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„Es gibt keine Gesellschaft ohne Kriminalität”

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Tobias Singelnstein

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Wie hat sich die Kriminalität in Deutschland in den letzten Jahren entwickelt?

Das lässt sich so allgemein formuliert schwer beurteilen, weil die vorliegenden Daten nur einen kleinen Ausschnitt von dem erfassen, was tatsächlich in der Gesellschaft stattfindet. Nimmt man die Zahlen aus der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik (PKS) als Grundlage für eine Beurteilung der Kriminalität in Deutschland, sieht man, dass es eine recht konstante Entwicklung gibt und in der jüngeren Vergangenheit eine Tendenz zur Abnahme. Laut PKS dominieren in Deutschland leichte und mittlere Kriminalität, schwere Straftaten machen nur einen geringen Anteil aus. Das gilt insbesondere für schwere Gewaltkriminalität, die regelmäßig zu öffentlichen und medialen Debatten führt, aber in der Realität nur selten vorkommt.

„Das Hellfeld macht nur einen relativ kleinen Ausschnitt dessen aus, was tatsächlich in der Gesellschaft passiert.“

Weshalb ist es so schwierig allgemeine Aussagen über Kriminalität zu treffen?

Die PKS ist eigentlich nur ein Tätigkeitsnachweis der Polizei. Man kann daraus unmittelbar nur ablesen, was die Polizei bearbeitet hat. Das liegt unter anderem daran, dass die Daten nur das Hellfeld abbilden und eben nicht das Dunkelfeld. Und das Hellfeld macht nur einen relativ kleinen Ausschnitt dessen aus, was tatsächlich in der Gesellschaft passiert. Ob eine Tat ins Hellfeld gelangt hängt vor allem davon ab, ob ein Bürger Anzeige erstattet. Es wird aber nicht jede Straftat in der gleichen Konsequenz zur Anzeige gebracht. Das Anzeigeverhalten ist vielmehr stark von persönlichen Bedürfnissen und Einschätzungen geprägt: Hat eine Anzeige Aussicht auf Erfolg? Was verspreche ich mir davon? Verlangt meine Versicherung eine Anzeige? Hinzu kommt, dass die PKS nur Verdachtsfälle zählt, nicht aber was die Justiz am Ende entscheidet. Deswegen sind generelle Aussagen über die Kriminalitätsentwicklung anhand der PKS eigentlich überhaupt nicht möglich, man kann daraus nur vorsichtige Einschätzungen ableiten.

Wenn man sich die PKS einmal genauer anguckt, sieht man, dass es in Bezug auf Kriminalität ein Nord-Süd-Gefälle gibt und Unterschiede zwischen Städten und ländlichen Regionen. Wie ist das zu bewerten?

Tatsächlich kann man ein solches Gefälle feststellen. Städte weisen eine höhere Kriminalitätsbelastung auf als ländliche Regionen und im Norden werden mehr Straftaten gezählt als in Bayern oder Baden-Württemberg. Bei der Bewertung dessen sollte man allerdings Zurückhaltung walten lassen, denn die Daten aus der PKS spiegeln ja eben nicht alle Straftaten wieder, sondern nur die polizeiliche Tätigkeit. Mit Aussagen wie ‘der Norden ist krimineller als der Süden’ muss man also vorsichtig sein.

„Ob Leute Straftaten begehen, hängt vor allem von den Lebensumständen und sozialen Bedingungen ab.“

Welche Erklärungsansätze gibt es denn für das Gefälle?

Wenn wir auf Kriminalität schauen, gibt es immer zwei mögliche Perspektiven: Zum einen kann man Entwicklungen und Phänomene auf tatsächliche Veränderungen zurückführen; zum anderen können sie aber auch auf einer anderen gesellschaftlichen und polizeilichen Wahrnehmung beruhen. Es könnte beispielsweise sein, dass im Norden oder in Städten einfach mehr Straftaten zur Anzeige gebracht werden und daher das Hellfeld besonders groß ist. Ebenso gibt es natürlich Unterschiede in der polizeilichen Praxis zwischen einzelnen Bundesländern – auch das kann eine Rolle spielen.

Eine These im Zusammenhang mit dem Stadt-Land-Gefälle ist, dass auf dem Land soziale Konflikte und soziale Probleme eher informell ohne Polizei gelöst werden als in der Stadt, wo eine größere soziale Anonymität herrscht. Genauso plausibel ist es aber, unterschiedliche Sozialstrukturen und eine andere Art des Zusammenlebens als Begründungen heranzuziehen. Ob Leute Straftaten begehen, hängt vor allem von den Lebensumständen und sozialen Bedingungen ab. Heranwachsende und junge Erwachsene begehen beispielsweise schon immer und überall mehr Straftaten als ältere Menschen; Männer begehen mehr Straftaten als Frauen; und auch der sozioökonomische Status spielt eine Rolle. Diese Strukturen sind zwischen Stadt und Land und den verschiedenen Bundesländern nicht gleich verteilt und sind einer der Gründe, weshalb es zu den regionalen Unterschieden und dem Stadt-Land-Gefälle kommen kann.

„Generell sind innere Sicherheit und Kriminalität emotional besetzte Themen und dadurch stetig in der öffentlichen Debatte präsent.“

Trotz der unsicheren Datenlage sind Themen wie Kriminalität und Sicherheit medial sehr präsent, was würden sie sich für die gesellschaftliche Diskussion zu diesem Thema wünschen?

Ich würde mir weniger Dramatisierung und weniger Aufgeregtheit von Seiten der Politik und der Medien wünschen. Man muss sich immer klar machen, dass Kriminalität, wenn sie einem als Individuum begegnet, mindestens unerfreulich, mitunter auch schrecklich ist. Aber sie gehört eben auch zu einer jeden Gesellschaft dazu und ist insofern völlig normal. Die Frage ist vielmehr, wie geht man als Gesellschaft damit um. Der kriminalpolitische Diskurs suggeriert oft, dass es eine Möglichkeit gäbe, die Kriminalität auf null zu bringen. Diese Vorstellung ist ein absoluter Trugschluss und weckt falsche Erwartungen. Es gibt keine Gesellschaft ohne Kriminalität und wir müssen damit leben und umgehen.

Auch im Wahlkampf spielen diese Themen immer wieder eine Rolle. Wie bewerten sie den Umgang mit dem Thema in den aktuellen Landtagswahlkämpfen in Brandenburg, Thüringen und Sachsen?

Ich hatte schlimmeres befürchtet und gedacht, dass es zu einem größeren Thema in diesen Landtagswahlkämpfen wird, als es letztendlich der Fall war. Generell sind innere Sicherheit und Kriminalität emotional besetzte Themen und dadurch stetig in der öffentlichen Debatte präsent. Gerade in Wahlkampfzeiten führt das oft dazu, dass zwischen den Parteien fast eine Art Wettstreit darum stattfindet, wer am härtesten gegen Kriminalität vorgeht. Die AfD im Besonderen instrumentalisiert das Thema Kriminalität, indem sie versucht, eine feste Verknüpfung zwischen Kriminalität und Migration im öffentlichen Diskurs zu etablieren.

Zur Person

Prof. Dr. Tobias Singelnstein ist Inhaber des Lehrstuhls für Kriminologie an der Juristischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum.

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