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Kriminalität und Nationalität

Vorurteile und was die Forschung zur Statistik weiß

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„Polizei verzweifelt an ausländischen Banden”, „Asylbewerber ersticht junge Frau”, „Flüchtling tötet Flüchtlingshelfer” – drei Überschriften des Jahres 2019, die nur exemplarisch für viele andere stehen und einen Link zwischen Herkunft und Kriminalität vermuten lassen. Denn Straftaten von Menschen ohne deutschen Pass schüren in den Medien immer wieder das Vorurteil Ausländer seien krimineller als Deutsche. Ein Vorurteil, was sich basierend auf den Fakten weder einfach bestätigen noch widerlegen lässt.

Häufig wird bei der Bewertung der Frage allein darauf abgestellt, ob Nicht-Deutsche proportional mehr Straftaten begehen als Deutsche. Eine erste Antwort darauf liefert die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS): Für das Jahr 2018 stehen 1.342.886 ermittelte Tatverdächtige mit deutschem Pass 708.380 Tatverdächtigen nichtdeutscher Herkunft gegenüber – gemessen an dem Anteil der Gesamtbevölkerung also proportional deutlich mehr Nicht-Deutsche als Deutsche. Ein direkter Vergleich der Gruppen ist dennoch schwierig. „Wir können die Zahlen der Deutschen sehr genau bestimmen, weil sie hier registriert und gemeldet sind. Für die Gruppe der Nicht-Deutschen ist das hingegen gar nicht so einfach”, sagt Prof. Dr. Thomas Bliesener, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens.

Denn neben all den Personen ohne deutschen Pass, die sich dauerhaft in Deutschland aufhalten, befinden sich permanent weitere Personen in Deutschland, die nicht in den entsprechenden Kriminalstatistiken registriert werden – beispielsweise Erasmus-Studenten, Geschäftsreisende oder Fernfahrer. Oder auch die etwa 37 Millionen Touristen, welche Jahr für Jahr Deutschland besuchen. „Insofern ist der Vergleich verzerrt, wenn man die Straftaten immer nur auf diejenigen Nicht-Deutschen bezieht, die hier auch registriert sind”, so Bliesener.

„Wenn man sich aber die Daten aus der PKS anschaut, sieht man schon, dass der Anteil der Tatverdächtigen mit dem Status ‚Zuwanderer‘ proportional höher ist als in der restlichen Bevölkerung.”

Dr. Christan Walburg, Georg-August-Universität Göttingen

Die PKS unterscheidet nicht nur in deutsche oder nichtdeutsche Tatverdächtige, sondern listet auch eine gesonderte Gruppe der ‚Zuwanderer’ auf. Darunter fallen anerkannte Flüchtlinge, Asylbewerber, Geduldete und Menschen mit illegalem Aufenthalt. Auch dort sind die Zahlen vermeintlich eindeutig. „Zwar fallen auch unter Geflüchteten nur wenige mit – zumal schwereren – Delikten auf. Wenn man sich aber die Daten aus der PKS anschaut, sieht man schon, dass der Anteil der Tatverdächtigen mit dem Status ‚Zuwanderer‘ proportional höher ist als in der restlichen Bevölkerung”, sagt der Kriminologe Dr. Christian Walburg von der Georg-August-Universität Göttingen. Von allen ermittelten Tatverdächtigen waren knapp neun Prozent ‚Zuwanderer’. Herausgerechnet sind hierbei bereits die Delikte, wie beispielsweise Verstöße gegen das Aufenthaltsrecht, die ausschließlich von dieser Gruppe begangen werden können. Noch deutlicher wird der Unterschied, wenn man sich die Zahl der Gewaltkriminalität anschaut – diese wurden 2018 zu etwa 14 Prozent aus der Gruppe der Zuwanderer verübt.

Die bloßen Zahlen scheinen zunächst das Vorurteil ‘Zuwanderer sind krimineller’ zu bestätigen. Die Statistik ist jedoch in hohem Maße interpretationsbedürftig. „Die Unterschiede sind zum Teil darauf zurückzuführen, dass sich die Gruppe auch in ihren soziodemographischen Merkmalen stark von der restlichen Bevölkerung unterscheidet”, sagt Bliesener. Rund ein Drittel aller Asylanträge wurde 2015 und 2016 von Männern zwischen 16 und 29 Jahren gestellt. Also jene Gruppe, die kriminologisch stets in allen Statistiken am auffälligsten ist. „Junge Männer sind in der Gruppe der Zuwanderer deutlich überrepräsentiert. Das erklärt zumindest teilweise die Unterschiede in der Häufung, auch wenn es nicht der einzige Grund ist”, sagt Walburg.

 „Wir wissen, dass anerkannte Flüchtlinge selten als Tatverdächtige erfasst werden.”

Prof. Dr. Thomas Bliesener, Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V.

Doch nicht nur die soziodemografischen Merkmale sind ursächlich für eine erhöhtes Kriminalitätsrisiko. Denn auch weitere Faktoren sind bei der Betrachtung relevant. „Zuwanderer und insbesondere Flüchtlinge sind oftmals mit weiteren Problemlagen belastet, von denen wir wissen, dass sie theoretisch Kriminalität begünstigen”, sagt Bliesener. „Erfahrungen im Herkunftsland, die Umstände der Flucht selbst und die Lebensumstände in Deutschland – all dies spielt eine Rolle, wenn es um Risikofaktoren für Kriminalität geht”, sagt Walburg.

„Insbesondere was Gewaltdelikte anbelangt, konnte man in den ersten Monaten erkennen, dass es bei gut der Hälfte aller Körperverletzungsdelikte, die von der Gruppe der ‚Zuwanderer’ verübt wurden, um Auseinandersetzungen innerhalb der Massenunterkünfte ging – hier spielte also auch die Unterbringung der Geflüchteten eine Rolle”, sagt Walburg. Gleichfalls zeigen erste Studienergebnisse, dass eine Bleibeperspektive sich durchaus positiv auf die Kriminalitätszahlen auswirken kann. „Wir wissen, dass anerkannte Flüchtlinge selten als Tatverdächtige erfasst werden”, sagt Bliesener.

„Man kann die Kriminalität nicht pauschal auf die Herkunft reduzieren, sondern muss für die jeweilige Gruppe schauen, wie sie sich zusammensetzt, welche Erfahrungen die Menschen mitbringen und in welchen Lebensumständen sie sich befinden.”

Dr. Christan Walburg, Georg-August-Universität Göttingen

Neben der Lebenssituation vor Ort wirken sich auch Erfahrungen aus dem Herkunftsland auf das Kriminalitätspotenzial aus: Denn Befragungen und erste Untersuchungen zeigen, dass aus einigen Ländern vor allem Personen kamen, die in ihren Herkunftsländern aus benachteiligten Verhältnissen stammen oder bereits vor Ort mit Gewalt und Kriminalität in Berührung kamen. Natürlich, so die Experten, sei es dadurch erklärbar, weshalb manche Gruppierungen besonders stark auffallen. Im Gegensatz dazu zeigen erste Zahlen, dass Flüchtlinge aus Syrien beispielsweise verhältnismäßig selten als Tatverdächtige erfasst wurden – insbesondere was die Straßenkriminalität anbelangt. „Man kann die Kriminalität nicht pauschal auf die Herkunft reduzieren, sondern muss für die jeweilige Gruppe schauen, wie sie sich zusammensetzt, welche Erfahrungen die Menschen mitbringen und in welchen Lebensumständen sie sich befinden”, so Walburg.

Darüber hinaus könnte auch das Anzeigeverhalten bei Straftaten eine Rolle spielen. Denn die PKS listet eben nur die angezeigten und der Polizei bekannt gewordenen Fälle auf. Je fremder ein Täter wirkt, desto größer scheint die Bereitschaft des Opfers, ihn der Polizei zu melden, so die These, die in verschiedenen Studien und auch von dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen bestätigt wurde. Auch das gilt es zu beachten, wenn man die Kriminalitätszahlen nach Nationalitäten aufschlüsseln will.

Die konkreten Zusammenhänge von Kriminalität und Flucht sind insgesamt aber erst am Anfang der Forschung. „Projekte zur Kriminalitätsbeteiligung von Flüchtlingen sind aufwendig und brauchen Zeit. Daher gibt es zu den aktuellen Zuwanderungsprozessen noch wenig Forschungsergebnisse”, sagt Walburg. Einig sind sich die beiden Experten jedoch, dass die vermeintlich eindeutigen Zahlen der Statistiken einer tieferen Betrachtung nur begrenzt standhalten. Eine pauschale Aussage, dass Flüchtlinge krimineller sind als Deutsche lässt sich daraus allerdings sicher nicht ableiten.

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