Widerstand werden weitererzählt, solche von Täterschaft und Mitläufertum werden verschwiegen und gehen verloren.

„Auch in Deutschland haben wir es nicht mit der einen Erinnerungskultur zu tun, sondern mit verschiedenen Erinnerungskulturen.“

Unterscheiden sich Erinnerungskulturen in unterschiedlichen Ländern?

Jede Erinnerungskultur ist spezifisch, weil Geschichte unterschiedlich wahrgenommen und erinnert wird. Jedes Land und jede Nation haben eine eigene Erinnerungskultur und erinnern auch dieselben historischen Ereignisse auf ihre eigene Art und Weise und aus ihrer jeweiligen Perspektive. Deutschland und Italien beispielsweise setzen sich mit dem 2. Weltkrieg ganz unterschiedlich auseinander, obwohl beide Länder ja auf der gleichen Seite des Konflikts standen. Wie in einzelnen Ländern historische Ereignisse aufgearbeitet werden, ist also ganz verschieden. Trotzdem gibt es ähnliche soziale und psychologische Prozesse, die mitbestimmen, was wir erinnern und was nicht. Und natürlich ist Erinnerungskultur schließlich nicht nur zwischen Ländern verschieden, sondern auch über die Zeit hinweg im selben Land. Erinnerungskultur ist immer dynamisch im Wandel, oft heiß umkämpft, und nie statisch.

Auch in Deutschland haben wir es nicht mit der einen Erinnerungskultur zu tun, sondern mit verschiedenen Erinnerungskulturen. Es hängt viel davon ab, wo und unter welchen Bedingungen Menschen aufgewachsen sind. Das zeigt sich insbesondere an der Erinnerung an die “ Wende”, die vielfach im ehemaligen Osten einen höheren Stellenwert genießt als im ehemaligen Westen.

In Deutschland gibt es zwei ganz große historische Erzählungen – der zweite Weltkrieg und der Mauerfall. Zwei komplett unterschiedliche Ereignisse, was macht so etwas mit der deutschen Erinnerungskultur?

Diese beiden Ereignisse – zwei konkurrierende Narrative, wenn Sie so wollen – sorgen für einen Widerspruch in der Erzählung darüber, wer wir als Deutsche sind. Sind wir diejenigen, die den zweiten Weltkrieg und den Holocaust verschuldet und unfassbares Leid über die Menschheit gebracht haben, oder sind wir diejenigen, die die Wende erfolgreich gemeistert haben und daraus als zusammengewachsene Nation hervorgegangen sind?! Zwei unterschiedliche Erzählungen also, die komplett gegensätzlich bewertet und ganz unterschiedlich angenommen werden. Hier zieht sich ein Riss durch die kollektive Erinnerung in Deutschland. Da geht es auch um die Anerkennung oder Missachtung von Geschichte, die zwar dem einen Teil der Bevölkerung wichtig ist, aber vom anderen Teil oft nicht gesehen oder wertgeschätzt wird.

„Eines der Grundprobleme, auf die wir in unserer Forschung immer wieder stoßen, ist, dass Erinnerungskultur eben zu weiten Teilen auf Erzählungen basiert und damit anfällig für Verzerrungen und Umdeutungen ist.“

Sie sprachen bereits von Verzerrungen in den Erinnerungen, was meinen Sie damit genau?

Das lässt sich gut an der Erinnerung an den 2. Weltkrieg verdeutlichen. Wir haben Menschen dazu befragt, ob sie von Vorfahren wissen, die Täter, Opfer oder Helfer waren, und finden viel mehr Erzählungen über Helfer als über Täter, was faktisch natürlich nicht sein kann. Die dominierenden Narrative sind also die der Helfer und Opfer im Vergleich zu den Tätern. Wir haben einen Hang dazu, positive Erinnerungen und Geschichten stärker in den Fokus der Erinnerung zu rücken – gerade persönliche, aber natürlich auch kollektive Erinnerungen. Ob das gut oder schlecht ist, möchte ich als Forscher nicht bewerten, aber es sind glaube ich wichtige Erkenntnisse für die Arbeit in der Praxis. Wir sollten als Gesellschaft eine Haltung dazu finden, wie wir mit solchen Verzerrungen umgehen wollen sonst laufen wir Gefahr, dass die Erinnerung an NS-Täterschaft zu einer abstrakten wird, mit der die meisten Deutschen sich persönlich nicht verbunden fühlen.

Sie veröffentlichen bereits seit drei Jahren den MEMO-Bericht zu Erinnerungskultur in Deutschland. Was sind außer der Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Fakten, die wir gerade besprochen haben, hier wesentliche Erkenntnisse?

Einen weiteren spannenden Aspekt fand ich die Frage dazu, ob Menschen Denkmäler und Gedenkstätten besuchen und wie sie solche Orte wahrnehmen. Sie spielen eine ganz entscheidende Rolle für die Erinnerungskultur und für die Erinnerung der Menschen – Geschichte wird durch diese Orte anders verständlich und zugänglich und das spiegelt sich in den Daten wider. Jeder zweite Befragte war bereits in einer Gedenkstätte und konnte diese auch noch benennen. Wir brauchen solche authentischen Orte für eine lebendige Erinnerungskultur.

Auch interessant finde ich, dass unsere Befragten regelmäßig ein großes Interesse an der eigenen Geschichte berichten und es viele Menschen wichtig finden darüber Bescheid zu wissen. Gleichzeitig sehen wir aber eine Diskrepanz zwischen tatsächlichem Wissensstand und dem, was Menschen eigentlich wichtig fänden zu wissen. Beispielsweise geben Menschen an, viel über die Fakten zum 2. Weltkrieg zu wissen, aber vergleichsweise weniger über die gesellschaftlichen Dynamiken und Hintergründe. Das wäre ja aber auch entscheidendes Wissen, wenn es darum geht aus der Vergangenheit zu lernen.

Wie kann man eine Erinnerungskultur gut gestalten?

Ich sehe unsere Aufgabe als Forscher nicht primär darin, die Erinnerungskultur zu gestalten, sondern deren aktuellen Status Quo zu analysieren und Entwicklungen aufzeigen. Der Transfer in die Praxis kann dann nur gemeinsam mit anderen Akteuren gelingen, deswegen ist uns die Zusammenarbeit mit Praktikern so wichtig. Eines der Grundprobleme, auf die wir in unserer Forschung immer wieder stoßen, ist, dass Erinnerungskultur eben zu weiten Teilen auf Erzählungen basiert und damit anfällig für Verzerrungen und Umdeutungen ist. Außerdem können wir auf Grundlage von Daten abschätzen, wie die Entwicklung sich fortsetzen wird, wenn wir so weitermachen wie bisher. Dann werden wir in ein paar Jahren eine Erinnerungskultur mit noch stärkerem Fokus auf Heldengeschichten haben. Hier braucht es also eine Debatte um die Zukunft der Erinnerungskultur, die wir als Gesellschaft wollen und wie wir sie gestalten können – unsere Forschung liefert hier hoffentlich Impulse, aber weder eindeutige Antworten, noch einfache Lösungen.

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