Foto: UKSH

„Wir müssen offen für die Veränderung sein“

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Klaus-Peter Jünemann

0 Kommentare
  • 0

Wir würden gerne erfahren, was Sie persönlich über Künstliche Intelligenz in der Medizin denken und wie Ihnen die-debatte.org gefällt. Nehmen Sie hier an unserer 5-minütigen, anonymen Umfrage teil. Die Antworten werden von der Abteilung für Kommunikations- und Medienwissenschaften der TU Braunschweig in einem begleitenden Forschungsprojekt ausgewertet.

Herr Prof. Jünemann, wo sehen Sie derzeit das größte Potenzial für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Medizin?

Das Nutzungspotenzial ist in vielen Bereichen groß. Derzeitige Verwendung findet Künstliche Intelligenz (KI) bereits in der Radiologie und dort im Bereich der Bildanalyse. Mittels KI sind wir in der Lage auffällige Befunde zum Beispiel in MRT-Aufnahmen zu erkennen. Dazu verbessert sie selbständig ihre Fähigkeiten, was eine große Entlastung für die Radiologen ist. Ich denke, dort wird sie sich als erstes als Standard etablieren. In anderen Bereichen sind wir noch nicht ganz so weit, da geht es derzeit vor allem noch um Robotik beziehungsweise roboter-assistierte Chirurgie.

Wie weit ist die Entwicklung in diesem Bereich?

Die Fortschritte im Bereich der Robotik hängen eng mit dem Thema Digitalisierung in der Medizin zusammen. Dank computergestützter Systeme und Robotern können wir bereits jetzt erste mikrochirurgische Eingriffe machen, die den Vorteil haben, minimalinvasiv zu sein. Sie brauchen den Patienten also nicht mehr großflächig aufschneiden und minimieren somit das Risiko. Die wirkliche Revolution liegt dabei allerdings nicht in der Herstellung der Roboter oder der Programmierung von Algorithmen, sie liegt vielmehr im optischen Bereich. Dank der Technologien können wir Dinge sichtbar machen, die man sonst nicht sehen kann und gleichzeitig unsere Hand quasi zusammenschrumpfen und sie für die Operation nutzbar machen.

„Es geht jetzt erstmal darum, diese computergestützte Medizin flächendeckend zu etablieren.“

Wie funktioniert das?

Es gibt Instrumente, die quasi die Hand nachbilden und sich von außen exakt so steuern lassen, wie wir unsere Hand normalerweise auch steuern, das funktioniert intuitiv. Das ist etwa vergleichbar mit dem Wechseln von einem Atlas auf ein digitales Navigationssystem und wird die Medizin daher stark beeinflussen und verändern. Während man für eine laparoskopische Operation – also einen minimalinvasiven Eingriff unterstützt von einem optischen Instrument – früher sehr viel üben musste, erleichtern die neuen Instrumente dies enorm. Unsere Daten zeigen, dass man statt etwa 200 Eingriffen heutzutage nur noch etwa 25 bis 30 braucht, um präzise und sauber zu operieren. Das ist ein echter Meilenstein, der sowohl in der Ausbildung als auch in der praktischen Arbeit die Medizin besser machen wird.

Was sind aus Ihrer Sicht die nächsten Schritte?

Es geht jetzt erstmal darum, diese computergestützte Medizin flächendeckend zu etablieren. Das wird noch etwas dauern, aber ich bin mir sehr sicher, dass das bald kommen wird. Allein schon, weil die Vorteile sehr groß sind und das Risiko überschaubar ist. Außerdem sehe ich den Bereich der Augmented Reality auf dem Vormarsch. Hierbei geht es darum, reale Bilder mit Bildern aus der digitalisierten Welt zu kombinieren und so ideale Bedingungen für eine Operation zu schaffen. Wir nennen das “Mixed-Reality” und auch wenn es noch eine Weile dauern wird, bis es sich wirklich durchsetzt, werden wir uns mit großer Sicherheit in diese Richtung entwickeln und da kommt dann auch die Künstliche Intelligenz ins Spiel.

„Das ähnelt dem Prinzip der Blackbox im Flieger und wird auch in der Chirurgie kommen und sie insgesamt verbessern.“

Inwiefern hängt KI damit zusammen?

Eigentlich braucht es für die einfache Optimierung der Operationen keine KI. Trotzdem gewinnt sie an Bedeutung und zwar dann, wenn wir die Videoaufzeichnungen von unseren Eingriffen speichern und die Daten sammeln. Die Künstliche Intelligenz kann dann Schemen erkennen und mir Informationen darüber liefern, in welcher Art und Weise ich und andere Operateure arbeiten. So erhält man quasi einen Fahrplan zu bestimmten Operationen, der vor allem für Anfänger sehr hilfreich sein kann. Dank dieser Systeme kann man sich an den Erfahrungen anderer orientieren, wenn beispielsweise ein Fehler passiert oder eine unerwartete bzw. unbekannte Situation entsteht. Das ist aus meiner Sicht der erste Bereich, in dem wir KI im Operationssaal sehen werden.

Glauben Sie an eine Zukunft, in der KI den Chirurgen ersetzt?

Wenn überhaupt wird es noch Jahrzehnte dauern. Dabei geht es zunächst einmal um die Frage, wer die Verantwortung trägt. Bis wir diese Frage gelöst haben, wird es noch sehr lange dauern. Ich glaube es wird in kleinen Schritten kommen. Das System, von dem ich zuvor gesprochen habe, wird allerdings aus meiner Sicht dazu führen, dass wir eine extrem hohe Transparenz sowie eine erhöhte Sicherheit erhalten, allein weil wir Aufzeichnungen der Operationen haben. Das ähnelt dem Prinzip der Blackbox im Flieger und wird auch in der Chirurgie kommen und sie insgesamt verbessern.

„Wichtig ist es den Prozess weiter voranzutreiben, das Potenzial von KI weiter zu ergründen und die Möglichkeiten auszuprobieren.“

Das Prinzip mit dem wir aber in naher Zukunft arbeiten werden ist das Master-Slave-Prinzip. Sprich der Chirurg gibt vor, wie eine OP gemacht wird und die Medizin vollzieht seine Bewegungen. Das bedeutet aber nicht, dass nicht einige Schritte, beispielsweise in der Vorbereitung, komplett automatisiert ablaufen werden. Dabei geht es auch um die Frage, inwiefern dies sinnvoll ist und einen Mehrwert hat. Derzeit sehe ich diesen noch nicht, aber ich denke trotzdem, dass es langfristig ebenso kommen wird wie der Einsatz in der Diagnostik, wo KI über enormes Potenzial verfügt.

Sie sehen die Zukunft der KI in der Medizin also positiv, was sind die nächsten wichtigen Schritte aus ihrer Sicht?

Wichtig ist es den Prozess weiter voranzutreiben, das Potenzial von KI weiter zu ergründen und die Möglichkeiten auszuprobieren. Wir müssen offen für die Veränderung sein und dürfen uns nicht scheuen, sie zu nutzen. Sicherlich gilt es noch einige Fragen zu klären, aber langfristig ist dies der Weg in die Zukunft. Auch weil es die Medizin flexibler macht und uns in der Ausbildung von Ärzten enorm helfen wird.

 

Zur Person

Der Urologe Prof. Dr. Klaus-Peter Jünemann ist Direktor der Klinik für Urologie und Kinderurologie des Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) und Sprecher des Kurt-Semm-Zentrum für laparoskopische und roboterassistierte Chirurgie am UKSH, Campus Kiel.

Debattiere mit!

Deine Emailadresse wird nicht veröffentlicht.

0 Kommentare

Mehr zu dem Thema

  • 0
  • 1
  • 0
  • 0
  • 0
  • 2
Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.