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„Als Verkehrsmittel ist die Drohne nicht nachhaltig.“

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Oliver Schwedes

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Wann denken Sie, werden Drohnen Teil unseres Alltags werden?

Ob sich eine Technik, also Drohnen, durchsetzt, kann ich nicht vorhersehen. Das ist ein gesellschaftlicher Entscheidungsprozess. Aus der Sicht einer integrierten Verkehrsplanung ist die Frage immer, wo soll denn die Reise eigentlich hingehen? Also welchen Verkehr wollen wir und wie erreichen wir diesen Verkehr? Wenn wir sagen, dass wir einen nachhaltigen Verkehr wollen, müssen wir schauen, welchen Beitrag die Drohne dazu leisten kann. Und so wie ich das einschätze, kann die Drohne keinen Beitrag für eine nachhaltige Verkehrsentwicklung leisten.

In welchen Bereichen der Mobilität könnten Sie denn die Drohne eingesetzt sehen?

Ich könnte mir vieles ausmalen, bis hin zum Pizzaservice. Hier stellt sich aber wieder die Frage, was Drohnen im Mobilitätssektor für die Umweltbilanz heißen. Drohnen sind unter verkehrlichen Gesichtspunkten nicht nachhaltiger als denkbare Alternativen. Sie kennen aus der Schule vielleicht noch die Berechnung für kinetische Energie. Ganz banal gesagt zeigt diese, dass das Bewegen auf einer Ebene, egal ob Auto oder LKW, weniger aufwendig ist, als das Bewegen in die Luft. Sobald Sie in die Luft gehen, ist das die am wenigsten nachhaltige Bewegungsform. Daran ändert auch die Drohnen nichts. Was es technisch kostet, um in die Luft zu gehen, sei es um eine Pizza oder Personen im urbanen Raum zu transportieren, steht aus meiner Sicht in keinem angemessenen Verhältnis zu dem, was wir erreichen wollen.

Wenn Sie nichts Anderes machen als nur zusätzlich die Drohnen einzusetzen, dann wird das passieren, was seit Jahren passiert, dann wird es mehr Verkehr geben und zwar einen zusätzlichen Verkehr in der Luft.“

Gilt das auch für Elektrodrohnen?

Elektromotoren sind nicht per se nachhaltig. Das ist wie beim Elektroauto die alte Illusion, dass das Ersetzen von einem Verbrennungsmotor durch einen Elektromotor alle Probleme lösen würde. Sie machen sich aber abhängig von anderen Rohstoffen. Wenn es nicht mehr das Erdöl ist, sind es die seltenen Erden und die vielen anderen Dinge, die dafür notwendig sind. Ganz abgesehen von dem Energieaufwand, den Sie betreiben müssen, um das alles herzustellen. Wenn wir uns den gesamten Produktkreislauf angucken, ist das nicht zwingend nachhaltig.

Das heißt, für Sie sind auch Drohnen, die die Parkplatzsuche erleichtern, eher technische Spielereien und keine Möglichkeit, um die Stadt nachhaltig zu verändern?

Ja, die Menschen fasziniert die Technik immer so sehr, aber ich würde sagen, dass wir nicht Drohnen oder irgendwelche Apps, die die Parkplatzsuche vereinfachen, benötigen. Um Städte nachhaltig zu verändern, muss Verkehr anders gedacht werden und müssen zum Beispiel Parkplätze abgeschafft werden.

Wenn wir in einem Stadium wären, in dem Drohnen im Transport wirklich eingesetzt werden würden, wie würden sich Städte und das Leben in der Stadt verändern?

Wenn Sie nichts Anderes machen als nur zusätzlich die Drohnen einzusetzen, dann wird das passieren, was seit Jahren passiert, dann wird es mehr Verkehr geben und zwar einen zusätzlichen Verkehr in der Luft. Das heißt auch, dass wir mehr Lärm haben werden. Es sei denn, Sie treffen entsprechende Entscheidungen, dass zum Beispiel Autos nicht mehr in der Stadt zugelassen werden und stattdessen Drohnen benutzt werden. Bisher haben wir aber immer nur die Entwicklung gehabt, dass zusätzlicher Verkehr erzeugt wurde. Die ganzen neuen Mobilitätsdienstleistungen, wie Carsharing, E-Scooter und E-Bikes, sind alles zusätzliche Angebote, aber deswegen gibt es keinen privaten PKW weniger. Da sehe ich die eigentliche Gefahr, dass wir zusätzlich Drohnen bekommen werden und an anderer Stelle nichts gewonnen haben. Ungeklärte Fragen sind außerdem, wie der Luftraum reguliert und organisiert und wie die Privatsphäre geschützt werden würde.

Wir müssen von dem Verkehr wegkommen, wenn wir die Klimaziele erreichen wollen.“

Wie würden Drohnen sich auf das soziale Gefüge in der Stadt auswirken? Vorteile für die, die sich Transportdrohnen oder Flugtaxen leisten können, Nachteile für die Menschen, die diese Technologie nicht bezahlen können?

Ja, da haben wir eine Analogie aus meiner Sicht. Mir kommt dabei sofort São Paulo in den Sinn. São Paulo hat die größte Hubschrauberdichte weltweit. Das sind vor allem private Hubschrauber von sehr reichen Menschen, die sich dort nicht mehr ins Auto trauen, weil sie Angst haben, überfallen zu werden. Wenn man es sich leisten kann, setzt man sich also in den Hubschrauber. Der Personentransport mit Drohnen ist unwahrscheinlich aufwendig. Es wird sehr teuer sein auf absehbare Zeit ein Flugtaxi oder eine private Drohne zu nutzen. Das werden sich nur ganz wenige leisten können und es wird an dieser Stelle dann zu einer sozialen Spaltung kommen.

Wie bewerten Sie den Einsatz von Transportdrohnen im ländlichen Raum? Was wären dort die Vorteile von Drohnen?

Da bin ich auch skeptisch. Auf dem Land müssen wir zu neuen Raumstrukturen kommen. Die Menschen müssen im ländlichen Raum immer größere Distanzen überwinden, um ihre Grundbedürfnisse zu decken, um beispielsweise einzukaufen. Gleichzeitig müssen wir auch hier einen neuen Verkehr entwickeln. Das heißt letztendlich, die Menschen darin unterstützen, dass sie mobil bleiben und trotzdem weniger Verkehr erzeugen. Wir müssen von dem Verkehr wegkommen, wenn wir die Klimaziele erreichen wollen. Wir müssen anders denken. Wir müssen nicht in Kategorien von Drohnen oder privaten Autos, sondern in Kategorien von nachhaltigen Alternativen denken. Und das ist der gesamte Umweltverbund. Das sind zu Fuß gehen, Fahrrad fahren und die öffentlichen Verkehrsmittel, die man sicherlich auch noch attraktiver gestalten kann.

Einen der größten Effekte hätte zum Beispiel eine Geschwindigkeitsbegrenzung.“

Drohnen können auch in der Landwirtschaft eingesetzt werden und im Katastrophenschutz können Drohnen Bilder von Gebieten, die unzugänglich sind, liefern. Wie würden Sie diese beiden Bereiche bewerten?

Solche spezifischen Einsatzbereiche kann ich mir gut vorstellen. Auch für mein Fachgebiet, zum Beispiel beim Erschließen von Quartieren, können Drohnen hilfreich sein. Ich bin nicht generell gegen Drohnen, aber als Verkehrsmittel ist die Drohne nicht nachhaltig

Das heißt Sie würden die Politik dazu anhalten, die Aufmerksamkeit nicht darauf zu legen, dass Flugtaxen in den nächsten drei Jahren über Deutschland fliegen?

Ja, die ganz simplen Dinge, die wir Verkehrsplaner*innen seit so vielen Jahren vor uns hertragen, hat die Politik seit Jahrzehnten nicht im Blick. Einen der größten Effekte hätte zum Beispiel eine Geschwindigkeitsbegrenzung. Das ist eine ganz einfach durchzuführende und billige Maßnahme, die von heute auf morgen umgesetzt werden könnte. Laut Herrn Scheuer ist das aber eine Diskussion gegen jeden Menschenverstand. Statt Dinge zu machen, die man so simpel machen könnte, wird auf hochaufwendige Technologien gesetzt. Es gibt immer mal wieder neue Techniken, die gehypt werden, wenn man diese aber durchrechnet, bringen sie nicht viel.

Ich sehe aber noch nicht die politische Entscheidung zur Verkehrswende analog zur Energiewende.“

Haben Sie Hoffnung, dass wir uns zeitnah in Richtung nachhaltigen Verkehr bewegen?

Ich bin immer eher skeptisch eingestellt. Es gibt aber auch Entwicklungen, die mir Mut machen. Während der Corona-Pandemie wurde zum Beispiel in Berlin viel für den Radverkehr getan und es gibt auch viele Investitionsprogramme im Bereich der nachhaltigen Mobilität. Ich sehe aber noch nicht die politische Entscheidung zur Verkehrswende analog zur Energiewende. Die Energiewende haben wir politisch entschieden, die Verkehrswende aber noch nicht. Das muss passieren. Dabei dürfen wir aber nicht auf neue Techniken setzen, sondern müssen das Verkehrsverhalten von den Menschen ändern.

Entwickelt sich Ihrer Meinung nach ein Bewusstsein für nachhaltigen Verkehr in der Gesellschaft?

Ich glaube tatsächlich, dass ein Bewusstseinswandel zu erkennen ist. Das Umweltbundesamt hat in den letzten Jahren regelmäßig Studien durchgeführt. Unter anderem mit der Erkenntnis, dass ein Bewusstsein über die Bedeutung des Radverkehrs und über das Problem von privaten Autos entstanden ist. Es entsteht also bundesweit ein neues Problembewusstsein und das spiegelt sich dann auch teilweise in den alten, etablierten Institutionen. Nehmen wir doch mal den ADAC, der lange gegen jede Form der Geschwindigkeitsbegrenzung lobbyiert hat. Bei einer Mitgliederbefragung hat der ADAC aber bemerkt, dass 50 % der Mitglieder für eine Geschwindigkeitsbegrenzung sind und gar nicht dagegen. Der ADAC wird in Zukunft natürlich nicht für Geschwindigkeitsbegrenzungen lobbyieren, aber er wird auch nicht mehr dagegen lobbyieren. Und das lässt mich hoffen.

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