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„Transparenz beeinträchtigt nicht den Erfolg eines Nudges – im Gegenteil.“

Ein Gespräch mit Dr. Hendrik Bruns

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Wie erforscht man eigentlich, ob ein Nudge funktioniert und erfolgreich ist?

Zur Erforschung von Nudges setzen wir uns empirisch mit dem Verhalten von Personen auseinander. In den allermeisten Fällen bedeutet das, dass wir Experimente durchführen, Daten erheben und diese anschließend statistisch auswerten. Und das gilt nicht nur für Nudges, sondern allgemein bei der Forschung in den Verhaltenswissenschaften. Ganz konkret laden wir Studienteilnehmende – meistens Studierende – in soziale Forschungslabore ein und analysieren die Ergebnisse zu einer zu treffenden Entscheidung. Falls möglich, beobachten wir Menschen in realen Situationen – in sogenannten Feldexperimenten.

Das heißt, die unterschiedlichen Teilnehmenden werden alle mit der gleichen Aufgabe konfrontiert?

Genau. Wir teilen die Teilnehmenden zufällig in unterschiedliche Gruppen ein, die beide mit der gleichen Aufgabe konfrontiert werden. Aber nur eine Gruppe erhält einen spezifischen Nudge, oder zusätzliche Informationen. Anhand statistischer Analysen können wir dann im Nachhinein feststellen, ob sich die Entscheidungen aus den beiden Gruppen unterscheiden. Falls das so ist, wissen wir, woran es liegt, weil wir selbst bestimmt haben, worin sich die beiden Gruppen unterscheiden. Und so sind wir auch in unserem Experiment vorgegangen.

„Unsere Überlegung war, ob Nudging auch funktioniert, wenn man darüber informiert ist und es merkt.“

In einer Ihrer aktuellen Untersuchungen haben Sie sich mit der Transparenz von Nudges beschäftigt. Was war die Ausgangsüberlegung dabei?

Nudges sind psychologische Instrumente, die menschliches Verhalten lenken, ohne etwas zu verbieten oder finanzielle Anreize zu setzen. Nudges versuchen auch nicht, über die Überzeugung und die Einstellung zu gehen, sondern setzen viel direkter am Verhalten an. Das passiert oft, ohne dass man es merkt. Unsere Überlegung war daher, ob Nudging auch funktioniert, wenn man darüber informiert ist und es merkt.

 Um welche Frage und welchen Nudge ging es in Ihrer Studie?

In unserer Studie konnten Teilnehmer spenden, um CO2-Emissionen zu reduzieren. Dieser Fokus lag zum einen an meinem Forschungsinteresse in diesem Gebiet. Zum anderen fehlten in Bezug auf transparente Nudges Untersuchungen, in denen Teilnehmer tatsächliche Entscheidungen treffen mussten, anstatt nur ihre Ansichten zu äußern. Aus der experimentellen Verhaltensforschung wissen wir, dass ein Ergebnis insbesondere dann besonders wertvoll und belastbar ist, wenn die Entscheidungen wirklich Gewicht haben – zum Beispiel Geld verloren oder Geld verdient werden kann. Und das gab es in Bezug auf den Effekt von transparenten Nudges noch nicht. Konkret ging es in unserem Experiment um den Nudge der Standardvoreinstellung.

Wie sind Sie konkret vorgegangen?

In unserem Experiment mit rund 500 Teilnehmenden in Hamburg und Rotterdam haben die Teilnehmenden 10 Euro zur freien Verfügung bereitgestellt bekommen. Die Teilnehmenden konnten dann selbst entscheiden, ob und wieviel sie davon für den Klimaschutz ausgeben oder für sich selbst behalten wollten. Das gespendete Geld ging gesammelt an eine gemeinnützige Organisation, die mit der Spendensumme Lizenzen auf dem europäischen Emissionshandelsmarkt kauft und löscht. In der Theorie sorgt das dafür, dass weniger Lizenzen für emittierende Unternehmen zur Verfügung stehen und insgesamt weniger CO2 ausgestoßen wird. Und wir haben gesehen, dass von den Teilnehmenden ein Teil des bereitgestellten Geldes gespendet wurde.

„Fast 70 Prozent aller Teilnehmenden haben ein Teil ihres Geldes gespendet, die anderen 30 Prozent haben die komplette Summe für sich behalten.“

Wie viel wurde denn durchschnittlich gespendet und was sind die Ergebnisse der Studie?

Insgesamt wurde eine Summe von 1385,50 Euro gespendet – also durchschnittlich etwa 2,78 Euro pro Person. Fast 70 Prozent aller Teilnehmenden haben ein Teil ihres Geldes gespendet, die anderen 30 Prozent haben die komplette Summe für sich behalten. Interessant dabei war, dass wir bei einigen Teilnehmenden ein Nudge zur Spendenbereitschaft eingebaut hatten. Bei der Auswahl, wie viel gespendet werden soll, hatten wir eine Standard-Voreinstellung von 80 Prozent der maximalen Spendensumme, also 8 Euro, eingebaut. Im Ergebnis haben wir gesehen, dass dieser sogenannte Default dafür gesorgt hat, dass mehr Leute gespendet haben. Denn ohne Voreinstellung haben rund 50 Prozent der Teilnehmenden gespendet, mit der angesprochenen Voreinstellung etwa 70 Prozent. Ohne Default wurde etwa 1,80 Euro gespendet, mit Default knapp 3 Euro – der Default hatte demnach sowohl in seiner Wirkung wie auch in der Höhe der Spendenbereitschaft den gewünschten Effekt.

Und welche Ergebnisse liefert die Studie hinsichtlich der Transparenz des Nudges?

Wir haben einigen der Teilnehmenden vorab Informationen bereitgestellt, wie so ein Default funktioniert und was das Ziel des Defaults ist. Damit wollten wir untersuchen, inwieweit die Transparenz über den entsprechenden Nudge Auswirkungen auf die Spendenbereitschaft hat. Im Ergebnis haben wir gesehen, dass die Transparenz über den Nudge und das Wissen über die erhoffte Wirkung keinerlei Unterschied in der Spendenbereitschaft herbeigeführt hat.

„Es gibt also wissenschaftliche Evidenz, dass das Wissen über einen Nudge nicht den Erfolg des Nudges beeinträchtigt. Und das ist eine sehr wichtige Erkenntnis.“

Wie sind die Ergebnisse zur Transparenz zu interpretieren?

Dieser sogenannte Nulleffekt ist alleinstehend immer recht schwierig zu interpretieren. Denn wenn man keine Evidenz für etwas hat, heißt das nicht, dass es Evidenz für keinen Effekt ist. Glücklicherweise gibt es aber andere Studien, die die Transparenz von Nudges untersucht haben. Und mehrheitlich decken sich die Ergebnisse mit unserem Ergebnis. Denn bei der Mehrheit der Studien zur Transparenz von Nudges aus den unterschiedlichsten Bereichen wurde ebenso kein signifikanter Effekt festgestellt, wenn der Nudge vorab transparent erklärt wurde. Einige wenige Studien finden sogar einen positiven Effekt zwischen der transparenten Darstellung und Aspekten von Nudges. Es gibt also wissenschaftliche Evidenz, dass das Wissen über einen Nudge nicht den Erfolg des Nudges beeinträchtigt. Und das ist eine sehr wichtige Erkenntnis.

Was bedeutet das für Akteure, die mit Nudges arbeiten, um beispielsweise klimafreundliches Verhalten erreichen zu wollen?

Die zentrale Botschaft ist: Es besteht kein Grund zur Sorge, dass mehr Transparenz den Erfolg eines Nudges beeinträchtigt – im Gegenteil. Wenn öffentlich über die Ziele und die verhaltensändernden Maßnahmen kommuniziert wird, lassen sich notwendige Anpassungen unseres Verhaltens in Bezug auf Klimaschutz noch besser vermitteln. Und das sollte die Politik beachten. 

Zur Person

Der Verhaltensökonom Dr. Hendrik Bruns arbeitet im “Competence Centre on Behavioral Insights” des Joint Research Center (JRC) der Europäischen Kommission. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Erforschung verhaltensökonomischer Instrumente zum Klimaschutz.

Foto: UHH, RZZ/MCC, Mentz

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