„Es nutzen immer mehr Menschen das Internet und an diesen Wandel muss sich auch die Meinungsforschung anpassen.“

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Thomas König

0 Kommentare
  • 0

Wir würden gerne erfahren, was Sie persönlich über Meinungsforschung denken und wie Ihnen die-debatte.org gefällt. Nehmen Sie hier an unserer 5-minütigen Umfrage teil. Die Antworten werden von der Abteilung für Kommunikations- und Medienwissenschaften der TU Braunschweig in einem begleitenden Forschungsprojekt ausgewertet.

 

Die Meinungsforschung ist in letzter Zeit häufig in die Kritik geraten. Zu Recht?

Ich denke schon. Meiner Meinung nach kann man mit den aktuell verwendeten Technologien keine echten Aussagen mehr treffen. Das hat zwei Hauptgründe. Erstens sind die meisten Umfragen Querschnittsbefragungen. Problematisch an diesen ist vor allem, dass man eine sehr spontane Reaktion einfängt und aus dieser dann eine langfristige Prognose ableitet. Aber nicht jeder Mensch interessiert sich jeden Tag gleich viel für Politik, beziehungsweise beschäftigt sich permanent damit. Die Meinung des Einzelnen ist also oft schwankend und von Adhoc-Ereignissen abhängig.

Wollte man es richtig machen, müsste man eine Längsschnittbefragung durchführen. Das machen wir im German Internet Panel. Man befragt bei diesem Verfahren immer die gleichen Menschen, kennt also sein Panel und kann die individuellen Merkmale der Befragten berücksichtigen. Das ist wichtig, um sagen zu können, ob eine Änderung im Verhalten ein natürlicher und langfristiger Prozess ist oder nur eine Schwankung aufgrund eines aktuellen Ereignisses. Querschnittsbefragungen fallen aus unserer Sicht in den Bereich der Unfallforschung, weil man das Ausmaß an spontaner Reaktion auf ein Ereignis nicht abschätzen kann.

Sie sprachen von zwei Gründen, was ist noch problematisch?

Das zweite Problem ist, dass man Stichproben nur dann verallgemeinern kann, wenn die Befragten zufällig ausgewählt werden. Das tun allerdings die wenigstens, vor allem im Online Bereich. Es werden oftmals nur die erhaltenen Antworten ausgewertet. Allein der Internetzugang birgt schon das Risiko eines Bias, ebenso übrigens wie ein mangelnder Telefonanschluss.

„Es gibt immer Fehler und es wird wohl auch immer Fehler geben.“

Was machen Sie im German Internet Panel anders?

Wir machen aus genau den eben beschriebenen Gründen seit fast sieben Jahren eine Längsschnittstudie mit denselben zufällig ausgewählten Befragten. Die Befragung findet zwar Online statt, aber die Auswahl der Befragten erfolgt Offline. Um das Risiko eines Bias zu verringern, statten wir die Leute mit Geräten aus, wenn sie nicht über Internetzugang oder einen Computer verfügen. So können wir auch ältere Menschen in die Befragung einbeziehen. Darüber hinaus erlaubt uns der German Internet Panel, Experimente durchführen und so Aussagen über die Stabilität von Meinungen treffen zu können. Mittlerweile verbreitet sich unsere Art der Befragung in Europa – in Holland und Frankreich werden bereits Befragungen dieser Art beispielsweise auch durchgeführt. Diese Umfragen haben zwar hohe Startkosten, aber rentieren sich bereits nach rund einem Jahr, da man nicht jedes Mal wieder in die Rekrutierung investieren muss.

Warum gibt es diesen Wandel in der Befragungsart?

Der technologische Wandel ist natürlich ein Hauptgrund. Es nutzen immer mehr Menschen das Internet und an diesen Wandel muss sich auch die Meinungsforschung anpassen. Darüber hinaus hat man festgestellt, dass Fragen am Telefon schlechter verstanden werden, als wenn der Befragte sich die Fragen selber durchliest. Dadurch hat man bessere Kontrolle.

Gibt es in Längsschnittstudien keine Fehler?

Doch, natürlich. Es gibt immer Fehler und es wird wohl auch immer Fehler geben. Aber Panel-Längsschnittanalysen erfassen die Absichten und Meinungen der Leute besser. Vor allem, weil sie Leute länger beobachten und daher sozusagen besser kennen. Das erinnert ein bisschen an die Erfolge von Amazon, Facebook und anderer privater Firmen. Wir sammeln ebenfalls viele Daten von unseren Befragten und können anhand dieser differenziert erfassen, welche Einstellungen sie haben.

Eines unserer Probleme sind dabei allerdings die strengen Datenschutzrichtlinien. Wir müssen die Anonymität wahren und können deshalb oft nicht genau genug arbeiten. Das ist bei Amazon und Facebook nicht der Fall, die aus ihren Daten Kapital schlagen. Deshalb teilen sie diese auch nicht gerne und es gibt keine wirklich systematische Zusammenarbeit. Was bei der aktuellen Debatte über Datenschutz bislang verloren geht, ist, dass die privaten Firmen massiv aufrüsten. Dadurch entsteht eine Asymmetrie. Da in diesen Medien auch Meinung gemacht wird, kann das zum Faktor werden.

„Bedenklich finde ich den Einfluss von schlecht gemachten Umfragen auf die Entscheidungsträger.“

Wie sehen Sie die Zukunft der Meinungsforschung?

Wie sich die Meinungsforschung verändern wird, ist nicht einfach zu beurteilen. Ich glaube, es wird eher eine Zunahme an Umfragen geben. Ich bin unsicher, ob die Leute zwischen den einzelnen Anbietern unterscheiden und die Aussagen dann entsprechend richtig bewerten können. Das liegt aber auch daran, dass es für die Leute nicht so wichtig ist.

Bedenklich finde ich den Einfluss von schlecht gemachten Umfragen auf die Entscheidungsträger. Die orientieren sich bisweilen an Umfrageergebnissen und springen in ihrer Tagespolitik hin und her. Wenn auch nicht die Entscheidungsträger zwischen gut und schlecht gemachten Umfragen zu unterscheiden wissen, dann kann ich mir schwer vorstellen, dass da noch ein nachhaltiges Entscheiden und Handeln erfolgt.

Zur Person

Prof. Dr. Thomas König ist Politikwissenschaftler und Leiter des Sonderforschungsbereichs „Politische Ökonomie von Reformen“ an der Universität Mannheim. Darüber hinaus ist er Herausgeber der renommierten politikwissenschaftlichen Fachzeitschrift American Political Science Review.

Debattiere mit!

Deine Emailadresse wird nicht veröffentlicht.

0 Kommentare