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Kinderarmut – Das war die Debatte

Eine Zusammenfassung

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Kinderarmut ist kein neues Phänomen: Seit Jahrzehnten diskutieren Wissenschaft und Politik sinnvolle Ansätze, um jedem Kind das Aufwachsen in finanzieller Sicherheit und mit gleichberechtigter Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben zu ermöglichen. Die Debatte hat sich ebenfalls in den letzten Wochen dem Thema Kinderarmut gewidmet und Studien und aktuelle Forschung zu Kinderarmut betrachtet. 

Auch die neue Bundesregierung aus SPD, Grünen und FDP möchte sich dem Thema annehmen: Im Ampel-Koalitionsvertrag ist unter anderem die Einführung der Kindergrundsicherung vorgesehen – ein längst überfälliger Schritt, finden viele Expert*innen. Nun kommt es auf die Umsetzung an, wie die Expert*innen von Die Debatte sagen.

Eine Grafik zu Kinderarmut in Deutschland.

Aktuelle Zahlen machen deutlich, dass etwa jedes fünfte Kind in Deutschland in Armut lebt – wie hoch genau die Kinderarmutsquote liegt, hängt vor allem von der zugrundeliegenden Armutsdefinition ab, wie das Listicle Kinderarmut in Zahlen” zeigt. Warum es unterschiedliche Ansätze bei der Erforschung von Armut gibt und warum letztlich doch die Politik entscheidet, wo die Grenze von Armut liegt , hat Prof. Dr. Olaf Groh-Samberg von der Universität Bremen im Interview mit Die Debatte erklärt. 

Ein Zitat von Prof. Dr. Olaf Groh-Samberg, Universität Bremen.

Einen Überblick über die verschiedenen Konzepte, die in wissenschaftlichen Untersuchungen als Grundlage dienen, und die drängendsten wissenschaftlichen Kontroversen gibt der Artikel Kinderarmut in Deutschland”. Und Untersuchungen gibt es zahlreiche: Das Listicle 10 unerwartete Studienergebnisse zu Kinderarmut” fasst Forschungserkenntnisse der letzten Jahre zusammen und zeigt, in was für verschiedenen  Dimensionen die Auswirkungen von Kinderarmut nachweisbar sind.

Ein zentraler Aspekt, der oft unter einem Aufwachsen in Armut leidet, ist die körperliche und psychische Gesundheit der Kinder. Dazu hat die Debatte mit  Dr. Benjamin Kuntz vom Robert Koch-Institut und Prof. Dr. Andreas Klocke von der Frankfurt University of Applied Sciences gesprochen: Obwohl es laut Andreas Klocke keine monokausale Erklärung für den Zusammenhang zwischen Armut und Gesundheit” gibt, ist belegt, dass arme Kinder und Jugendliche häufiger von Übergewicht betroffen sind, sich ungesünder ernähren und sich weniger bewegen, als wohlhabende Gleichaltrige, berichtet Benjamin Kuntz. Mehr Erkenntnisse zu den Zusammenhängen von Armut und Gesundheit fasst der Artikel Arme Kinder – kranke Kinder?” zusammen. 

Obwohl das Aufwachsen in Armut gesundheitliche Risiken mit sich bringt, gibt es auch Lichtblicke: Darüber hat Die Debatte mit Resilienzforscherin Dr. Margherita Zander und Armutsforscherin Dr. Antje Richter-Kornweitz gesprochen. So gibt es Faktoren, die Kinder insbesondere vor psychischen Folgen der Kinderarmut schützen – Stichwort Resilienz: Von Resilienz als Bewältigungsform spricht man bei der Überwindung von außergewöhnlichen Lebensrisiken”, weiß Margherita Zander. Welche Voraussetzungen dazu günstig sind und wie Resilienz bei armen Kindern gezielt gefördert werden kann, verraten die Expertinnen im Artikel Armes Kind – starkes Kind?

Ein Zitat von Dr. Antje Richter-Kornweitz.

Was wird im Erwachsenenalter aus Kindern, die in Armut aufgewachsen sind? Die sogenannte soziale Mobilität, also die Möglichkeit, im Laufe eines Lebens zwischen sozialen Schichten zu wechseln, nimmt laut dem 6. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung seit Jahrzehnten ab – damit steigt das Risiko, ein Leben lang arm zu bleiben. Wie sich Kinder aus sozial benachteiligten Haushalten entwickeln, hat die AWO-ISS-Langzeitstudie zu (Langzeit-) Folgen der Kinder- und Jugendarmut im Lebenslauf” untersucht. Die Psychologin Dr. Irina Volf leitet die Studie und berichtet: Wir beobachten beim Übergang ins junge Erwachsenenalter einen Trendbruch. Einige schaffen es, sich in dieser Lebensphase aus familiärer Armut zu befreien. Bildung und Erwerbstätigkeit bleiben die sichersten Faktoren für solche Aufstiege.” Allen Kinder gelingt das allerdings nicht. Prof. Dr. Johannes Schütte von der Technischen Hochschule Köln hat sich mit der Frage beschäftigt, inwiefern Armut als erblich betrachtet werden kann: Die soziale Vererbung meint die Weitergabe bestimmter Lebensstile oder Handlungsmuster von den Eltern an die Kinder” – genetische Faktoren spielen hier also keine Rolle. Mehr Erkenntnisse zum Teufelskreis Armut und wie er durchbrochen werden kann, liefert der Artikel Armutskreisläufe”.

Eine Grafik zum Thema Armutskreisläufe. Darauf steht:

Gleichzeitig hat das Aufwachsen in Kinderarmut auch erhebliche Folgen für die Individuen – der Artikel Kinderarmut in unserer Gesellschaft” gibt einen Überblick, welche Folgen sich oftmals in Bezug auf soziale Teilhabe und non-formale Bildung sowie auf die schulische Leistung haben. Und schließlich zeigt er auf, was die Kinderarmutsquote auch für unsere Gesellschaft ganz allgemein bedeutet. 

Dennoch gibt es auch individuelle Erfolgsgeschichten: zum Beispiel PD Dr. Markus Gamper von der Universität zu Köln. Er berichtet im Interview mit Die Debatte, welche Faktoren ihn im Laufe seines Lebens unterstützt haben und mit welchen besonderen Herausforderungen Arbeiterkinder im universitären System konfrontiert sind.

Ein Zitat von Dr. Markus Gamper, Universität zu Köln.

Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass Kinderarmut ein altbekanntes Problem ist. Doch obwohl Armut insgesamt schon seit vorchristlichen Zeiten thematisiert wird, spricht man erst seit wenigen Jahrzehnten konkret von Kindern als Betroffenen: Politikwissenschaftler Prof. Dr. Ernst-Ulrich Huster (Evangelische Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe) und Historiker PD Dr. Christoph Lorke von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster geben einen Überblick über Kinderarmut im Wandel der Zeit

Gegenwärtig steht zur Diskussion, welche Auswirkungen die Corona-Pandemie auf Kinderarmut in Deutschland hat. Beengte Wohnverhältnisse, mangelnde technische Ausstattung und psychische Belastungen werden oft als Faktoren genannt, die arme Kinder besonders treffen. Dr. Markus M. Grabka forscht am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) unter anderem am Projekt Sozio-ökonomische Faktoren und Folgen der Verbreitung des Coronavirus in Deutschland” (SOEP-CoV) – im Interview mit Die Debatte gibt er vorläufig Entwarnung: „Für die Bevölkerung insgesamt sind die Armutsrisikoquote und andere Indikatoren, die die Einkommensungleichheit messen, weitgehend konstant geblieben.“

Wie kann es jetzt weitergehen? Auch darüber hat Die Debatte mit Expert*innen gesprochen: Armutsforscher Prof. Dr. Christoph Butterwegge von der Universität zu Köln und Anette Stein, die das Programm zu wirksamen Bildungsinvestitionen der Bertelsmann Stiftung leitet, erklären im Artikel Maßnahmen gegen Kinderarmut”, worauf es bei der Bekämpfung von Kinderarmut und der Umsetzung einer Kindergrundsicherung ankommt. 

Ein Zitat von Prof. Dr. Christoph Butterwegge, Universität zu Köln.

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