Nudging – Das war die Debatte

Eine Zusammenfassung

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Sei es die laufende Impfkampagne, der Klimawandel oder die eigene Gesundheit – Verhaltensänderung sind in vielen Bereichen notwendig. Daher hat sich Die Debatte in den vergangenen Wochen mit sogenanntem Nudging beschäftigt. Das “sanfte Anstupsen” soll Menschen zu vermeintlich besseren Entscheidungen verhelfen. Die Debatte hat dazu mit Expert*innen verschiedenster Fachrichtungen gesprochen. Höhepunkt war eine Online-Live-Debatte mit drei Expert*innen am 22.06.2021, die über YouTube live verfolgbar war und auch im Nachhinein noch abrufbar ist.

Über Nudging wird nicht nur in der Forschung diskutiert – in vielen Bereichen werden Nudges bereits erfolgreich eingesetzt, um beispielsweise Menschen dazu zu bewegen, die Treppen, anstatt der Rolltreppe zu nutzen und so etwas für ihre Gesundheit zu tun. Dass der Begriff „Nudging“ in der Bevölkerung jedoch noch weitgehend unbekannt ist, bestätigte eine kleine Umfrage auf dem Berliner Alexanderplatz.

Geprägt wurde der Begriff von Cass Sunstein und Richard Thaler in ihrem gleichnamigen Buch “Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt”. Durch Nudging-Strategien sollen Entscheidungen auf subtile Art und Weise in die gewünschte Richtung gelenkt werden. Das Besondere: Nudging kommt ohne Zwänge und finanzielle Anreize aus. Mehr zu den Hintergründen des Nudgings ist in unserem Listicle nachzulesen.

Doch wie funktioniert Nudging genau? Dabei lässt sich zwischen 10 verschiedenen Arten unterscheiden. Am bekanntesten ist dabei wohl der sogenannte Default-Nudge, der auf die Veränderung von Voreinstellungen setzt. Würde beispielsweise jeder Mensch automatisch Ökostrom beziehen und müsste sich nicht aktiv dafür entscheiden, könnte dies dem Klima und somit auch der Gesellschaft zugutekommen. Einen Überblick über weitere Arten des Nudgings und wo diese im Alltag auftauchen, bietet unser Listicle .

Von gesunder Lebensmittelwahl bis zu mehr Bewegung – Nudging-Strategien finden gerade im Gesundheitsbereich vielfach Anwendung. Zentraler Vorteil des Einsatzes von Nudging sei, dass die Strategien sehr niedrigschwellig und kostengünstig Verhaltensänderungen anregen können”, so Dr. med. Mathias Krisam im Gespräch mit Die Debatte. Ob diese kleinen Verhaltensänderungen tatsächlich zu mehr Gesundheit beitragen könnten, erklärt Marina Wirth vom Kanal Evolutionary in einem Video für Die Debatte.

Besonders der Einsatz von Nudging als politisches Steuerungsinstrument war in der Nudging-Debatte von Interesse. In der EU findet Nudging laut Dr. Hendrik Bruns meist in Form von Aufklärungs- und Informationskampagnen statt – also beispielsweise durch Energielabel oder das Mindesthaltbarkeitsdatum. Doch gerade als politische Strategie erfährt Nudging auch viel Kritik. Als generelle Problematik wird oft die Bevormundung genannt, die dabei vom Staat ausgehe, da dieser bestimmt, welches Verhalten als “gut” oder “schlecht” einzuordnen ist. Mehr zu verhaltenswissenschaftlichen Ansätzen in der Politik kann in unserem Artikel nachgelesen werden. 

Auch die manipulative Seite des Nudgings ist Auslöser für Kritik – denn wenn Entscheidungen nachhaltig beeinflusst werden sollen, sollten diese informiert und reflektiert getroffen werden, und nicht, weil die äußeren Einflüsse dahin lenken. Weiteres zu den ethischen Fragestellungen, die Nudging aufwirft, kann in unserem Artikel nachgelesen werden.

Auch Prof. Dr. Lucia Reisch von der Copenhagen Business School beschäftigt sich mit der Nachhaltigkeit von Verhaltensänderungen durch Nudging und erklärt im Interview mit Die Debatte: „Man kann davon ausgehen, dass Nudges dann längerfristiger wirken, wenn sie hinreichend häufig wiederholt werden – auch wenn die Wirkung über die Zeit abnimmt.“ Für eine andauernde Verhaltensänderung brauche es jedoch vor allem strukturelle Veränderung. Für den grundsätzlichen Erfolg von Nudging komme es „immer darauf an, dass es die richtige Zielgruppe im richtigen Moment im richtigen Umfeld mit dem richtigen Nudge trifft“.

„Es gibt also wissenschaftliche Evidenz, dass das Wissen über einen Nudge nicht den Erfolg des Nudges beeinträchtigt. Und das ist eine sehr wichtige Erkenntnis.“

Dr. Hendrik Bruns, Competence Centre of behavioural Insights des Joint Research Centre der Europäischen Kommission

Im Zusammenhang mit der Wirkung von Nudges wird auch viel diskutiert, ob diese informiert stattfinden oder nicht – also ob Menschen darüber aufgeklärt werden, wenn sie Nudging-Strategien ausgesetzt sind. Im Die DebatteInterview erklärt Dr. Hendrik Bruns vom Competence Centre of behavioural Insights des Joint Research Centre der Europäischen Kommission, dass Nudges ebenso gut funktionieren, wenn Menschen wissen, dass sie genudget werden: „Es gibt also wissenschaftliche Evidenz, dass das Wissen über einen Nudge nicht den Erfolg des Nudges beeinträchtigt. Und das ist eine sehr wichtige Erkenntnis.“

Auch wenn Kritiker*innen bemängeln, dass Vieles, das es in der Vergangenheit längst gab – wie beispielsweise Hinweisschilder – heute als Nudge bezeichnet wird: Folgt man Anhänger*innen von Nudging-Strategien, so sind diese zuletzt insbesondere im Zuge der Corona-Pandemie zum Einsatz gekommen. Aufkleber auf dem Boden, die dazu aufrufen, den Sicherheitsabstand einzuhalten und Aufforderungen zuhause zu bleiben, ist man häufig begegnet. Zuletzt wurde auch im Rahmen der laufenden Impfkampagne über Anreize gesprochen, mehr Menschen zur Impfung zu motivieren. Prof. Dr. Heike Klüver von der Humboldt-Universität Berlin ist im Gespräch mit Die Debatte der Meinung: „Das könnten die ausschlaggebenden Prozentpunkte sein, um die Herdenimmunität zu erreichen“. Anders sieht dies hingegen Felix Rebitschek vom Harding Zentrum für Risikokompetenz der Universität Potsdam: „Erst wenn alle vielversprechenden Informationsoptionen erschöpft sind, kann man über Nudging und Anreize nachdenken.“

Auf Information setzt auch Gerd Gigerenzer, Direktor emeritus am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Im Gespräch mit Die Debatte sagt er, Nudging sei „eine Form von staatlichem Paternalismus: Man unterstellt, Menschen seien eher unfähig, gute Entscheidungen selbst zu treffen und auch kaum in der Lage, dies durch Erfahrung zu lernen.“ Laut Gigerenzer müsse man eher die Frage stellen, was Menschen wissen müssen, um gute Entscheidungen zu treffen und ihnen diese Informationen bereitstellen. „Wir nennen das Boosting. Darüber sollten wir uns Gedanken machen, nicht über Möglichkeiten, Menschen auf schlaue Art und Weise zu lenken.“

Den Einsatz von Nudging-Strategien im Zuge des Klimaschutzes betrachtet Dr. Robert Lepenies vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung ebenfalls kritisch. Er sieht die Gefahr, dass die Verantwortung, die Klimakrise zu bewältigen durch sogenannte Green Nudges an das Individuum abgegeben wird. Außerdem seien diese nicht ausreichend: „Um beispielsweise die Klimakrise oder die Biodiversitätskrise zu bewältigen, brauchen wir andere und nicht nur Nudging-Konzepte.“ Marlene Münsch von ConPolicy sieht das anders: „Viele der Nudges, die in Unternehmen eingesetzt wurden, haben zu einer Verhaltensänderung der Mitarbeitenden und auch zu messbaren CO2-Reduktionen geführt.“ 

„Durch Nudging können wir den unbewussten Konsum von Fleisch reduzieren.“

Prof. Dr. Christina Gravert, Universität Kopenhagen

Das Thema Klimaschutz ist sehr eng mit dem Bereich nachhaltige Ernährung verbunden. Die Debatte hat Prof. Dr. Christina Gravert im Interview gefragt, ob eine nachhaltige Ernährung durch Nudging gefördert werden kann. Ihr Fazit: „Durch Nudging können wir den unbewussten Konsum von Fleisch reduzieren.“ Gerade dadurch, dass die Entscheidung über das Essen so häufig immer wieder aufs Neue getroffen werde, liege ein großes Potenzial, Veränderungen herbeizuführen: „Gerade diejenigen, denen die Entscheidung zwischen vegetarischem Gericht und Fleischgericht nicht so wichtig ist, lassen sich dann eher in Richtung vegetarisches Gericht nudgen.“

Höhepunkt der Reihe war die Online-Live-Debatte am 22. Juni 2021 dar, bei der Expert*innen verschiedener Fachrichtungen live zum Thema Nudging diskutiert haben. Dabei waren die Verhaltensökonomin Dr. Claudia Schwirplies von der Universität Hamburg, Prof. Dr. Benjamin Schüz von der Universität Bremen, sowie der Ethiker und Philosoph Prof. Dr. Andreas T. Schmidt von der Universität Groningen. Dr. Claudia Schwirplies erklärte, dass Nudging sowohl vom Staat als auch von Unternehmen und sogar im privaten Umfeld genutzt werden könne, da es aktuell dazu keine Regulierungen gebe – ein Unterschied sei dabei jedoch trotzdem zu treffen, da Nudging von Unternehmen meist mit einer Gewinnsteigerung verknüpft sei und dies dem Wohlfahrtsgedanken des Nudgings widerspreche. Dieser Wohlfahrtsgedanke ist es laut Prof. Dr. Benjamin Schüz jedoch auch, der die Legitimation des Nudgings erschwert, da der Staat damit festlege, welche Verhaltensweisen wünschenswert sind und somit objektiv festlege, wie Wohlfahrt in einer Gesellschaft definiert werde. Prof. Dr. Andreas Schmidt ergänzte, dass dies kulturell unterschiedlich ausfallen könne, da beispielsweise im amerikanischen Raum ein deutlich geringerer Eingriff vom Staat gewünscht sei. Weitere spannende Argumente und der Rest der Live-Diskussion kann auf YouTube nachgeschaut werden. 

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