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Roboter gegen den Pflegenotstand

Künstliche Intelligenz in der Pflege

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Wir würden gerne erfahren, was Sie persönlich über das Thema Künstliche Intelligenz in der Medizin denken und wie Ihnen die-debatte.org gefällt. Nehmen Sie hier an unserer 5-minütigen, anonymen Umfrage teil. Die Antworten werden von der Abteilung für Kommunikations- und Medienwissenschaften der TU Braunschweig in einem begleitenden Forschungsprojekt ausgewertet.

Schlechte Bezahlung, hohe psychische Belastung und Schichtdienst schrecken viele davon ab, den Beruf als Pflegefachkraft in Deutschland zu ergreifen. All das sind Gründe für den Pflegenotstand, welcher sich laut Bundesgesundheitsministerium mit 25.000 bis 30.000 fehlenden Pflegefachkräften bemerkbar macht. Diese Bilanz schreit förmlich nach Strategien, um den Mangel an Pflegekräften zu bewältigen. Neben den Vorschlägen von Gesundheitsminister Jens Spahn einer verstärkten Zuwanderung von Fachkräften und deren bessere Bezahlung, könnte auch Künstliche Intelligenz (KI) das Pflegepersonal in Deutschland zusätzlich entlasten.

Die möglichen Ideen dazu sind vielfältig: „Wir erforschen verschiedenste Einsatzmöglichkeiten der KI in Pflegeheimen und in der häuslichen Pflege, damit die Entscheidungsfreiheit in Zukunft stärker bei den Patienten liegt”, sagt Dr. Daniel Sonntag, Wissenschaftler am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz. Zu Hause könnten Roboter in Zukunft Getränke bringen, demente Personen an die Einnahme von Tabletten erinnern oder auch Termine mit Ärzten vereinbaren. Diese technischen Möglichkeiten würden vor allem pflegende Familienangehörige entlasten und es den Pflegebedürftigen ermöglichen, unabhängiger zu Hause alt zu werden.

„Es handelt sich dabei nicht um eine tiefgehende Kommunikation, ist aber durchaus vergleichbar mit der emotionalen Wirkungen eines Hundes und kann daher psychologisch wertvoll sein.”

Prof. Dr. Nicole Krämer, Universität Duisburg-Essen

Auch bei der emotionalen Unterstützung von Pflegebedürftigen könnten intelligente Systeme schon bald wesentliche Aufgaben übernehmen. Die intelligente Robbe Paro wird bereits in japanischen und deutschen Altersheimen eingesetzt und ist für die Unterhaltung zuständig. Vergleichbar mit tiergestützten Therapien reagiert die Robbe auf Berührungen und Geräusche. „Es handelt sich dabei nicht um eine tiefgehende Kommunikation, ist aber durchaus vergleichbar mit der emotionalen Wirkungen eines Hundes und kann daher psychologisch wertvoll sein”, sagt Prof. Dr. Nicole Krämer, Sozialpsychologin an der Universität Duisburg-Essen.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten der KI in der Pflege scheinen vielfältig zu sein, aber es gibt ebenso einige ungelöste Probleme. Derzeit erfolgt die Programmierung der künstlichen Systeme nach dem Prinzip, dass sie speziell auf eine Situation zugeschnitten ist und kaum auf Ausnahmesituationen reagieren kann. „Stellen Sie sich vor: Ein Roboter reicht einem Pflegebedürftigen das Essen, diese Person verschluckt sich und droht zu ersticken. In diesem Fall kann der Roboter derzeit nur den Alarm betätigen”, sagt Prof. Dr. Arne Manzeschke, Ethiker an der Evangelischen Hochschule Nürnberg.

„Ich bin davon überzeugt, dass wir die technologischen Probleme in zehn Jahren gelöst haben und die ersten Pflegeroboter bis dahin spätestens in den Einsatz kommen.”

Dr. Daniel Sonntag, Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz

Diese spezifischen Programmierungen sind den Entwicklern von intelligenten System durchaus bekannt. Ziel sollte es in der Entwicklung daher auch sein, verschiedene Funktionen miteinander zu verbinden. Sonntag schätzt den technologischen Fortschritt allgemein allerdings schneller ein als Krämer und Manzeschke. „Ich bin davon überzeugt, dass wir die technologischen Probleme in zehn Jahren gelöst haben und die ersten Pflegeroboter bis dahin spätestens in den Einsatz kommen.”

Für den tatsächlichen Einsatz von Pflegerobotern reicht es allerdings nicht aus, dass die Pflegeroboter technisch einwandfrei funktionieren, sie müssen auch von den Pflegebedürftigen akzeptiert werden. „Man sieht sehr deutlich, dass die Dialoge mit KI-Systemen äußerst monoton und einfältig sind, weshalb Nutzerinnen und Nutzer binnen kurzer Zeit bereits genervt sind. Bestes Beispiel hierfür sind die Sprachassistenten auf den Smartphones von Apple und Google”, sagt Krämer.

„Wir sollten auf eine klare Differenzierung zwischen Pflegeroboter und Pflegekraft setzen, um Pflegebedürftige mit kognitiven Einschränkungen nicht weiter zu verwirren.”

Prof. Dr. Arne Manzeschke, Evangelische Hochschule Nürnberg

Auch das äußere Erscheinungsbild bestimmt die Akzeptanz der Pflegeroboter. Bis heute beruht der zentrale Forschungsstand zu dem Erscheinungsbild von Robotern auf der veralteten Uncanny Valley Theorie. Je mehr der Roboter einem Menschen ähnelt, desto unheimlicher wirkt er auf den Nutzer, so ihre zentrale Aussage. Es gibt bereits neue Hinweise darauf, dass ältere Menschen positiver auf humanoide Hüllen bei Robotern reagieren, wohingegen die jüngere Generation offener ist für andere Designs. Die Experten sind sich aber nicht einig, wie die Hülle der Roboter konkret designt sein sollte. „Gerade bei Pflegebedürftigen und älteren Menschen mit psychischen Störungen oder Demenz ist es wichtig, die Roboter menschenähnlich zu gestalten, sagt Krämer. „Allerdings dürfen die intelligenten Systeme keinesfalls menschliche Eigenschaften vorspielen, um kognitiv eingeschränkte Personen nicht zu verwirren.” Manzeschke stimmt der Sozialpsychologin zu: „Wir sollten eher auf eine klare Differenzierung zwischen Pflegeroboter und Pflegekraft setzen, um Pflegebedürftige mit kognitiven Einschränkungen nicht weiter zu verwirren.”

Trotz all der offenen Fragen sind sich die Experten einig, dass die KI langfristig im Pflegewesen zum Einsatz kommen wird – abzuwarten bleibt, welche Aufgaben sie übernehmen und wann sie einsatzfähig sein wird. Bevor dies geschieht, betont Manzeschke die Bedeutung des öffentlichen Diskurses: „Wir müssen uns als Gesellschaft klar werden, welche Art der Pflege wir in Zukunft haben wollen”.

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